Cyril Aris

A Sad and Beautiful World

Nino (Hasan Akil) und Yasmina (Mounia Akl) sind unzertrennlich. Foto Neue Visionen
(Kinostart: 20.8.) Eine Liebe fürs Leben: Wer wie Regisseur Cyril Aris auf die dramaturgische Macht des Zufalls vertraut, wird mit einer emotionalen Achterbahnfahrt durch die jüngere Geschichte des Libanon belohnt. Humor und Tragik liegen in seinem Film dicht beieinander.

Dramatischer kann eine Liebesgeschichte kaum beginnen: Bomben fallen auf Beirut, ein Massaker findet statt, gleichzeitig startet eine Rakete aus dem Libanon „zu den Sternen“, alles an einem Tag. Und mitten hinein in dieses Chaos werden zwei Kinder geboren, die später im Leben ein Paar werden: Nino (Hasan Akil) und Yasmina (Mounia Akl). Fast auf die Minute genau kommen sie zur selben Zeit in demselben unter Beschuss stehenden Krankenhaus in Beirut zur Welt.

 

Info

 

A Sad and Beautiful World

 

Regie: Cyril Aris,
110 Min., Libanon/ Deutschland/ USA 2025;

mit: Mounia Akl, Hasan Akil, Camille Salameh

 

Weitere Informationen zum Film

 

Wann genau sich die erzählten Ereignisse zutragen, bleibt ungewiss. Regisseur Cyril Aris verzichtet in seinem Film auf historische Einordnungen. Es herrscht Krieg; das muss genügen. Ihn interessiert vor allem, wie oft und für wie lange seine Protagonisten einander immer wieder begegnen – und wohin ihre schicksalhafte Verbindung sie führen wird.

 

Macht des Zufalls

 

Damit seine wehmütige Liebesgeschichte die beabsichtigte Wirkung entfalten kann, verlangt Aris vom Zuschauer vor allem eines: die konstruierte Prämisse zu akzeptieren, auf der die Geschichte beruht. Nur wer gewillt ist, dem Zufall zu vertrauen, wird hier entsprechend emotional berührt.

Offizieller Filmtrailer, OmU


 

Wiedersehen nach Autounfall

 

Die eigentliche Handlung setzt etwa drei Jahrzehnte später ein, als sich die Wege von Nino und Yasmina erneut kreuzen. Es ist nicht das erste Mal seit ihrer spektakulären Geburt. Doch auf den ersten Blick erkennen sie einander nicht wieder; zu verschieden sind ihre Leben seit Kindertagen verlaufen. Er ist heute ein leidenschaftlicher Gastronom, sie eine erfolgreiche Karrierefrau.

 

Auch die Voraussetzungen für ein Aufflammen zärtlicher Gefühle sind zunächst schlecht: Am Tag vor ihrem unverhofften Wiedersehen ist Nico aus Stress und Unachtsamkeit mit dem Auto in das Ladenbüro von Yasminas Mutter gefahren. Die Aufregung ist groß, der Schaden auch. Um eine Klage zu umgehen, lädt er die Geschädigten zum Essen in sein kleines Lokal ein.

 

Intensive Blicke in die Vergangenheit

 

Dort entdeckt Yasmina schließlich ein Foto von Ninos verstorbenen Eltern an der Wand. Sie hat das Bild vor langer Zeit schon einmal gesehen, als sie beide – zufällig – zusammen in die gleiche Klasse gingen. Aus Freundschaft wurde damals schnell eine kindliche Romanze. Doch dann ließen sich Yasminas Eltern scheiden, und von heute auf morgen war das Mädchen verschwunden, ohne dass Nino je erfuhr, wohin.

 

Von dieser ersten Begegnung der beiden erzählt Aris in Rückblenden, die sich harmonisch in die Gegenwartshandlung einfügen. Dass der Regisseur sich jeweils viel Zeit für die verschiedenen Erzählebenen nimmt, zahlt sich aus: Der intensive Blick in die Vergangenheit bestärkt die tiefe Verbundenheit, die sie als Erwachsene ausstrahlen.

 

Zwei Leben im Bürgerkrieg

 

Aber noch etwas wird in der Rückschau deutlich: warum Nino und Yasmina zu den unterschiedlichen Menschen wurden, die sie heute sind. Beide wuchsen während des libanesischen Bürgerkriegs auf, inmitten von permanenter Gefahr, Bedrohung und Unsicherheit – zumindest deuten wenige eingestreute Archivaufnahmen darauf hin. Aber beide gingen jeder für sich anders mit ihren Ängsten um.

 

Nino ist ein ewiger Träumer; er hat den Optimismus seines Großvaters geerbt, bei dem er damals aufwuchs. Yasmina dagegen wurde durch die Trennung ihrer Eltern zur Skeptikerin. Sie braucht Sicherheit und will weg aus der Heimat. Schon lange hat sie sich von der Firma, für die sie arbeitet, eine Versetzung nach Deutschland erhofft. Die steht nun unmittelbar bevor.

 

Tragik + Humor

 

Das Wiedersehen mit Nino bringt ihren Plan durcheinander. Sie bleibt bei ihm, und bald stellt sich die Frage, ob sie beide ein Kind großziehen wollen. Für ihn steht die Antwort fest: Er will mit ihr in Beirut eine Familie gründen, doch Yasmina hadert. Sie weiß um die Unzuverlässigkeit der Liebe, und dass die Situation in ihrer Heimat nicht besser wird. „Ich hasse die Welt, in der wir leben“, schreibt sie in einem Brief an Nino, „ich frage mich, wann hier alles eskaliert.“

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Do You Love Me" - Collage aus Archivbildern über die letzten 50 Jahre in Beirut von Lana Daher

 

und hier eine Besprechung des Films "Tel Aviv – Beirut" – epische Familiengeschichte zwischen Israel + Libanon von Michale Boganim

 

und hier ein Bericht über den Film "Wer weiß, wohin?" – originelles Toleranz-Märchen über Frauen-Power im Libanon von Nadine Labaki

 

und hier ein Beitrag über die Ausstellung "Beirut and the Golden Sixties: A Manifesto of Fragility" – großartiger Epochenüberblick über den Libanon in den 1960er Jahren im Martin Gropius Bau, Berlin.

 

Wie der Titel suggeriert, liegen in „A Sad and Beautiful World“ Tragik und Schönheit stets nah beieinander. Leichte, bisweilen durchaus witzige Momente wechseln sich ab mit ernsten Gesprächen und bitteren Wahrheiten – wie in einer Szene, in der Yasmina mit einer Freundin offen über die Strapazen der Mutterschaft redet.

 

Nebenfiguren mit Profil

 

In Ninos Lokal wird gut gegessen, gelacht, gefeiert, sich auch mal angeschrien und wieder versöhnt. Bis in die Nebenrollen zeigen Aris‘ Figuren Haltung, Charakter und Gefühle, die sich nicht immer kontrollieren lassen. Und wenn der politische Konflikt wieder aufflammt, machen sie sich erneut Sorgen: um die Lebensmittelpreise, den Strom, der nachts ausfällt, und ob das überhaupt noch ein Leben ist oder es ihnen woanders vielleicht doch besser ginge.

 

Wie um der tiefsten Verzweiflung zu entkommen, haucht Regisseur Aris seinen Bildern ab und an einen gewissen Zauber ein: etwa, wenn sich die Sonne glitzernd im Meer spiegelt, während Nino und Yasmina in Gedanken zu einer Fantasie aus ihrer Kindheit zurückkehren.

 

Träume vom Entkommen

 

Einst wünschten sie sich, gemeinsam auf eine einsame Insel zu reisen – fernab von Krieg und Zerstörung, um dort für immer glücklich zu sein. Die Vorstellung bleibt im Film in ihren Herzen lebendig, auch wenn das Schicksal und die Umstände sie irgendwann erneut zur Trennung zwingen.