Cristi Puiu

Malmkrog

Nicolai (Frédéric Schulz-Richard) und . Foto: MUBI

(MUBI-Start: 3.4.21) Quatschen bis die Revolution kommt: Der rumänische Regisseur Cristi Puiu verfilmt einen russischen Roman von 1900. Darin palavern fünf Adlige über Gott und die Welt – virtuos und folgenlos. Eine spektakulär langatmige Leinwand-Talkshow.

Bitte zu Tisch: Ende des 19. Jahrhunderts kommen auf dem Landsitz Malmkrog in Siebenbürgen fünf Personen zum Weihnachtsessen zusammen. Sie gehören zur russischen Aristokratie, gehen offenbar im Casino von Monte Carlo ein und aus, parlieren untereinander auf Französisch und gelegentlich privat auf Deutsch. Geredet wird unaufhörlich, während die Mahlzeiten den trägen Rhythmus des Tages bestimmen und die ungarische Dienerschaft schweigend Tee, Gebäck und Gerichte serviert.

 

Info

 

Malmkrog

 

Regie: Cristi Puiu,

201 Min., Rumänien/ Serbien 2020;

mit: Frédéric Schulz-Richard, Marina Palii, Agathe Bosch

 

Weitere Informationen zum Film

 

Die Kamera folgt der Konversation des Quintetts mit gemessenem Schritt durch üppig ausgestatte Räume, wahrt meist respektvoll Abstand und rahmt, wenn der Disput sich zuspitzt, abwechselnd die Sprechenden: drei Frauen und zwei Männer (ein dritter fühlt sich irgendwo im Haus unwohl), deren Dialoge den ganzen Film dominieren. Die drehen sich unaufhörlich im Kreise und reichern sich dabei mit Referenzen, Exkursen, Anekdoten und passiv-aggressiven Fiesheiten an.

 

Atemberaubend + nervtötend

 

All das ist nur erträglich oder verständlich, wenn es als Teil jener epistemologischen Blase akzeptiert wird, zu der die Kamera gleichsam als Portal fungiert. Der dreieinhalbstündige Blick in diesen entrückten Raum ist in seiner spektakulären Ödnis atemberaubend, nervtötend und einschläfernd zugleich.

Offizieller Filmtrailer


 

Ist Leben der Pilze erstrebenswert?

 

Grundlage für den Film des rumänischen Regisseurs Cristi Puiu ist der dialogische Roman „Drei Gespräche über Krieg, Fortschritt und das Ende der Weltgeschichte mit Einschluss einer kurzen Erzählung vom Antichrist“ des russischen Dichters und Religionsphilosophen Wladimir Solowjow aus dem Jahr 1900. In ihm besprechen die Hauptfiguren in einer rigiden, ritualisierten und streng reglementierten Feudalgesellschaft die großen Themen ihrer Zeit.

 

Gibt es einen guten Krieg und einen schlechten Frieden? Wie scheidet sich das Böse vom Guten? Könnte das Himmelreich auf Erden auch ohne Gott auskommen? Ist es für Menschen erstrebenswert, wie die Pilze zu leben, oder landen sie so am Ende auch nur in der Pfanne? Die junge Gastgeberin Olga schlägt sich eher auf die Seiten der Idealisten; der Politiker Edouard flirtet mit Kierkegaards Proto-Existentialismus. Olgas Gatte (oder Bruder?) Nikolai argumentiert dagegen mit der Bibel in der Hand, während die Generalsgattin Ingrida alles aus militärischer Sicht betrachtet.

 

Eurozentrik à la russe

 

Das mag schön zu lesen sein, wenn es die Möglichkeit zum Innehalten und Zurückblättern gibt. Das Zeitmaß des Film aber reißt die Erzählung unaufhörlich weiter voran. So gilt es, sich zu entscheiden: entweder der Rhetorik zu folgen oder den Film als formales Ganzes zu betrachten. Letzteres wird zweifellos reicher belohnt. Denn auf der Wortebene steht der elitäre Gestus des Films dem seiner Figuren in nichts nach. Da es partout nichts zu tun gibt außer zu essen, werden konsequenzlose Gedankenspiele gespielt und Scheingefechte gefochten, obwohl sich alle Personen im Grunde einig sind: Sie sind hier genau auf dem richtigen Platz im Leben gelandet.

 

Wie Parodien platonischer Bürger-Philosophen können sie, frei von anderweitigen Verpflichtungen, Angelesenes wiederkäuen und zum Zeitvertreib darüber nachdenken, ob sie nun russische Europäer sind oder doch eher europäische Russen. Froh sind sie allesamt, keine Bauern, Asiaten oder gar Afrikaner zu sein, die sich – da sind sie sich alle einig – selbstredend an diesen europäischen Werten zu orientieren haben.

 

Sinnlich erfahrbare Höllenvision

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Mir ist es egal, wenn wir als Barbaren in die Geschichte eingehen“komplexes Theater-im-Film-Historiendrama über Rumäniens faschistische Vergangenheit von Radu Jude

 

und hier einen Beitrag über den Film „Mathilde“ – gelungenes Historiendrama über Zar Nikolai II. + das vorrevolutionäre Russland von Alexander Uchitel mit Lars Eidinger

 

und hier eine Besprechung des Films „Scarred Hearts – Vernarbte Herzen“elegisch-poetische Romanverfilmung von Radu Jude

 

und hier einen Bericht über den Film „Francofonia“ – poetisch origineller Essayfilm über die Rettung der Louvre-Kunstschätze im Zweiten Weltkrieg von „Russian Ark“-Regisseur Alexander Sokurow.

 

In der Mitte des Films schlägt ein Weltgeist aus der Maschine zu und lässt das eitle Geschwätz unversehens im Gewehrfeuer untergehen. Gleich darauf lassen sich jedoch alle, als wäre nichts geschehen, wieder zum Diner nieder. Das mag mit dem Thema der Auferstehung zu tun haben, dem sie sich in der zweiten Filmhälfte zuwenden. Oder es mag darauf hindeuten, dass auch die russische Revolution es nicht vermochte, den Geist der herrschenden Klasse aus den Köpfen der Europäer zu vertreiben.

 

Es gibt jedenfalls einen Hinweis darauf, dass sich dieses Werk irgendwie entschlüsseln ließe. Dafür bedarf es möglicherweise mehr als einer Sichtung. Für die Literaturwissenschaft mag hier ein Weg, wenn nicht zur Erkenntnis, dann doch zur Erbauung liegen. Für normale Menschen ist der Film eher eine Höllenvision, welche die Marter von Sartres „Geschlossener Gesellschaft“ sinnlich erfahrbar macht. Eigentlich ist es unmöglich, dieser untergehenden Herrscherklasse zu einem anderen Zwecke als dem der Bloßstellung so dicht auf den Pelz zu rücken. Aber wenn der Film Kritik anmelden will, versteckt sich diese irgendwo im weiten Feld der Ironie.

 

Von Russian Ark zu letzter Instanz

 

So ähnelt „Malmkrog“ durchaus „Russian Ark“ von Alexander Sokurow. Der russische Regisseur drehte 2002 einen 90-minütigen Rundgang durch die Eremitage in St. Petersburg in einer einzigen Einstellung; dieser Bilderrausch war nur um den Preis unsäglicher Dialoge mit pseudohistorischen Figuren zu haben. Und auf fatale Weise erinnert Puius Werk auch an jene mittlerweile berühmte WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“; da wurden Ende Januar fünf weiße Promis eingeladen, um gemeinsam über Rassismus zu debattieren.

 

(Seit 3.4.21 bei MUBI)