Amanda Seyfried + Clive Owen

Anon

The Girl (Amanda Seyfried) zielt auf Sal Frieland (Clive Owen). Foto: Koch Films

(Netflix-Start: 3.5.21) Jeder hat sein Daten-Päckchen zu tragen: In einer Welt totaler Digital-Überwachung ereignen sich rätselhafte Morde. Daraus macht SciFi-Regisseur Andrew Niccol einen Thriller, der zwar gekonnt düster inszeniert ist, aber unausgegoren wirkt.

Wie viele Science-Fiction-Dystopien verträgt ein Regisseur? Mit „Gattaca“ legte Andrew Niccol 1997 ein spektakuläres Regiedebüt vor. Auch anschließend konzentrierte er sich mit mehr oder weniger Erfolg auf heikle Zukunftsvisionen: Er verfasste das Drehbuch zu „The Truman Show“ (1998) von Peter Weir über einen Mann, dessen Leben eine inszenierte TV-Show ist, und schickte Justin Timberlake und Amanda Seyfried in „In Time – Deine Zeit läuft ab“ (2011) auf eine actionreiche Verfolgungsjagd im Wettlauf gegen die Zeit.

 

Info

 

Anon

 

Regie: Andrew Niccol,

96 Min., Großbritannien 2018;

mit: Clive Owen, Amanda Seyfried

 

Weitere Informationen

 

Zwei Jahre später versuchte sich der gebürtige Neuseeländer an der Adaption einer Vorlage von „Twilight“-Autorin Stephenie Meyer. Doch das romantische SciFi-Abenteuer „The Host – Seelen“ über Aliens, die in menschlichen Körpern als Wirtstieren hausen, litt unter dem fundamentalistisch christlichen Weltbild der Autorin. Bei „Anon“ hat Niccol wieder ein eigenes Skript verfilmt – dessen Prämisse könnte aktueller und brisanter kaum sein.

 

Alles virtuell gespeichert

 

In naher Zukunft wird alles, was Menschen in ihrem Alltag sehen, erleben und tun, digital aufgezeichnet; es ist sofort und jederzeit durch staatliche Einrichtungen einsehbar. So wird die Aufklärung von Verbrechen zum Kinderspiel. Digitale Überwachung ist omnipräsent und jedes Privatleben abgeschafft; selbst Erinnerungen werden virtuell gespeichert und lassen sich nach Belieben abrufen.

Offizieller Filmtrailer


 

In einer stahlgrau sterilen Welt

 

Eine riesige Datenbank namens „Ether“ sammelt sämtliche Informationen, die direkt in jedermanns Augen gelangen; dazu tragen alle Menschen Implantate. Doch das System ist nicht ganz wasserdicht. Daher geraten der routinierte Ermittler Sal Frieland (Clive Owen) und seine Kollegen ins Schleudern, als eine Reihe von Morden durch einen anonymen Hacker auf raffinierte Weise vertuscht wird: Der Täter kann den Moment des Verbrechens im Gehirn des Opfers löschen. Dann überspielt er ihn mit einer manipulierten Datei, die den tödlichen Schuss aus der Perspektive des Killers zeigt; so bleibt dieser unerkannt.

 

Für diesen Plot entwirft Regisseur Niccol eine stahlgrau sterile Welt ohne Humor und Mitgefühl; selbst beim Sex bleiben Emotionen quasi außen vor. Um dem geschickten Täter auf die Schliche zu kommen, stellt sich Ermittler Frieland selbst als Köder zur Verfügung, denn die Morde haben durchaus Methode. Stets geht es darum, Seitensprünge, gefährliche Liebschaften oder sonstige Fehltritte aus der „Ether“-Datenbank zu löschen – wofür die Auftraggeber mitunter mit ihrem Leben bezahlen.

 

Digital-Ausweis für jedermann

 

Bald hat Frieland einen Verdacht, wer hinter der Mordserie stecken könnte. Als er zum nächsten Tatort marschiert, kommt ihm auf der Straße eine mysteriöse Frau ohne virtuellen Daten-Ausweis entgegen. Während bei allen anderen Menschen, denen er begegnet, ein digitaler Balloon ihm automatisch Name, Alter und Beruf der Person anzeigt, fehlen bei dieser Frau im schwarzen Trenchcoat sämtliche Hinweise auf ihre Identität. Von „Ether“ wird sie lediglich als „Fehler“ im System registriert ist. Eine Recherche in den dunkleren Ecken der Datenbank enttarnt sie als Anon (Amanda Seyfried) – das Katz-und-Maus-Spiel zwischen ihm und ihr kann beginnen. 

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „The Song of Names“ – vielschichtiges Drama über jüdischen Violinisten + Holocaust-Überlebenden von François Girard mit Clive Owen

 

und hier eine Besprechung des Films „The Circle“ – Adaption des Bestseller-Romans von Dave Eggers über totale soziale Kontrolle durch Internet-Monopolisten von James Ponsoldt

 

und hier einen Beitrag über den Films „Bliss“ – verwirrendes SciFi-Spiel mit Realität und Simulation von Mike Cahill

 

und hier ein Bericht über den Film  „Tenet“ – komplex-absurder Sci-Fi-Actionthriller von Christopher Nolan.

 

Das magere Handlungsgerüst könnte durchaus einen attraktiven Film ergeben; angefangen mit dem Thema totale Kontrolle, in der jede Privatsphäre abgeschafft und das kritiklos hingenommen wird. Ansonsten unterscheidet sich die in „Anon“ dargestellte Welt nur unmerklich von der gegenwärtigen. All das könnten reizvolle Ausgangspunkte für einen atmosphärisch dichten, zukunftsweisenden Krimi sein – doch leider hat Regisseur Niccol es versäumt, ihn zu drehen.

 

Düsternis allein reicht nicht

 

Zwar ähnelt sein Look durchaus dem fatalen Hochglanz-Perfektionismus der Gesellschaft in „Gattaca“, seines ersten und mit Abstand besten SciFi-Thrillers. Auch die monoton düstere Farbgebung der Bilder von Kameramann Amir Mokri, mit dem Niccol bereits zwei Mal zusammengearbeitet hat, ist typisch für seine Filme. Aber an die Kühnheit und Intelligenz seines Debütfilms reicht „Anon“ in keiner Minute heran; außer einer ungemütlichen Vorahnung kommt nur wenig Spannung auf.

 

Die gekonnt inszenierte Atmosphäre allein kann weder über das mangelhafte Drehbuch noch über die hölzerne Charaktere hinwegtäuschen; da sehnt man sich nach Owens engagiert subtilem Spiel in seinem jüngsten Film „The Song of Names“ (2019), dem Drama eines Holocaust-Überlebenden von François Girard. Auch bei Niccol geht es um Identität und deren Manipulation, doch sein Film wirkt enttäuschend unausgegoren.

 

Seit 3.5.21 bei Netflix