Ildikó Enyedi

Silent Friend

Neurowissenschaftler (Tony Leung Chiu-wai) liebt den mächtigen Ginkgo im botanischen Garten der Universität. Foto: © Pandora Film
(Kinostart: 15.1.) Ihr Freund, der Baum: Ein Ginkgo im Botanischen Garten von Marburg verbindet Menschen aus drei Generationen miteinander. In ihrem bildgewaltigen Essay-Spielfilm fragt Regisseurin Ildikó Enyedi nach unserem Verhältnis zu Pflanzen – und gibt statt klarer Antworten viele Anregungen.

Pflanzen sind für das Leben auf unserem Planeten essentiell. Trotzdem sind die Beziehungen zwischen Mensch und Flora überwiegend von Ignoranz, Nützlichkeitsdenken und ästhetischen Empfindungen geprägt. Wir leben, so scheint es, in unterschiedlichen Sphären.

 

Info

 

Silent Friend

 

Regie: Ildikó Enyedi,

147 Min., Deutschland/ Ungarn 2025;

mit: Tony Leung Chiu-wai, Léa Seydoux, Luna Wedler, Martin Wuttke, Sylvester Groth

 

Weitere Informationen zum Film

 

Haben Pflanzen ein Bewusstsein? Nehmen sie uns überhaupt wahr? Wie kommunizieren sie miteinander? Das relativ junge Forschungsfeld der Pflanzen-Neurobiologie hat auf diese Fragen noch keine eindeutigen Antworten gefunden. Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedis stellt nun in ihrem originellen Film „Silent Friend“ einen stattlichen Ginkgobaum in den Mittelpunkt.

 

Ein Baum, drei Epochen

 

Er wächst im Alten Botanischen Garten von Marburg und dient als verbindendes Element dreier Erzählebenen – ein stiller Beobachter des menschlichen Treibens im Lauf eines guten Jahrhunderts. Ginkgobäume, die älter als tausend Jahre werden können, stammen aus China und kamen erst im 18. Jahrhundert nach Europa. Der Baum ist ein „Fremder“ in seiner Umgebung. Das hat er mit den drei menschlichen Protagonisten des Films gemeinsam, die ebenfalls Außenseiter sind.

Offizieller Filmtrailer


 

2020 – Ein ungewöhnliches Experiment

 

Während der Covid-19-Pandemie 2020 strandet der chinesische Hirnforscher Tony (Tony Leung Chiu-Wai) an der Universität Marburg. In seiner Isolation kommt er mit Hilfe der französischen Pflanzenwissenschaftlerin Alice (Léa Sedoux), deren Vorlesungen er online verfolgt, auf die Idee zu einem ungewöhnlichen Experiment.

 

Er schließt seine Apparate, die zur Messung menschlicher Gehirnströme dienen, an den besagten Ginkgobaum an. Dabei wird er misstrauisch von Hausmeister Anton (Sylvester Groth) beäugt, dem einzigen anderen Anwesenden auf dem leergefegten Campus.

 

1908 – Die erste Studentin

 

Mehr als ein Jahrhundert früher ist die junge Botanikstudentin Grete (Luna Wedler) 1908 die erste Frau, die ihr Studium an der Marburger Universität aufnehmen darf. Zuvor muss sie eine quälende Fragerunde voller Anzüglichkeiten über sich ergehen lassen. Doch mit ihrer Schlagfertigkeit und ihrem Fachwissen beeindruckt sie die Professoren.

 

Auch außerhalb der Universität schlägt Gretes Unabhängigkeit hohe Wellen. Ihre Wirtin wirft sie aufgrund vermeintlich zwielichtiger Umtriebe hinaus. Ihre Arbeit als Assistentin bei einem alten Fotografen (Martin Wuttke) verhilft ihr nicht nur zu einer neuen Unterkunft, sondern lässt sie durch Makrofotografie auch die Welt der Pflanzen in ganz neuem Licht entdecken.

 

1972 – Die Forschung der Mitbewohnerin

 

Auf der dritten Zeitebene 1972 fremdelt ein anderer Student in Marburg, der Bauernsohn Hannes (Enzo Brumm), mit dem universitären Milieu. Anfangs sitzt er noch im Anzug in den Vorlesungen, aber bald stellt er sich auf saloppere Kleidung um. Hannes schwärmt für seine lebensfrohe Mitbewohnerin Gundula (Marlene Burow), die ihn mit ihren Ideen von freier, unverbindlicher Liebe irritiert.

 

Während ihrer Abwesenheit hütet er ihr Experiment: Sie hat eine Topfpflanze an ein Messgerät angeschlossen, um etwaige Reaktionen des Gewächses auf die sie pflegenden Menschen herauszufinden. Dieser Erzählstrang fesselt im Vergleich zu den beiden anderen nicht in gleicher Weise.

 

Ein Look für jede Zeit

 

Während sich der Ginkgobaum im Laufe der Jahrzehnte eher unmerklich verändert, sind die Wechsel im menschlichen Universitätsleben, in der Sprache und in den Geschlechterbeziehungen radikal. Diese unterschiedlichen Zeithorizonte von Pflanzen und Menschen verdeutlicht „Silent Friend“ sehr anschaulich.

 

In mal längeren, mal kürzeren Abständen springt der Film zwischen den Erzählebenen hin und her. Dabei hat jeder Teil seine eigene Bildsprache: Gretes Geschichte wird in kontrastreichen, analogen Schwarz-Weiß-Aufnahmen erzählt, während bei Hannes übersatte Farben pralle Sinnlichkeit suggerieren. Zu Tonys Zeit hingegen erzeugen die glasklaren digitalen Aufnahmen eine nüchterne Atmosphäre. 

 

Ein Fest fürs Auge

 

Gleichviel in welcher Epoche: Der Film beeindruckt mit überwältigend schönen Aufnahmen, die poetisch wirken, obwohl sie alltägliche Dinge wie Pflanzen und Gebäude zeigen. Aber sie werden eben aus einem anderen Blickwinkel als dem der gewohnten Alltagsrealität gezeigt. Auch gehen am Drehort Marburg Alt und Neu charmante Verbindungen ein.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Körper und Seele" – betörendes Liebesfilm-Märchen im Schlachthaus-Milieu von Ildikó Enyedi, Berlinale-Gewinner 2017

 

und hier eine Besprechung des Films "Das geheime Leben der Bäume" – Dokumentarfilm von Jörg Adolph über die pflanzenneurowissenschaftlichen Thesen des Autors Peter Wohlleben

 

und hier einen Beitrag über den Film "Sieben Minuten nach Mitternacht" – bewegendes Melodram über Freundschaft zwischen einem Jungen und einem Baum-Monster von  Juan Antonio Bayona

 

sowie hier eine Kritik des Films "In die Sonne schauen"über vier Zeitebenen sich erstreckendes Bauernfamilien-Epos von Masha Schilinski.

 

Fantastische Großaufnahmen von Gewächsen und pulsierende Visualisierungen von Hirnströmen und Pflanzensäften sind ein wahres Fest fürs Auge. Das Ganze wird mit einem komplexen elektronischen Score unterlegt, nur an wenigen Stellen gezielt von einem halb englischen, halb spanischen Song unterbrochen.

 

Alles ist verbunden – irgendwie

 

So wie eine Pflanze selten gerade wächst, mäandert auch der Film. Er lässt sich Zeit und baut so einen meditativen Sog auf. Vieles wird in Analogien zusammengebracht, die im Ungefähren schweben: neuronale Netzwerke, Wurzelnetzwerke, Kommunikation, alles ist mit allem verwoben – irgendwie.

 

Dieses vernetzte Denken sorgt für viele Impulse und Gedankenanregungen, verweigert sich aber konkreten Aussagen. Leichtverdauliches metaphysisches Geraune charakterisierte auch schon „Körper und Seele“, Ildiko Enyedis Berlinale-Gewinnerfilm von 2017. In dieser leichtfüßigen Liebesgeschichte kommen sich zwei Einzelgänger näher, weil sie sich beide in ihren Träumen in Rotwild verwandeln.

 

Plädoyer für behutsame Annäherung

 

Auch dieser Film wirkt vor allem wegen seiner Grundidee lange nach: Wie können wir mit Wesen in Kontakt treten, die völlig anders sind als wir? Enyedi plädiert für eine behutsame Annäherung.