Jörg Adolph + Jan Haft

Das geheime Leben der Bäume

Peter Wohlleben, Förster und erfolgreicher Buchautor. Foto: © 2019 Constantin Film Verleih GmbH

(Kinostart: 23.1.) Schwelgerisches vom Baumflüsterer: Regisseur Jörg Adolph findet eindrucksvolle Bilder für das Leben im Wald – zumindest wie es Bestsellerautor Peter Wohlleben sieht. Eine kritische Auseinandersetzung mit seinen Thesen bleibt aus.

Die mediale Aufbereitung des Naturerlebens hat Konjunktur: von opulent gefilmten Dokus über jeden Winkel des Globus bis zu Kiosk-Regalen, in denen sich Zeitschriften-Titel stapeln, die das Landleben vor allem aus dekorativer Perspektive betrachten. Diese Sehnsucht nach dem Grünen erstaunt kaum – angesichts der Tatsache, dass die meisten Menschen viel Zeit in geschlossenen Räumen verbringen.

 

Info

 

Das geheime Leben der Bäume

 

Regie: Jörg Adolph + Jan Haft,

101 Min., Deutschland 2019;

mit: Peter Wohlleben

 

Website zum Film

 

Wenn es um die Herzenslandschaft der Deutschen geht – als solche darf der Wald seit der Romantik wohl mit Recht gelten –, ist seit einigen Jahren die Stimme des ehemaligen Försters Peter Wohlleben die am stärksten präsente im Medien-Dschungel. In mehr als einem Dutzend Sachbücher beschreibt der Mittfünfziger ökologische Zusammenhänge so anschaulich wie unterhaltsam.

 

Mischwald als Ideal

 

Darin plädiert er leidenschaftlich für einen naturnahen Waldumbau; samt einer Abkehr von den verbreiteten Fichten-Monokulturen, die nur der Holzgewinnung dienen, und dem bislang vorherrschenden Einsatz schwerer Erntemaschinen, so genannter Harvester. Ein artenreicher Buchen-Mischwald ist Wohllebens Idealvorstellung.

Offizieller Filmtrailer


 

Beseelte Natur

 

Wahrlich keine neuen Erkenntnisse in der Naturschutzbewegung – doch Wohlleben besitzt die Gabe, diese Ideen so zu verpacken, dass er beim breiten Publikum einen Nerv trifft. Schaut man sich „Das geheime Leben der Bäume“ nach seinem gleichnamigen Buch-Bestseller von 2015 an, so wird schnell offenkundig, warum: Wohlleben ist ein eloquenter Charismatiker, der vor Publikum sichtlich aufblüht. Ein Menschenfischer im Dienste der Bäume. Dieser Film ist ganz auf ihn und seine Thesen zugeschnitten.

 

Unterhaltsam vermittelt der ehemalige Forstbeamte seine Auffassungen zum Ökosystem Wald. In seinen Augen ist die Natur ganz eindeutig beseelt; wohl genau deshalb hört ihm sein Publikum gern zu. Wohlleben spricht von Baumfamilien, Baumfreundschaften und generell von Pflanzen als fühlenden Wesen. Kaum ein Anderer dürfte in jüngster Zeit mehr Leute für den Schutz des Waldes begeistert haben als der Superstar unter den Baumverstehern; zweifelsohne ist das ein großes Verdienst.

 

Sendungsbewusstsein trifft Geschäftssinn

 

Doch unter seinen Berufskollegen sind die Meinungen zu seinen Auffassungen geteilt. Die sind nämlich durchaus speziell und entsprechen nicht unbedingt dem Lehrbuch-Wissen der Disziplin. Insbesondere Wohllebens vermenschlichende Metaphern sind nüchternen Wissenschaftlern ein Graus. Seine Försterstelle in der kleinen Eifelgemeinde Wershofen hat er bereits vor einigen Jahren zugunsten seiner Autoren-Laufbahn aufgegeben.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Becoming Animal“ – ambitionierter Essayfilm zur „Allbeseeltheit der Welt“ von Emma Davie und Peter Mettler

 

und hier eine Besprechung des Films „Amazonis (3D) – Abenteuer Regenwald“ – Dschungel-Doku-Drama von Thierry Ragobert

 

und hier einen Beitrag über den Film „Das grüne Wunder – Unser Wald“ – Langzeit-Doku von Naturfilmer Jan Haft

 

Mittlerweile hat er eine Waldakademie gegründet, in der man sich zum Waldführer ausbilden lassen, Kurse in Waldbewirtschaftung belegen oder auch ein Kamingespräch mit Peter Wohlleben persönlich buchen kann. Vergleichsweise kostengünstig ist der Kauf des Magazins „Wohllebens Welt“, das seit einigen Monaten erscheint. Sendungsbewusstsein und Geschäftstüchtigkeit gehen bei diesem Baumflüsterer Hand in Hand.

 

Eindrucksvoller als ein Waldspaziergang

 

Über solche Hintergründe erfährt man in diesem Film freilich nichts. Der inszeniert Wohlleben ganz als umtriebigen Umweltschützer, der vom Hambacher Forst über den polnischen Białowieża-Urwald bis nach Kanada reist, um sich überall für bedrohte Wälder einzusetzen. Außerdem begleitet Regisseur Jörg Adolph den Naturschützer bei Vorträgen und Fernsehauftritten oder schaut ihm am Schreibtisch über die Schulter.

 

Das Herzstück des Filmes sind die großartigen Naturaufnahmen von Jan Haft, mit denen Wohllebens Ausführungen unterlegt sind. Zeitrafferbilder von sich entfaltenden Blättern und extreme Nahaufnahmen von Insekten wirken ebenso beeindruckend wie Panorama-Totalen von Bäumen oder dem sternbedeckten Nachthimmel. Mit dieser ästhetischen Überhöhung dürfte kaum ein realer Waldspaziergang mithalten können: Hier ist alles larger than life.

 

Schöner Werbefilm

 

So hinterlässt der kurzweilige Film bei aller Achtung für Wohllebens Einsatz für einen Wald, der mehr sein soll als nur eine Holz- und Wildplantage, zugleich ein zwiespältiges Gefühl. Eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Person und Thesen hätte vielleicht weiterreichende Erkenntnisse gebracht als dieser exzellent bebilderte Werbefilm für seine Aktivitäten.