
Kleine Punkte schwirren über die Leinwand. Sie verdichten sich kurz zu Formen und werden wieder zu Punkten, die sich nun als Vögel entpuppen. Schlagartig ändern sie ihre Flugbewegungen. So beginnt „Ingeborg Bachmann – Jemand, der einmal ich war” von Regina Schilling. Es ist ein passendes Bild für einen Dokumentarfilm, der sich weniger für biografische Gewissheiten interessiert als für die flüchtigen Konstellationen, aus denen sich ein Leben zusammensetzt.
Info
Ingeborg Bachmann –
Jemand, der einmal ich war
Regie: Regina Schilling,
95 Min., Deutschland/ Österreich 2026;
mit: Sandra Hüller, Ingeborg Bachmann, Max Frisch
Weitere Informationen zum Film
Was von einem Leben übrig bleibt
Hüllers Figur ist keine Bachmann-Doppelgängerin. Sie ist vielmehr das, was von Bachmann übrig ist, nachdem Generationen versucht haben, sie zu erklären. Immer wieder ist sie in re-enactments in der römischen Wohnung zu sehen. Sie gießt die Blumen, raucht Zigaretten, nimmt Tabletten, die sie mit Cognac herunterspült, oder tippt auf einer Schreibmaschine.
Offizieller Filmtrailer
Schauspielerin als Medium
Einmal sitzt sie vor einem leeren Blatt und sagt: „Ich existiere nur, wenn ich schreibe.“ Wer selbst schreibt, kennt dieses Gefühl, dass der eigene Selbstwert an die Produktion von Sätzen gekoppelt ist. Als eine Stimme aus dem Off sie bittet, den Satz noch einmal zu sprechen – diesmal selbstbewusster –, antwortet Hüller: „Das ist schwierig in dieser Haltung, aber ich versuch’s.“ Schilling lässt beide Takes stehen. Sie stellt keine authentische Autorin her, sie macht die Reibungen sichtbar, die jede Annäherung an sie erzeugt.
Nicht jede der nachgestellten Szenen ist gelungen. Manche bleiben illustrativ. Doch Hüller bewahrt sie davor, zu bloßen Nacherzählungen zu werden. Sie ist eine Art Medium, und die erwähnte Séance mehr als eine hübsche Metapher. Die heimliche Heldin des Films ist die Montage. Mit ihr verschiebt Schilling ständig die Perspektive zwischen Archivmaterial, Interviews, Zitaten und re-enactments.
Erinnerungen, Bilder + Erzählungen
So entsteht weniger das Porträt einer Person als das Nachbild einer Stimme, die bis heute durch die Bilder hindurchspukt, die andere von ihr gemacht haben. Bereits in der Dokumentation „Kulenkampffs Schuhe“ (2018) zeigte Schilling ihr Interesse an den Überlagerungen von Erinnerung, medialen Bildern und Erzählungen. Hier treibt sie dieses Verfahren noch weiter.
Wie Erinnerungsfetzen tauchen einzelne Stationen ihres Lebens auf: die Bombennächte in ihrer Heimat Klagenfurt 1944, in denen sie lieber Rilke und Baudelaire las, als in den Bunker zu flüchten; der frühe Ruhm nach dem Preis der Gruppe 47; die obsessive Arbeit an ihrem unvollendeten Projekt “Todesarten”; die Beziehungen zu den Autoren Paul Celan und Max Frisch; die Freundschaft mit dem Komponisten Hans Werner Henze, für dessen Stücke sie Libretti schrieb.
Bachmann + die Männer
Einmal sagt Bachmann, sie könne nur mit Männern existieren. Jahre später schreibt sie an Max Frisch, sie wolle nie wieder mit einem Mann zusammenleben. Der Film belässt es bei diesem Widerspruch – und beobachtet die Öffentlichkeit, die daraus eine Erzählung machte.
In den Archivaufnahmen erscheint die Literaturszene der Nachkriegsjahrzehnte als hermetischer Männerbund: arrogante Moderatoren, gönnerhafte Kritiker, die selbst im Lob noch herablassend über die schreibende Frau sprechen. Bachmann benannte das bereits und wurde dafür als “emotional” kritisiert. Vieles von dem, was heute klar als sexistisch benannt würde, wurde damals womöglich einfach weggelächelt.
Sprache, die Verhältnisse sichtbar macht
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste" – Drama über die toxische Beziehung zwischen ihr und Max Frisch von Margarethe von Trotta
und hier eine Besprechung des Films "Die Geträumten" – verfilmter Briefwechsel zwischen Paul Celan und Ingeborg Bachmann von Ruth Beckermann
und hier einen Beitrag über den Film "Mary Shelley" – gelungenes Biopic über die Schriftstellerin + Erfinderin von "Frankenstein" von Haifaa Al Mansour
und hier einen Bericht über den Film "Colette" – opulentes Biopic über die französische Erfolgsautorin von Wash Westmoreland.
Doch Bachmanns Interesse erschöpfte sich nicht in solchen Diagnosen. Es galt auch der Sprache, die die Verhältnisse sichtbar macht. „Ich habe ja keine neue Sprache“, sagte sie einmal: „Aber ich glaube, dass die deutsche Sprache in einem neuen Zustand sein muss, wenn man mit ihr neue Dinge sagen kann.“
Soundtrack von Soap&Skin
Dank des düsteren Soundtracks wirken die Archivbilder, als würden sie von der Gegenwart heimgesucht; wie Signale, die noch immer in die Gegenwart hineinreichen. Die Musik stammt von der Musikerin Anja Plaschg alias Soap&Skin, die Bachmann bereits in dem Film „Die Geträumten“ über ihre Beziehung zu Paul Celan ihre Stimme lieh.
Bachmann wäre am 25. Juni 100 Jahre alt geworden. Schilling macht aus diesem Jubiläum keine Gedenkveranstaltung. Sie macht eine Stimme hörbar, die noch immer unbequem klingt.
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