
Seit dem Wettrüsten im Kalten Krieg hat die drohende atomare Auslöschung der Menschheit Filmemacher zu Weltuntergangs-Visionen inspiriert. Rekonstruktionen historischer Ernstfälle wie der Kuba-Krise, die beinahe zum Schlimmsten geführt hätte, wechselten sich ab mit Schockern, die sich die Folgen eines nuklearen Schlagabtauschs ausmalten.
Info
A House of Dynamite
Regie: Kathryn Bigelow,
112 Min., USA 2025;
mit: Idris Elba, Rebecca Ferguson, Gabriel Basso, Jared Harris
Weitere Informationen zum Film
Wenn Balance aus dem Lot gerät
Diese Phase, machen die Texttafeln zu Beginn von Kathryn Bigelows Thriller „A House of Dynamite“ deutlich, ist vorbei. Während die US-amerikanische Militärmacht weltweit immer mehr Konkurrenz bekommt, nimmt ihr Film die Frage von Kubricks Meisterwerk auf: Was passiert, wenn in der fragilen Balance aus Hochtechnologie, Abschreckung und absoluter Zerstörungsmacht etwas schiefgeht?
Offizieller Filmtrailer
Bigelow ist Militär-Insiderin
Im Unterschied zu Kubrick verzichtet die Regisseurin dabei auf Humor. Sie ist aufs Action-Kino spezialisiert und seit vielen Jahren fasziniert von der Welt des Militärs: sei es in einem sowjetischen Atom-U-Boot in „K-19 – Showdown in der Tiefe“ (2002), bei einer US-Sprengstoff-Räumeinheit im Irak („Tödliches Kommando – The Hurt Locker“, 2008) oder bei der Jagd von Geheimdiensten und Elitetruppen nach dem Terroristen-Chef Osama Bin Laden („Zero Dark Thirty“, 2012).
Bigelow kennt sich aus mit den Akronymen, Protokollen und Befehlsketten, die beim Militär üblich sind: Auch dieses „Was wäre, wenn“-Szenario ist als präzise Beobachtung der Abläufe bei professioneller Kriegsführung angelegt. Der Film beginnt mit einem normalen Morgen in den USA. Mitarbeiter des Weißen Hauses und verschiedener Militärbasen, die über ganz Amerika verteilt sind, frühstücken und verabschieden sich von ihren Familien.
Alarmstufen im Minutentakt
Um an ihre Arbeitsplätze zu kommen, passieren sie Checks, geben vor Hochsicherheits-Bereichen ihre Mobiltelefone ab und machen Smalltalk, während sie ihren Arbeitstag beginnen. Damit werden Puzzlestücke ihrer Privatleben enthüllt, die nachhallen, als es plötzlich ernst wird: Die Aufklärungsabteilung, die weltweit Raketenabschüsse beobachtet, meldet eine Abweichung vom Muster der üblichen Raketentests in China, Russland oder Nordkorea.
Schnell wird klar, dass eine Interkontinentalrakete über den Pazifik fliegt, unterwegs in Richtung USA. Binnen Minuten wird eine Alarmstufe nach der anderen ausgerufen. In einer Videokonferenz ringen der US-Präsident, seine Verteidigungsminister und ranghohe Militärs um Übersicht in der sich rasant verändernden Lage.
Am Ende ein neuer Anfang
Ein Versuch, die näher kommende Rakete über Alaska abzuschießen, schlägt fehl. Nun werden Jahrzehnte alte Notfallpläne umgesetzt und wichtige Funktionsträger in sichere Bunker evakuiert; gleichzeitig steigen B-2-Bomber der Air Force auf, auch Tarnkappenbomber genannt. Aus der Sicht der bislang vorgestellten Protagonisten folgt der Film einem gnadenlosen Countdown, an dessen Ende die Vernichtung von Chicago unausweichlich scheint.
Doch in der Sekunde vor dem Einschlag springt die Handlung zurück zum Anfang. Nun werden neue Entscheidungsträger eingeführt, die bisher nur Kurzauftritte in der zentralen Videokonferenz oder am anderen Ende einer Telefonverbindung hatten. Noch einmal läuft das Räderwerk der Verteidigungs-Maschinerie ab – und anschließend noch ein drittes Mal aus einer anderen Perspektive, jeweils eine gute halbe Stunde lang.
Unbekannte Angriffs-Ursache
Während die Story dabei die Befehlskette hinaufklettert, verschiebt sich der Fokus von der Frage, ob sich die Katastrophe irgendwie aufhalten lässt, zur noch entscheidenderen, wie die Reaktion aussehen soll. Den Präsidenten (Idris Elba) erinnert der ihm überreichte Katalog von Möglichkeiten, nukleare Gegenschläge auszulösen, an eine bizarre Speisekarte.
Allerdings kennen weder er noch sonst jemand die Ursache des Angriffs. Sind Russland, China, Nord-Korea oder alle zusammen dafür verantwortlich? Oder liegt nur menschliches Versagen irgendwo auf der anderen Seite vor? Müssen die USA jetzt um ihrer Selbsterhaltung willen alle geopolitischen Gegner vernichten? Und bekommt jemand irgendeinen Kreml-Gewaltigen ans Telefon?
Wohlgeordnetes Durcheinander
Unerbittlich läuft die eingespielte Kettenreaktion von Konsultationen und Entscheidungen ab, während noch andere Fragen die Akteure umtreiben, die sie am Laufen halten: Kann ich noch jemanden warnen? Mich wenigstens von meinen Lieben verabschieden? All das reicht aus, um das Publikum während der knapp zwei Stunden langen tour de force in die Kinositze zu pressen.
Bigelows Fähigkeit zur akkuraten Darstellung komplexer System entfaltet hier ihre volle Wirkung. Die Kameraarbeit ist so dynamisch wie ökonomisch. Die Tonspur aus Gesprächsfetzen, Durchsagen, Verständigungsversuchen und zunehmend bedrohlich klingender Musik ist ein wohlgeordnetes Durcheinander, dessen Montage die drei Kapitel miteinander zeitlich und räumlich verknüpft. Obwohl sich ein Großteil der Handlung in geschlossenen Räumen abspielt, lohnt es sehr, den Film auf der großen Leinwand zu sehen, um alle Ton- und Bild-Details zu erfassen.
Nur 61 Prozent Trefferquote
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Detroit" – Rekonstruktion der Rassenunruhen von 1967 in Detroit von Kathryn Bigelow
und hier eine Besprechung des Films "I.S.S." – klaustrophobisches SciFi-Thriller über den Machtkampf auf der Raumstation nach einem Atomkrieg von Gabriela Cowperthwaite
und hier einen Beitrag über den Film "Atomic Falafel" – sarkastische Atomkriegs-Komödie aus Israel von Dror Shaul.
Dabei lernt man eine Menge beunruhigender Details. So haben die Abfangwaffen, die eindringende Raketen noch in der Luft unschädlich machen sollen, eine Trefferquote von nur 61 Prozent – „Hitting a bullet with a bullet“ („Eine Kugel mit einer Kugel treffen“), nennt das der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater (Gabriel Basso). Im Übrigen verfügen die USA nur über 50 solcher Flugkörper; nach einem Fehlschuss wird nicht einfach ein zweiter hinterhergeschickt, weil die restlichen 49 laut Doktrin eine zweite Angriffswelle abwehren sollen.
KI-Kontrolle ergäbe Terminator
„Eine Quote wie beim Münzwurf – das kriegen wir für 50 Milliarden Dollar!“ ruft der Verteidigungsminister (Jared Harris) ungläubig aus; wer kann es ihm verdenken? Das offene Ende ist angemessen verstörend, doch nicht ohne Hoffnung. Noch gibt es menschliche Rädchen im Getriebe, die das Haus voller Dynamit vor der Explosion bewahren.
Der Film appelliert an ihre Besonnenheit und natürlich dafür, die Verantwortung nicht vollends auf Künstliche Intelligenz abzuwälzen. Was dann folgen würde, hat Bigelows Ex-Ehemann James Cameron in seiner „Terminator“-Saga prophezeit.
Ab 24.10. bei Netflix
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