Cécile de France

Frühstück bei Audrey

Audrey (Zoé Marchal) und Rémi (Vincent Macaigne). Foto: Neue Visionen
(Kinostart: 10.9.) Puppenmund tut Wahrheit kund: Als seine Sex-Puppe zu echtem Leben erwacht, wirbelt sie das Leben ihres Besitzers durcheinander. Für ihre Variation des Pygmalion-Mythos setzt Regisseurin Sophie Beaulieu auf burleske Situationskomik und derben Dialogwitz.

Wie geht der schöne Spruch? Wehe, wenn Träume wahr werden. Die Realität ist nie so schön wie die Fantasie. Der Traumstrand stellt sich als völlig überlaufen heraus, und auch der Traumjob wird irgendwann zur Routine. Mit Traumpartnern ist es meistens ähnlich: In Beziehungen sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Mit einer nach den eigenen Wünschen gestalteten Sex-Puppe kann das nicht passieren. Sie beschwert sich nie, lässt widerspruchslos alles mit sich machen und hat immer Zeit.

 

Info

 

Frühstück bei Audrey

 

Regie: Sophie Beaulieu

80 Min., Frankreich 2026;

mit: Vincent Macaigne, Zoé Marchal, Cécile de France

 

Weitere Informationen zum Film

 

Vielleicht ist Kunstrasen-Vertreter Remi (Vincent Macaigne) deshalb so glücklich mit Audrey (Zoé Marchal), denn die ist stumm, blond und immer zu Diensten. Dass er es sich mit ihr in seiner Single-Wohnung gemütlich eingerichtet hat, missfällt seiner Schwester Domi (Adèle Journeaux). Sie ist auch die einzige Person, die weiß, dass seine Lebenspartnerin aus Silikon ist. In der Firma und gegenüber den Eltern beschreibt er sie als echte Freundin, die mit ihm am Wochenende angeblich Gleitschirmflüge trainiert und auch sonst alles mitmacht.

 

Gefühle für die neue Mitarbeiterin

 

Das würde vermutlich noch lange so weitergehen, doch dann geschehen zwei Dinge: Zunächst bekommt Remis mit Patricia (Cécile de France) eine neue Mitarbeiterin, die als Vertretung für einen Kollegen einspringt. Der sportliche Kumpeltyp mit den wilden Locken ist das genaue Gegenteil von Audrey, aber sie löst etwas in ihm aus. Gleichzeitig erwacht seine Silikonfrau zuhause zum Leben und verhält sich bald gar nicht mehr so traumhaft.

Offizieller Filmtrailer


 

Aus dem Leben eines Außenseiters

 

Insbesondere im Horror-Genre sind lebendig gewordene Puppen sehr beliebt. „Chucky – die Mörderpuppe“ (1988) wurde zum Franchise mit sechs Fortsetzungen, Audreys mörderische Verwandte „M3gan“ (2022) zog ebenfalls schon ein Sequel nach sich. Seltener sind Komödien wie „Mannequin“ (1987), wo eine Schaufensterpuppe zum Leben erwacht. Glücklicherweise hat sich Regisseurin Sophie Beaulieu in ihrer Variation des Pygmalion-Motivs für einen heiteren Ton mit burlesken Elementen entschieden.

 

Man mag kaum glauben, dass dies ihr Debütfilm ist, so gekonnt spielt sie mit Erwartungen und Klischees. So ist Remis Arbeitsstelle, eine Kunstrasenfirma, ein zeitlos altmodisches Herrenbüro, wo man sich bei erfolgreichen Geschäftsabschlüssen auf die Schultern klopft und ansonsten still vor sich hinarbeitet. Mit seiner linkischen Art gehört Remi hier zu den Außenseitern. Umso mehr fühlt er sich zur neuen Mitarbeiterin hingezogen, denn viele Sozialkontakte hat er sonst nicht.

 

Von leichtbekleideter Puppe schwer überfordert

 

Seine nonbinäre Schwester Domi versucht manchmal, ihn aus seinem Schneckenhaus herauszulocken. Doch Remi trauert immer noch seiner Jugendliebe nach und lebt deswegen lieber mit einer stummen Puppe. Eigentlich ist er ein trauriger Romantiker, der nun unverhofft mit einer bizarren Situation fertigwerden muss: Seine Sex-Puppe entwickelt eine Persönlichkeit. Als stumme Gesellschaft beim Essen aus der Mikrowelle hat sie für ihn bestens funktioniert. Dass sie sich aber nun bewegt und redet, überfordert ihn.

 

Er denkt noch nicht einmal daran, ihr neue Anziehsachen zu besorgen. So muss sie fürs erste im mitgelieferten Negligé und barfuß herumlaufen. Ihrer Programmierung gemäß will sie ein perfektes Weibchen sein, hat aber ein ziemlich ungeschliffenes Mundwerk und versagt bei der Hausarbeit kläglich. Immerhin kann er sie nun bei Freunden und Familie herumzeigen, die schwer beeindruckt von der makellosen Blondine sind.

 

Auf dem Weg zur normalen Frau

 

Er selbst kann mit seinem eigenen Fantasieprodukt mittlerweile wenig anfangen. So kümmert sich Domi ein wenig um Audrey, die von der Welt nur Remis Haus und das von ihm bevorzugte Fernsehprogramm kennt. Sie nimmt sie mit zu ihrem Vollmond- Frauenkreis und zeigt ihr etwas vom echten Leben. So verwandelt sich Audrey binnen kurzer Zeit beinahe in eine „normale“ Frau, nur ohne eigene Erfahrungen und Kenntnisse.

 

Im Gegenteil dazu hat Patricia schon vieles gesehen, ist witzig, schlagfertig, spricht sogar Arabisch und kann damit ein paar saudische Geschäftsleute beeindrucken. Remi verbringt gerne Zeit mir ihr und versucht sich trotz seiner Höhenangst sogar im Gleitschirmfliegen. Und auch sie scheint ihn zu mögen. An der „Traumfrau“ verliert er inzwischen fast das Interesse, mag sich aber auch nicht von ihr trennen – eine verzwickte Situation.

 

Unbequeme Fragen der Unbedarften

 

Das alles spielt sich vor der beeindruckenden Kulisse des Juragebirges ab, wo sicher niemand Kunstrasen braucht – ein schöner, bizarrer Einfall der Regisseurin, die auch das Drehbuch schrieb. Sie behandelt ihre Hauptfiguren mit großer Zuneigung. So nimmt die Remis unerfülltes Liebesbedürfnis ernst, das dank seiner Unsicherheit rührend wirkt.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Finding Connection" – Doku über Menschen, die anstelle realer Menschen KI-Begleiter als Partner nutzen, von Florian Karner

 

und hier eine Besprechung des Films "Tagebuch einer Pariser Affäre" – prickelnde Liebeskomödie von Emmanuel Mouret mit Vincent Macaigne

 

und hier einen Beitrag über den Film "Wild wie das Meer" – stürmische Dreiecksgeschichte über eine Fischerin Mitte 40 von Héloïse Pelloquet mit Cécile de France.

 

Audrey entwickelt derweil ein gewisses Eigenleben und beginnt unbequeme Fragen zu stellen – etwa warum sich Remis Mutter freiwillig zum Püppchen mit Schönheitswahn gemacht hat und sich ihrem chauvinistischen Mann unterordnete. Puppenmund tut hier Wahrheit kund. Die Unbedarfte stellt so das immer noch sehr altmodische Geschlechterverhältnis dieser Familie in Frage.

 

Humor auf Boulevardniveau

 

Das mündet in eine absurde Szene auf der Terrasse mündet, wo Audrey unerwartet anfängt zu menstruieren und Remis Vater das Blut angeekelt mit dem Gartenschlauch vom Stuhl spritzt – ein kleiner Schockmoment in dieser Inszenierung, die sich sonst eher durch Situationskomik und derben Dialogwitz auszeichnet. Subtil ist hier bis auf die Zeichnung der Hauptfiguren wenig.

 

Die meisten Nebenfiguren sind oft nicht mehr als Staffage oder Karikaturen. Auch der Humor bewegt sich meist auf Boulevardniveau. Dennoch ist es unterhaltsam, wie diese Audrey das feste Gefüge des kleinen Örtchens durcheinanderbringt und als Katalysator für Remis längst fälliges Erwachsenwerden wirkt. Schließlich bleibt Patricia nicht für immer; es sei denn, er traut sich zu handeln.