
Wie geht der schöne Spruch? Wehe, wenn Träume wahr werden. Die Realität ist nie so schön wie die Fantasie. Der Traumstrand stellt sich als völlig überlaufen heraus, und auch der Traumjob wird irgendwann zur Routine. Mit Traumpartnern ist es meistens ähnlich: In Beziehungen sind Enttäuschungen vorprogrammiert. Mit einer nach den eigenen Wünschen gestalteten Sex-Puppe kann das nicht passieren. Sie beschwert sich nie, lässt widerspruchslos alles mit sich machen und hat immer Zeit.
Info
Frühstück bei Audrey
Regie: Sophie Beaulieu
80 Min., Frankreich 2026;
mit: Vincent Macaigne, Zoé Marchal, Cécile de France
Weitere Informationen zum Film
Gefühle für die neue Mitarbeiterin
Das würde vermutlich noch lange so weitergehen, doch dann geschehen zwei Dinge: Zunächst bekommt Remis mit Patricia (Cécile de France) eine neue Mitarbeiterin, die als Vertretung für einen Kollegen einspringt. Der sportliche Kumpeltyp mit den wilden Locken ist das genaue Gegenteil von Audrey, aber sie löst etwas in ihm aus. Gleichzeitig erwacht seine Silikonfrau zuhause zum Leben und verhält sich bald gar nicht mehr so traumhaft.
Offizieller Filmtrailer
Aus dem Leben eines Außenseiters
Insbesondere im Horror-Genre sind lebendig gewordene Puppen sehr beliebt. „Chucky – die Mörderpuppe“ (1988) wurde zum Franchise mit sechs Fortsetzungen, Audreys mörderische Verwandte „M3gan“ (2022) zog ebenfalls schon ein Sequel nach sich. Seltener sind Komödien wie „Mannequin“ (1987), wo eine Schaufensterpuppe zum Leben erwacht. Glücklicherweise hat sich Regisseurin Sophie Beaulieu in ihrer Variation des Pygmalion-Motivs für einen heiteren Ton mit burlesken Elementen entschieden.
Man mag kaum glauben, dass dies ihr Debütfilm ist, so gekonnt spielt sie mit Erwartungen und Klischees. So ist Remis Arbeitsstelle, eine Kunstrasenfirma, ein zeitlos altmodisches Herrenbüro, wo man sich bei erfolgreichen Geschäftsabschlüssen auf die Schultern klopft und ansonsten still vor sich hinarbeitet. Mit seiner linkischen Art gehört Remi hier zu den Außenseitern. Umso mehr fühlt er sich zur neuen Mitarbeiterin hingezogen, denn viele Sozialkontakte hat er sonst nicht.
Von leichtbekleideter Puppe schwer überfordert
Seine nonbinäre Schwester Domi versucht manchmal, ihn aus seinem Schneckenhaus herauszulocken. Doch Remi trauert immer noch seiner Jugendliebe nach und lebt deswegen lieber mit einer stummen Puppe. Eigentlich ist er ein trauriger Romantiker, der nun unverhofft mit einer bizarren Situation fertigwerden muss: Seine Sex-Puppe entwickelt eine Persönlichkeit. Als stumme Gesellschaft beim Essen aus der Mikrowelle hat sie für ihn bestens funktioniert. Dass sie sich aber nun bewegt und redet, überfordert ihn.
Er denkt noch nicht einmal daran, ihr neue Anziehsachen zu besorgen. So muss sie fürs erste im mitgelieferten Negligé und barfuß herumlaufen. Ihrer Programmierung gemäß will sie ein perfektes Weibchen sein, hat aber ein ziemlich ungeschliffenes Mundwerk und versagt bei der Hausarbeit kläglich. Immerhin kann er sie nun bei Freunden und Familie herumzeigen, die schwer beeindruckt von der makellosen Blondine sind.
Auf dem Weg zur normalen Frau
Er selbst kann mit seinem eigenen Fantasieprodukt mittlerweile wenig anfangen. So kümmert sich Domi ein wenig um Audrey, die von der Welt nur Remis Haus und das von ihm bevorzugte Fernsehprogramm kennt. Sie nimmt sie mit zu ihrem Vollmond- Frauenkreis und zeigt ihr etwas vom echten Leben. So verwandelt sich Audrey binnen kurzer Zeit beinahe in eine „normale“ Frau, nur ohne eigene Erfahrungen und Kenntnisse.
Im Gegenteil dazu hat Patricia schon vieles gesehen, ist witzig, schlagfertig, spricht sogar Arabisch und kann damit ein paar saudische Geschäftsleute beeindrucken. Remi verbringt gerne Zeit mir ihr und versucht sich trotz seiner Höhenangst sogar im Gleitschirmfliegen. Und auch sie scheint ihn zu mögen. An der „Traumfrau“ verliert er inzwischen fast das Interesse, mag sich aber auch nicht von ihr trennen – eine verzwickte Situation.
Unbequeme Fragen der Unbedarften
Das alles spielt sich vor der beeindruckenden Kulisse des Juragebirges ab, wo sicher niemand Kunstrasen braucht – ein schöner, bizarrer Einfall der Regisseurin, die auch das Drehbuch schrieb. Sie behandelt ihre Hauptfiguren mit großer Zuneigung. So nimmt die Remis unerfülltes Liebesbedürfnis ernst, das dank seiner Unsicherheit rührend wirkt.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Finding Connection" – Doku über Menschen, die anstelle realer Menschen KI-Begleiter als Partner nutzen, von Florian Karner
und hier eine Besprechung des Films "Tagebuch einer Pariser Affäre" – prickelnde Liebeskomödie von Emmanuel Mouret mit Vincent Macaigne
und hier einen Beitrag über den Film "Wild wie das Meer" – stürmische Dreiecksgeschichte über eine Fischerin Mitte 40 von Héloïse Pelloquet mit Cécile de France.
Humor auf Boulevardniveau
Das mündet in eine absurde Szene auf der Terrasse mündet, wo Audrey unerwartet anfängt zu menstruieren und Remis Vater das Blut angeekelt mit dem Gartenschlauch vom Stuhl spritzt – ein kleiner Schockmoment in dieser Inszenierung, die sich sonst eher durch Situationskomik und derben Dialogwitz auszeichnet. Subtil ist hier bis auf die Zeichnung der Hauptfiguren wenig.
Die meisten Nebenfiguren sind oft nicht mehr als Staffage oder Karikaturen. Auch der Humor bewegt sich meist auf Boulevardniveau. Dennoch ist es unterhaltsam, wie diese Audrey das feste Gefüge des kleinen Örtchens durcheinanderbringt und als Katalysator für Remis längst fälliges Erwachsenwerden wirkt. Schließlich bleibt Patricia nicht für immer; es sei denn, er traut sich zu handeln.
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