
Diese imposante Szenerie war schon oft im Kino oder Fernsehen zu sehen: Auf langen, vielfach hintereinander gestaffelten Ponton-Brücken ziehen endlose Scharen von Menschen über die weiten Wasser des Ganges. Die Kumbh Mela, das hinduistische „Fest des Kruges“, findet in astronomisch berechneten Zwölf-Jahres-Zyklen statt.
Info
An den Ufern der heiligen Flüsse
(Faith Connections)
Regie: Pan Nalin,
115 Min., Indien/ Frankreich 2013;
mit: Bhole Baba, Hatha Yogi Baba, Pant Shirt Baba
Standard in Metaphysik-Dokus
Sie wurden schon unzählige Male auf Fotos und in Videos festgehalten. In Dokumentarfilmen mit metaphysischer Thematik – über Zeit, Glück etc. – gehören sie fast zum Standardrepertoire. Auch im jüngsten Film von Pan Nalin sind sie ausgiebig zu betrachten. Der indische Filmemacher hat zwölf Jahre nach seinem Spielfilmdebut „Samsara“, einer moralischen Fabel über einen buddhistischen Mönch, und sechs Jahre nach der ähnlich motivierten, historischen Liebesgeschichte „Valley of Flowers“ das größte religiöse Fest der Welt im Jahr 2013 besucht.
Offizieller Filmtrailer
Krebs mit Yoga-Stellungen heilen
Dort macht er als teilnehmender Beobachter die Feierlichkeiten zum Sujet eines langen Dokumentarfilms – eingebettet in eine familiäre Rahmengeschichte, die aus dem Off erzählt wird. Drei Kameras fangen das pittoreske Menschentreiben atmosphärisch dicht mit vielen Nahaufnahmen ein. Dazu flicht Nalin einen locker geknüpften Kranz narrativer Episoden.
Deren Protagonisten sind kleine Jungen, die verloren gingen, von Zuhause ausgerissen sind und an Kindes Statt angenommen wurden. Oder Pilger, Polizisten und hinduistische Mönche wie Sadhus, Yogis und Naga-Baba-Asketen, die althergebrachte Kifferwahn-Weisheiten verbreiten: etwa, dass man mit Yoga-Stellungen, den so genannten Asanas, Krebs heilen könne. Die einzelnen kleinen Geschichten sind impressionistisch hingetupft und vermischt.
Vom Möchtegern-Gangster zum Heiligen
Gegen Ende macht der Film einen Abstecher ins Landesinnere zu einem Dorf abseits des Festgeschehens – für eine Pointe, die fast konstruiert erscheint: Der kleine Ausreißer, den seine Eltern erst im Festgewimmel aufgetrieben und dann wieder heimgeholt haben, hat sich unversehens vom vorlauten Möchtegern-Gangster zum Möchtegern-Heiligen gewandelt.
Auch sonst steht in diesem Film, der im Original „Faith Connections“ heißt, Religiöses naturgemäß im Mittelpunkt. Dabei setzt die Inszenierung aus der Innenperspektive nicht auf besseres Verständnis oder Erkenntnisse, sondern auf Mitempfinden und Miterleben – und appelliert offensichtlich an spirituelle Bedürfnisse eines alternativen westlichen Publikums.
Frauen taugen nur zu Müttern
Hintergrund
Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.
Lesen Sie hier eine Besprechung der 3D-Doku "Fascinating India" - Rundfahrt zu klassischen Reisezielen von Alexander Sass + Simon Busch
und hier einen Bericht über die Doku "Sâdhu – Auf der Suche nach der Wahrheit" - Porträt eines Hindu-Eremiten von Gaël Métroz
und hier einen Beitrag über den Film “Mitternachtskinder” – grandiose Verfilmung von Salman Rushdies Bestseller über Indiens Geschichte durch Deepa Mehta.
Ob sein Konzept diesmal erneut aufgeht, bleibt abzuwarten: Die vorgeführten, arg patriarchalischen Verhältnisse machen die Identifikation für emanzipatorisch denkende Zuschauer schwer. Unter traditionellen Hindus haben Frauen offensichtlich nur in ihrer Funktion als Mütter von selbstverständlich männlichem Nachwuchs eine Existenzberechtigung.
Spiritueller Geschlechter-Widerspruch
Das überrascht nicht. Doch in westlichen Gesellschaften gelten spirituelle Neigungen tendenziell als weiblich besetzt; dagegen sind die meisten dadurch angesprochenen Religionen aber durchweg patriarchalisch organisiert. Ein Widerspruch, der auch das Zielpublikum von „An den Ufern der heiligen Flüsse“ betreffen dürfte; ihn genauer zu beleuchten, könnte erhellende Einsichten eröffnen. Doch Regisseur Pan Nalin, der ganz auf Einfühlung setzt, zeigt keinerlei Ambitionen, diesen Aspekt auch nur ansatzweise zu reflektieren.