Georgi Danelija

Kin-Dza-Dza!

Mit einem solchen Pepelaz ist die Eroberung des Weltraums ein Kinderspiel! Foto: © 1986 Mosfilm

(Kinostart: 10.9.) Mit Streichhölzern durch die Galaxis: 1986 drehte der sowjetische Regisseur Georgi Danelija während der Perestroika eine SciFi-Groteske, die anarchischen Witz à la Monty Python mit sarkastischer Systemkritik verband – sein Kultfilm läuft endlich hier an.

Gefahren des Großstadtlebens: Eigentlich will der Moskauer Vorarbeiter Vova (Stanislaw Ljubschin) nur kurz Nudeln und Brot besorgen, als er auf der Straße einem georgischen Geiger (Lewan Gabriadse) und einem barfüßigen alten Herren begegnet. Letzterer gibt vor, ein Außerirdischer zu sein. Ein Knopfdruck genügt – und schon finden sich Vova und der junge Georgier Gedewan in einer öden Wüste wieder. Noch wollen sie es nicht wahrhaben, doch sie wurden soeben auf den Planeten Plük teleportiert.

 

Info

 

Kin-Dza-Dza!

 

Regie: Georgi Danelija,

132 Min., Sowjetunion 1986;

mit: Stanislaw Ljubschin, Lewan Gabriadse, Evgeniy Leonov

 

Weitere Informationen

 

Obwohl sie eine Packung Streichhölzer dabei haben und damit theoretisch steinreich sind, gestaltet sich die Rückkehr zur Erde schwierig. Zunächst werden sie auf die unsanfte Tour mit den Gepflogenheiten auf Plük vertraut gemacht, mit den technologischen und sozialen Besonderheiten dieses Planeten. Und mit einer Sprache, die nur aus zwei Wörtern besteht: „Kyu“ ist das gesellschaftlich akzeptierte Schimpfwort, „Ku“ steht für alle anderen Wörter.

 

Wortschatz-Lektionen

 

Das lernen die unfreiwilligen Reisegefährten von den ersten Einheimischen, die ihnen begegnen. Die könnten ihnen zwar helfen, zur Erde zurückzukehren. Schließlich haben sie ein Pepelaz – womit ein Raumschiff gemeint ist; die Bezeichnung leitet sich vom georgischen Wort für Schmetterling ab. Dank Vovas Streichhölzern könnten sie genug Chatl zusammenbekommen, um ein Gravitsappa und ausreichend Luz für die Reise aufzutreiben. Keine Sorge – diese Begriffe werden häufig genug wiederholt, so dass sie auch beim Zuschauer hängenbleiben.

Offizieller Filmtrailer, OmU


 

Monty Python tritt Mad Max

 

Es gibt nur ein Problem: Die beiden Erdlinge gelten hier als Patsaken. Das bedeutet: Sie müssen eine kleine Glocke an der Nase tragen und einen albernen Tanz aufführen, wenn ein Tschatlane des Weges kommt; so wird der privilegierte Teil der Bevölkerung genannt. Andernfalls droht Ärger. Mit anderen Worten: Die Irrfahrten von „Onkel Vova“ und Gedewan sind noch lange nicht zu Ende.

 

Als spätsowjetische Version von Monty Python und Douglas Adams, dem Autor der fünfteiligen Romanserie „Per Anhalter durch die Galaxis“ (1979/92), bewirbt der Verleih treffend diese Science-Fiction-Komödie. Manche Kritiker fühlen sich darüber hinaus an die dystopischen „Mad Max“-Thriller (1979/85) oder auch an das Werk von Andrej Tarkowski erinnert; der Regisseur hatte für seine Kino-Meditationen eine sehr eigene, oft statische Bildsprache entwickelt.

 

Logik entschlüsseln

 

Darüber hinaus drängen sich noch andere Vergleiche auf. Zum Beispiel mit „E.T.“ (1983): Steven Spielbergs kommerziell äußerst erfolgreicher Mischung aus Märchen und Weltraumoper handelte von einem auf der Erde gestrandeten Außerirdischen. Zugleich erweist sich „Kin-Dza-Dza“ als frecher, aber aufrichtiger Abkömmling der sowjetischen Science-Fiction-Tradition: Alles in diesem Film, so töricht es zunächst aussehen mag, folgt einer stringenten Logik. Es ist an Vova, sie zu entschlüsseln.

 

Mit seiner anfänglichen Mischung aus Überheblichkeit und ungestümer Energie hat er sich nämlich schnell um seine Trümpfe gebracht. So betrachtet, knüpft das Weltraum-Abenteuer sogar an Homers Epos von den Irrfahrten des Odysseus an. Erst als er alles verloren hat, lernt Vova, das lokale System zu verstehen und für seine Zwecke zu nutzen.

 

Glasnost bremst Zensur

 

Bis dahin schlagen er und Gedewan sich als Musiker durch und dringen ins politische Zentrum des ökologisch ausgelaugten Planeten vor. Sie starten eine waghalsige Rettungsaktion, um schließlich auf eine Reise durch Raum und Zeit zu gehen. In dieser Hinsicht kann sich „Kin-Dza-Dza“ als wahre „Odyssee im Weltraum“ auch mit Stanley Kubricks Klassiker „2001“ (1968) messen.

 

Nur dass sich diese Komödie zugleich auch als Kommentar zu einer kafkaesk anmutenden Staatsführung verstehen lässt. Wie einer der – allesamt telepathisch begabten – Bewohner des Planeten sagt: „Was für ein Idiot würde auf Plük schon die Wahrheit denken?“ Dass diese Produktion der staatseigenen Firma Mosfilm nicht den Zorn der Zensur auf sich zog, dürfte am Klima kultureller Liberalisierung gelegen haben, das 1986 während der Perestroika in der Sowjetunion herrschte.

 

Dialektischer Witz

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Leto“ – brillanter Film über spätsowjetische Jugendkultur von Kirill Serebrennikow

 

und hier eine Besprechung des Films „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ – monumentale SciFi-Allegorie aus Russland von Alexej German

 

und hier einen Beitrag über den Film „Wyssotzki – Danke, für mein Leben“ – Biopic von Pjotr Buslov über den berühmtesten Liedermacher der Sowjetunion.

 

Und wohl auch am Respekt, den der georgische Regie-Veteran Georgi Danelija genoss. Im Gegensatz zu Monty-Python-Filmen ist diese Groteske nicht das Werk genialer Dilettanten, sondern dasjenige erprobter Filmhandwerker, die zum Teil fantastische Bilder heraufbeschwören: Schrottkunst in der Wüste, ein Hauch von Sowjet-Punk-Look und Sets, die an David Lynchs „Wüstenplaneten“ (1984) denken lassen.

 

Allein die Spezialeffekte erinnern eher ans DDR-Sandmännchen. Auch bewegt sich der Film gemächlich vorwärts: Die Gags kommen nicht im Stakkato, sondern eher im dialektischen Schneckentempo daher. Sie werden wohl vorbereitet und routiniert ausgespielt – um dann später ein Comeback zu haben.

 

Langlebiger Kult

 

Auf dem Gebiet der früheren Sowjetunion wurde die Satire zum Kult, der auch das Ende dieses Vielvölkerstaats überlebte. Es lässt sich nur erahnen, wie viele arglose Ordnungshüter nach dem Vorbild des Films von seinen Fans mit einer Kniebeuge und einem „Ku!“ begrüßt wurden. Dagegen blieb die launige Weltraumoperette im Westen bis vor kurzem so gut wie unbekannt; nun erlebt sie endlich ihren überfälligen deutschen Kinostart.