Ryuichi Hiroki

Ride or Die

Im Little Red Corvette: Rei Nagasawa (Kiko Mizuhara) und Nanae Shinoda (Honami Sato). Foto: Aiko Nakano/NETFLIX © 2021

(Netflix-Start:15.4.21) Amour Fou ohne Amour: Nach einem Mord sind zwei junge Japanerinnen ziellos auf der Flucht. Der Roadmovie-Psychothriller von Regisseur Ryuichi Hiroki schlingert ebenso vor sich hin – am stimmigsten ist er weitab vom Kern der Geschichte.

Die Freundin wartet schon mit einem Glas Sekt in der Badewanne, Schönheitschirurgin Rei (Kiko Mizuhara) holt schnell noch die Geburtstagstorte aus der Bäckerei: Es soll ein netter, romantischer Abend werden. Aber kaum ist Rei wieder zuhause, klingelt das Telefon – am anderen Ende der Leitung ist Nanae (Honami Satô), in die sie zu Schulzeiten schwer verknallt war.

 

Info

 

Ride or Die

 

Regie: Ryuichi Hiroki,

142 Min., Japan 2021;

mit: Honami Sato, Kiko Mizuhara

 

Website zum Film

 

Beide sind sich in den vergangenen zehn Jahren nicht begegnet. Nichtsdestoweniger lässt Rei alles stehen und liegen – um beim Wiedersehen festzustellen, dass Nanae mit Blutergüssen übersät ist. Sie erklärt ungefragt ohne Umschweife, dass ihr gewalttätiger Ehemann sterben muss, wenn sie weiterleben soll. Wie Rei darauf reagieren wird, weiß der Zuschauer bereits: Im Vorspann zu Ryuichi Hirokis Psychothriller sieht man – mit entsprechendem Splatter-Faktor – ihren kaltblütigen Mord an Nanaes Gatten.

 

Amour toxique

 

Danach fliehen die beiden Frauen: ganz klassisch im Auto, auf einem geklauten Moped oder mit dem Zug. Dabei hinterlassen sie eine absurde Fülle von Spuren und bleiben dennoch unbehelligt von allen, die ihnen angeblich auf den Fersen sind: Mal sitzen sie plaudernd und kichernd im Restaurant, mal spielen sie Brettspiele. Auch im Ferienhaus von Reis Vater können sie es sich zunächst gemütlich machen, obwohl sie mit ihrem Einbruch dort den Security-Mann aufgeschreckt haben.

Offizieller Filmtrailer


 

So mäandert die Adaption des dreiteiligen Manga-Comics „Gunjō“ von Ching Nakamura mehr als zwei Stunden ziellos und ohne dramatische Höhepunkte vor sich hin. Nur am Rande geht es in diesem Roadmovie um die Frage, ob ihre Flucht gelingen wird. Im Fokus steht etwas anderes: Was verbindet die beiden Frauen, was ist der Kitt ihrer – im Grunde toxischen – Beziehung? „Wir sind weder Freunde noch Liebende“, heißt es an einer Stelle. Das Ganze wirkt wie eine amour fou ohne amour.

 

Macht und Ergebenheit

 

Die Machtverhältnisse zwischen ihnen erscheinen anfangs einseitig, doch in Rückblenden zu ihrer gemeinsamen Schulzeit wird ihr paradoxes Verhältnis ins Licht gerückt. Nanae hat an Frauen eigentlich überhaupt kein sexuelles Interesse – und sie fühlt sich Rei unterlegen, obwohl die ihr in blinder Verliebtheit vollkommen ergeben ist.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Nina Wu“ – stilsicher inszenierter #MeToo-Psychothriller aus Taiwan von Midi Z

 

und hier einen Beitrag über den Film „Blau ist eine warme Farbe“Liebesdrama junger Lesben von Abdellatif Kechiche, Cannes-Sieger 2013

 

und hier eine Besprechung des Films „Antiporno“ – Groteske über inzestuöses Teenager-Begehren in Japan von Sion Sono

 

und hier einen Bericht über den Film „Geständnisse – Confessions“ – japanischer Racheengel-Thriller unter Schülern von Tetsuya Nakashima.

 

Nanaes Sorge, sich mit Rei nicht auf Augenhöhe zu bewegen, wurzelt in ihrer Herkunft: Ihre Mutter hatte das Mädchen in prekären Verhältnissen mit dem gewalttätigen Vater allein gelassen. Nanae konnte das Schulgeld nicht aufbringen – was seinerzeit zu einem seltsamen Deal zwischen Rei und ihr führte. Aber es wird nicht klar, warum Nanae ihren gewalttätigen Mann nicht einfach verlassen hat und warum sie wieder den Kontakt zu Rei gesucht hat.

 

In der Badewanne sitzengelassen

 

Rei ist obsessiv und übergriffig, Nanae manipulativ – das wird schnell offenbar. Diese psychologische Komponente wird im Verlauf der zweieinhalb Stunden leider zunehmend uninteressant, da nur wenig Entwicklung sichtbar wird. So bleibt die Dynamik zwischen den beiden Protagonistinnen wenig nachvollziehbar; ihre Stimmungswechsel erscheinen unmotiviert.

 

Immerhin versucht sich Regisseur Ryuichi Hiroki an einer Figurenzeichnung jenseits von Klischees und abgenutzten Rollenbildern. Das funktioniert in dieser eigenwilligen Mixtur aus Ridley Scotts Thriller „Thelma & Louise“ (1991) über Freundinnen auf der Flucht und dem lesbischen Coming-of-Age-Film „Blau ist eine warme Farbe“ (2013) von Abdellatif Kechiche mal mehr, mal weniger.

 

Abschweifungen sind am besten

 

Zudem wirkt die langatmige Inszenierung oft unfokussiert: So erschließt sich nicht, welche erzählerische Funktion die in der Badewanne sitzengelassene Freundin haben soll, wenn dieser Nebenstrang nach Beginn des Films versandet und nur noch einmal kurz wieder auftaucht. Es gibt aber auch Passagen, in denen man der Handlung gern folgt, weil sich unerwartete Perspektiven eröffnen – wenn etwa aufblitzt, wie sich beide Frauen auf ihrer Flucht eigentlich erst kennenlernen. Paradoxerweise sind die stimmigsten Momente diejenigen, in denen sich diverse Abschweifungen weit vom Kern der Geschichte entfernen.

 

(seit 15.4.21 bei Netflix)