Rainer Bock

Karla

Karla (Elise Krieps) im Zeugenstand bei der Gerichtsverhandlung. Foto: Achtung-Panda/Florian Emmerich
(Kinostart: 2.10.) Dem Unsagbaren eine Stimme geben – mit einer Stimmgabel: Anfang der 1960er Jahre verklagte eine Zwölfjährige ihren Vater wegen Missbrauchs. Diesen realen Fall zeichnet Regisseurin Christina Tournatzés nach; mit sensibler Inszenierung und glaubhaften Charakteren trifft sie den richtigen Ton.

Karla (Elise Krieps) kennt das Gesetz: Sie sei wegen des „Paragrafen 176 Strafgesetzbuch“ hier, erklärt die Zwölfjährige mit ernstem Blick, als sie eines Nachts auf der Polizeiwache mit einem Richter (Rainer Bock) spricht. „Mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren wird bestraft, wer sexuelle Handlungen an einem Kind unter 14 Jahren vornimmt“, zitiert sie: So habe sie es in der Bibliothek gelesen. Nun möchte Karla Anzeige erstatten. Der Angeklagte: Karl Ebel, ihr eigener Vater.

 

Info

 

Karla

 

Regie: Christina Tournatzés

105 Min., Deutschland 2025;

mit: Elise Krieps, Rainer Bock, Katharina Schüttler

 

Weitere Informationen zum Film

 

Richter Friedrich Lamy ist zunächst überrascht über Karlas Argumentation, doch er übernimmt den ungewöhnlichen Fall. Der beruht auf einer wahren Begebenheit aus dem persönlichen Umfeld der Autorin Yvonne Görlach, die das Drehbuch zum Film schrieb. Regie führte Christina Tournatzés. Ihr Spielfilmdebüt erzählt in fragmentarischen Szenen und Zeitsprüngen, wie ein mutiges Mädchen Anfang der 1960er Jahre mit ihrer Missbrauchsklage allein den Weg vor Gericht wagte.

 

Die Klägerin + der Richter

 

Das größte Problem für Lamy ist: Karla will und kann nicht darüber sprechen, was ihr angetan wurde, schon gar nicht im Detail. Doch der Richter weiß, dass es ohne ihre Aussage nahezu unmöglich wird, die Wahrheit zu beweisen. Um ihr die Angst zu nehmen, kommt er auf die Idee, Karla eine Stimmgabel in die Hand zu geben. Jeder Schlag damit an die Tischkante füllt die schmerzlichen Lücken in ihren Aussagen.

Offizieller Filmtrailer


 

Nüchterne Befragungen + Bildsprache

 

Die Gespräche zwischen der jungen Klägerin und dem betagten Richter sind der Schlüssel zu Karlas Vergangenheit. Sie vermitteln ein Gefühl dafür, wie hart das Mädchen mit sich und dem Erlebten zu kämpfen hat. Auf Lamys Frage, wie sehr es „da unten“ weh tat, muss Karla sich heftig übergeben. Mit einem Mal kommen die ganze Scham und der Schmerz in ihr hoch.

 

Tournatzés ist daran gelegen, Karla in ihrem Film eine Stimme zu geben, ohne das Unsagbare aussprechen zu müssen. In diesem Sinne verzichtet sie auch visuell auf allzu explizite Darstellungen. Ihre Bildsprache ist klar und nüchtern, wenn es um die amtlichen Befragungen und Szenen im Gerichtssaal geht.

 

Albtraum-Rückblenden + Flucht in Fantasie

 

Dagegen setzt die Regisseurin in den Rückblenden auf weichere Töne. Karlas Erinnerungen drängen sich immer wieder albtraumartig in ihr Gedächtnis. Tournatzés deutet jedoch lediglich an, was ihrer Protagonistin widerfahren sein muss, ohne jemals die Schauspielerin Elise Krieps solchen Szenen auszusetzen. Zu sehen sind stets nur Momente kurz vor oder nach einem Übergriff.

 

Immer dann, wenn ihr alles zu viel wird, flüchtet Karla in ihre Fantasie. Einmal spielt sie in ihren Gedanken auf einer Sommerwiese – oder sie taucht buchstäblich ab und gleitet durchs Wasser bis auf den Grund eines Sees. Dem Richter gegenüber erklärt sie, es würde ihr dabei ähnlich ergehen, wie den Kindern zu Beginn der „Chroniken von Narnia“. In dieser Fantasy-Romanreihe von C.S. Lewis aus den 1950er Jahren gelangen vier Geschwister durch einen Kleiderschrank in eine magische Welt.

 

Wenn Vater „grob“ wurde

 

Doch die Realität holt Karla hartnäckig ein: im Mädchenheim, wo sie seit ihrer Anklage lebt, oder bei der frauenärztlichen Untersuchung, die sie als Teil der Ermittlungen über sich ergehen lassen muss. Und nicht zuletzt während der Gerichtsverhandlung, in der sowohl ihr Vater als auch ihre Mutter Karlas Anschuldigungen vehement widersprechen.

 

Dabei fällt ein Wort so oft, dass es im Gedächtnis haften bleibt. Ob sie ihren Vater anklagen wolle, nur weil er ihr gegenüber „grob“ gewesen sei, will Richter Lamy von Karla wissen. Später verteidigt Ebel selbst seine sexuellen Misshandlungen damit, dass seine Tochter wegen ihrer Lügen und anderem Fehlverhalten eine raue Umgangsweise durchaus verdient gehabt hätte.

 

Glanzleistung der Sekretärin

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Bombshell – Das Ende des Schweigens" – Dokudrama über sexuelle Belästigung beim TV-Sender "Fox News" von Jay Roach

 

und hier eine Besprechung des Films "Spotlight" – exzellenter Polit- + Medien-Thriller über sexuellen Missbrauch von Tom McCarthy, Oscar-prämiert als bester Film 2016

 

und hier einen Bericht über den Film "Saint Omer" – französisches Justizdrama über eine Kindsmörderin von Alice Diop

 

und hier einen Bericht über den Film "Nina Wu" – stilisierter Sexismus-Psychothriller aus Taiwan von Midi Z.

 

Im Kontrast zur patriarchalen Gesinnung und der in den 1960er Jahren noch verbreiteten Schwarzen Pädagogik steht Richter Lamy; er glaubt Karla und bemüht sich, ihr Vertrauen zu gewinnen. Rainer Bock gibt seiner Figur Rückgrat und zugleich eine Sanftmut, die ihn für ihr Schicksal sensibilisiert. Denn Lamy selbst hat gelitten, als er Frau und Sohn verlor.

 

An seiner Seite liefert Imogen Kogge als Lamys Sekretärin Frau Steinberg eine Glanzleistung ab. Kurze, feinsinnige Zwiegespräche mit ihrem Vorgesetzten tragen zum Gelingen dieses Films bei; etwa wenn Frau Steinberg ein spitzer Kommentar herausrutscht oder sie treffend aus einem Gedicht von Mascha Kaléko zitiert.

 

Wie eine junge Gisèle Pelicot

 

Dabei stellt Regisseurin Tournatzés in ihrem Justizdrama Karla nicht als hilfloses Opfer dar. Vielmehr wirkt Elise Krieps in ihrem Film wie eine junge Gisèle Pelicot: Die Französin, die von ihrem eigenen Ehemann zur vielfachen Vergewaltigung freigegeben wurde, prägte die Aussage, die Scham müsse die Seiten wechseln. Pelicot habe es durch ihr Verhalten im Strafprozess gegen ihren Ex-Gatten und 50 weitere Täter geschafft, so die Regisseurin, dass jeder ihren Namen kenne und sie als unglaublich starke Frau betrachtet werde. Als solche wird auch ihre „Karla“ in Erinnerung bleiben.