Greta-Marie Becker

Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes

Germaine Acogny bei der Performance "A Un Endroit Du Debut" ("An einem Ort des Anfangs"). Foto: © CALA FILM
(Kinostart: 28.5.) Tanz als konstruktive Waffe am Sandstrand von Dakar: Mit ihrer Schule „École des Sables“ wurde die senegalesisch-französische Choreographin Germaine Acogny weltberühmt. Ihr widmet Regisseurin Greta-Marie Becker eine Doku: zu Anfang akademisch emsig, am Ende nah an der Porträtierten.

Germaine Acogny ist die berühmteste Tänzerin Afrikas; ihre Karriere begann in Paris. Aber nicht dort ging ihr Stern auf, sondern in Toubab Dialaw, einem Dorf südlich von Senegals Hauptstadt Dakar. Hier entstand ab 1998 ihre Pilgerstätte des afrikanischen Tanzes: die „École des Sables“, eine „Schule im Sand“. Dafür wurde sie vielfach ausgezeichnet – so 2021 mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk auf der Tanz-Biennale in Venedig und 2023 mit dem Großen Preis für Choreografie der „Académie des beaux-arts“ in Paris.

 

Info

 

Germaine Acogny –
Die Essenz des Tanzes

 

Regie: Greta-Marie Becker,

89 Min., Senegal/ Frankreich/ Deutschland 2025;

 

Weitere Informationen zum Film

 

Nun hat ihr die Regisseurin Grete-Marie Becker einen Dokumentarfilm gewidmet, wobei sich fragt: fürs Kino-Publikum? In seiner Machart wirkt er eher wie eine emsige TV-Produktion mit Ausschnitten aus ihren Choreografien, alten TV-Interviews und raren Privataufnahmen. Da tanzt – fit wie ein Turnschuh – die inzwischen 82-jährige Germaine Acogny durch ihr prächtiges Anwesen: eine stolze Königin mit kahlem Schädel und lauerndem Blick, dem nichts entgeht. Wann immer die Kamera sich auf ihre Person konzentriert, ist alles gut.

 

Tänzer-Sohn bleibt ungenannt

 

Aber immer mehr Personal tritt auf, meist ungenannt und damit unbekannt: Über ihren Sohn Patrick etwa, der – anders als ihre Tochter – bei der Mutter blieb und Tänzer wurde, fällt kein Wort. Man erfährt nur, dass Mama besorgt war, weil auch er Tanz zu seinem Beruf gemacht hat. Dagegen wird Acognys „École des Sables“ ausführlich gewürdigt.

Offizieller Filmtrailer


 

Alles, was sich nicht entwickelt, stirbt

 

Die Schule zieht viele Eleven aus der afrikanischen Diaspora und Personen jeglicher Hautfarbe an, um Acognys streng kodifizierte Methode zu erlernen – weil sie den afrikanischen Tanz von jedem Zierrat befreit und ihn in die globale Moderne überführt hat. Denn, so Acogny: „Unsere Vorfahren haben uns ein Erbe überlassen, dass wir weiterentwickeln müssen. Alles, was sich nicht entwickelt, stirbt.“

 

Ihr Mann Helmut Vogt ist Mitgründer und Architekt dieser Schule mit ihrem markanten Zeltbau im Zentrum. Ringsum befinden sich kleine, hübsche Wohnhäuser für die Azubis des Tanzes. Er sitzt auf einem riesigen Schaukelstuhl. Jemand kommt und witzelt, man müsse im Alter nicht mehr seriös wirken. Wer scherzt da? Es könnte sich um den Choreografen des Tanzsolos „Mon élue noire“ (2014) für Acogny handeln, um Olivier Dubois. Wer ihn oder ihren Sohn Patrick nicht persönlich kennt, ist in diesem Film so verloren wie auf einer Party, auf der man nur die Gastgeberin kennt.

 

Tanzstück über Ruanda-Genozid

 

Während sie Protagonisten unterschlägt, montiert Greta-Marie Becker ihre Bilder entlang einer Fragestellung. Sie lautet: Was gab Acogny „die Kraft, aller Widerstände zum Trotz, der Mensch und die Künstlerin zu werden, die sie heute ist?“. Doch Germaine weiß keine Antwort; also taugt die Frage nicht. Die große Künstlerin, die gleich zu Beginn als „Päpstin“ des afrikanischen Tanzes vorgestellt wird, macht sich im Film bald rar; stattdessen tauchen viele Vertraute und Gehilfen auf, die sich um Mama Germaine scharen.

 

Man lernt Alesandra Seutin aus Südafrika und Wesley Ruzibiza aus Ruanda kennen, die in die Fußstapfen der Gründerin schlüpfen. Dann endlich, in Ausschnitten aus ihrem Stück „Fagaala“ von 2004, ahnt man, worum es in der Kunst der Germaine Acogny eigentlich geht: etwa um den Völkermord in Ruanda 1994. Bei ihr schlüpfen Männer in die Rolle von Frauen, um die Vergewaltigung und Ermordung der dort lebenden Tutsi-Minderheit aus der Perspektive der Opfer darzustellen.

 

„Sacre du printemps“ in Fassung von Pina Bausch

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Dancing Pina" – Tanz-Dokumentation über zwei Compagnien in Dresden und Dakar, darunter die École des Sables, von Florian Heinzen-Ziob

 

und hier einen Bericht über den Film "Als wir tanzten" – mitreißendes Coming-Out-Ballett-Drama in Georgien von Levan Akin

 

und hier eine Besprechung des Films "Yuli" – mitreißendes Biopic über den kubanischen Tänzer Carlos Acosta von Icíar Bollaín

 

und hier einen Beitrag über den Film "Feuer bewahren – nicht Asche anbeten" – gelungene Tanz-Doku über den Choreographen Martin Schläpfer von Annette von Wangenheim.

 

Wieder namenlos erscheint der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy, der von 2007 bis 2012 amtierte. Er hielt am 26. Juli 2007 an der Universität in Dakar eine äußerst kontrovers diskutierte Rede. Seine These: Afrika sei noch immer bäuerlich und „noch nicht genug in die Geschichte eingetreten“. Drei Jahre später verwandelte sich Germaine Acogny im Stück „Songook Yaakaar“ in den weiblichen Australopithecus-Vormenschen „Lucy“, die vor rund 3,2 Millionen Jahren im heutigen Äthiopien lebte. Als solche schleuderte sie Sarkosys dummer Behauptung ein gewaltiges Hohnlachen entgegen.

 

Ungefähr hier beginnt der Film, Spaß zu machen. Die Kamera beobachtet Germaine, die 2022 als „stolze Amazone“ mit 38 Tanzenden aus 14 afrikanischen Ländern ihr spätes Hauptwerk schuf, „Le Sacre du printemps“ in der Fassung von Pina Bausch. Es zeigt die von keinem Klischee verstellte Kraft und Schönheit des Tanzes afrikanischer Herkunft. Diesen Komponisten liebt Germaine Acogny über alles: An seinem Grab in Paris raucht sie Zigarre und opfert Wodka. Zu seiner Musik tobte sie schon 2014 in „Mon élue noire“ in einem Käfig, um Grenzen zu sprengen.

 

Tänze, die das Meer überqueren

 

In der letzten halben Stunde, da sich der Filmtitel „Die Essenz des Tanzes“ für einen Moment bewahrheitet und der Akademismus endlich abfällt, sieht man Germaine Acogny als Mensch, die ihre morgendlichen Rituale am Strand exerziert. Zum Lärm der Baumaschinen, die neben der Schule am Atlantik im Treibsandmeer des Ufers einen Hafen zu errichten versuchen. Genau dort will sie „Tänze schaffen, die das Meer überqueren und Mauern überwinden“, sagt Acogny: Darum nennt sie ihren Tanz „eine konstruktive Waffe“.