Levan Akin

Als wir tanzten

Merab (Levan Gelbakhiani) ist Student an der Akademie des Georgischen Nationalballetts in Tiflis. Foto: Edition Salzgeber

(Kinostart: 23.7.) Tanz als Ticket für die große, weite Welt: Ein junges Talent setzt alles daran, um ins Georgische Nationalballett aufgenommen zu werden. Dabei kommen ihm intensive Gefühle für einen Kollegen in die Quere – mitreißendes Drama von Regisseur Levan Akin.

Männlich muss er wirken, der georgische Nationaltanz! Doch auf keinen Fall darf er etwas Erotisches ausstrahlen! Die strengen Instruktionen von Aleko, Lehrer an der „Akademie des Georgischen Nationalballetts“ in der Hauptstadt Tbilissi, lassen keine Zweifel: Diese eigenwillige Mischung aus Volkstanz und Ballett, aus martialischen Posen und schwereloser Leichtigkeit ist nicht nur ein ästhetischer Genuss und definitiv kein Privatvergnügen. Dieser Tanz ist staatstragend.

 

Info

 

Als wir tanzten

 

Regie: Levan Akin,

106 Min., Georgien/Schweden 2019;

mit: Levan Gelbakhiani, Bachi Valishvili, Ana Javakishvili

 

Weitere Informationen

 

Seinen Schüler Merab (Levan Gelbakhiani) faltet der autoritäre Lehrer regelmäßig zusammen, obwohl der nicht nur reichlich Ehrgeiz mitbringt, sondern richtig gut ist – eine Mischung aus routinierter Könnerschaft und lodernder Begeisterung. Alekos Problem mit Merab scheint vor allem zu sein, dass der zart gebaute Teenager nicht genug muskulöse Virilität mitbringt, um den Tanz angemessen auf die Bühne zu bringen.

 

In alter Familientradition

 

Merab trainiert dennoch hart, um beim anstehenden Vortanzen einen Platz im Nationalensemble zu ergattern – anders als sein Bruder. Der ist, in alter Familientradition, ebenfalls an der Akademie, macht aber lieber die Nächte zum Tag und steht daher kurz vor dem Rauswurf.

Offizieller Filmtrailer


 

Import-Kippen als Symbole für Reiselust

 

Als Irakli (Bachi Valishvili) neu in die Klasse kommt, tritt ein ernstzunehmender Konkurrent auf den Plan. Auch Irakli ist ein guter Tänzer – und zudem offenbar mehr nach Alekos Geschmack. Was Merab jedoch viel mehr irritiert, sind die intensiven Gefühle, die der unbekümmerte junge Mann in ihm weckt.

 

Zwar behauptet Merab, „mehr oder weniger“ mit seiner langjährigen Tanzpartnerin Mary liiert zu sein. Doch ihre Beziehung ist eher platonischer Natur und scheint sich auf gemeinsame Rituale wie das Rauchen importierter Zigaretten zu beschränken – als Symbol für ihren Traum von der großen, weiten Welt. Weg aus Georgien, weg aus dem von der Globalisierung abgehängten Kaukasus: Das wünschen sich hier die meisten jungen Leute. Ein fester Platz im Tanz-Ensemble würde ihnen zumindest das Reisen ermöglichen.

 

Als Regie-Tourist zurück in Ex-Heimat

 

Dass es keine gute Idee ist, in diesem Umfeld zu homoerotischen Gefühlen zu stehen, wird öfters angedeutet: etwa, wenn über einen ehemaligen Mitschüler geraunt wird, seine Neigung habe ihn direkt ins Elend geführt. Bei einem Wochenendausflug ihrer Truppe kommen Irakli und Merab sich trotzdem näher. So natürlich und selbstverständlich ihre Annäherung auch wirkt, eines ist klar: Diese Blase muss platzen.

 

Das beiläufig inszenierte und doch mitreißende Drama erweist sich als Mischung aus Tanzfilm und Milieustudie. Levan Akin, schwedischer Regisseur mit georgischen Wurzeln, bewegt sich mit seinem dritten Spielfilm – seinem ersten auf Georgisch – in einem produktiven Spannungsfeld zwischen Nähe und Distanz. Das Land seiner Vorfahren kennt Akin vor allem als Tourist.

 

Tanzszenen treiben Handlung voran

 

Trotzdem gelingt es ihm, ungeschönte und authentisch wirkende Alltagsimpressionen einzufangen. Zugleich transportieren sie bemerkenswerte Wärme. Akin nähert sich der Kultur seiner Herkunft mit Offenheit und Neugierde, ohne sie mit Exotismus zu befrachten. Ebenso vermeidet er eine naive Idealisierung, die mit einem Interesse an fremden kulturellen Traditionen oft einhergeht.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Nurejew – The White Crow“ – virtuoses + spannendes Biopic über den Tänzer Rudolf Nurejew von und mit Ralph Fiennes

 

und hier eine Besprechung des Films „Yuli“ – mitreißendes Biopic über den kubanischen Tänzer Carlos Acosta von Icíar Bollaín

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die langen hellen Tage“ – stimmungsvolles Porträt zweier Freundinnen im Georgien der chaotischen 1990er Jahre von Nana Ekvtimishvili + Simon Groß

 

und hier einen Bericht über den Film „Wüstentänzer“ – intensives Drama um eine geheime Tanzgruppe im Iran von Richard Raymond.

 

Faszinierend wirkt, welche Rolle der Tanz für die Dramaturgie der Geschichte spielt. Er fungiert nicht nur als folkloristische Dekoration, sondern ist ein zentrales Element des Geschehens: Nicht nur spiegeln sich die Emotionen der Akteure in den expressiven Tanzszenen – die gesamte Handlung wird von ihnen regelrecht vorangetrieben. Das großartige Finale macht dann klar: Merabs Zukunft liegt vielleicht doch nicht im Nationalensemble, seinen Platz in der Welt wird er aber sicher finden.

 

Premiere unter Polizeischutz

 

Seine Hauptrolle spielt Levan Gelbakhiani großartig. Er ist zwar kein ausgebildeter Schauspieler, sondern Tänzer, verbindet aber trotzdem Leichtigkeit mit darstellerischer Intensität. Wie sein Mit- und Gegenspieler Bachi Valishvili zögerte er, die Rolle überhaupt anzunehmen – zu groß war ihre Angst, der in ihrer Heimat weit verbreitete Hass auf Schwule könnte nicht nur ihrer Karriere schaden, sondern sie auch persönlich in Gefahr bringen.

 

Die Uraufführung des Films in Tbilissi fand daher unter Polizeischutz statt; trotzdem kam es zu gewalttätigen Protesten. Am Premierenabend konnte der Film gezeigt werden, schon zwei Tage später wurde er allerdings wieder abgesetzt. Trotz des deprimierenden gesellschaftlichen Kontextes blitzt immer wieder auch Hoffnung auf Wandel auf: etwa, wenn Merabs konventionell gestrickter, eher mackerhafter Bruder eine unerwartete Entwicklung durchmacht. „Als wir tanzten“ ist mehr als ein klassisches Coming-of-Age-Drama; der Film zeigt eine Welt im Umbruch.