Philippe Falardeau

Monsieur Lazhar

Frontal-Unterricht mit korrekter Frisur und menschlichem Antlitz: Bachir Lazhar (Mohamed Fellag) vor seiner Klasse. Foto: Arsenal Filmverleih

(Kinostart: 12.4.) Frontal-Unterricht gegen Selbstmord-Schock: Ein algerischer Aushilfs-Lehrer zeigt den richtigen Umgang mit Gefühlen. Der franko-kanadische Regisseur Philippe Falardeau inszeniert sein Schul-Drama etwas überdeutlich.

An einer kanadischen Grundschule passiert etwas Entsetzliches: Eine Lehrerin erhängt sich im Klassenzimmer – ein zwölfjähriger Schüler findet sie. Die Klasse ist traumatisiert; Schulleitung und Kollegium sind geschockt und ratlos, wie sie damit umgehen sollen. Man wählt den institutionalisierten Weg und zieht eine Psychologin von außen hinzu.

 

Info

Monsieur Lazhar

 

Regie: Philippe Falardeau, 94 Min., Kanada 2011;
mit: Mohamed Fellag, Sophie Nélisse, Émilien Néron

 

Website zum Film

Wesentlich schwieriger ist es, schnell einen Ersatz für die verstorbene Kollegin zu finden. Da erscheint der adrett gekleidete Emigrant Bachar Lazhar (Mohamed Fellag) im Zimmer der Direktorin und erklärt, er sei Lehrer an den besten algerischen Schulen gewesen. Er bringt die überforderte Schulleiterin dazu, ihn sofort einzustellen.

 

Trotz seltsam altmodischer Unterrichts-Methoden akzeptieren die Kinder ihren neuen Lehrer schnell. Mit menschlicher Wärme und Einfühlungsvermögen gewinnt Monsieur Lazhar ihr Vertrauen.


Offizieller Film-Trailer


 

Freundlicher deus ex machina

 

Wie ein freundlicher deus ex machina scheint Lazhar in diese nur äußerlich wohlgeordnete Welt einzudringen, in der die Menschen sich als unfähig erweisen, das Geschehene emotional aufzuarbeiten. Die anstrengende Krisen-Bewältigung wird an eine Psychologin delegiert. Das Kollegium selbst – angefangen mit der Direktorin – vermeidet es, über den Selbstmord der Lehrerin zu reden.

 

Bis die kleine Alice, ein Mädchen aus Lazhars Klasse, in einem Schul-Aufsatz der Verstorbenen Vorwürfe macht, weil sie sich ausgerechnet im Klassenzimmer erhängt hat. Damit spricht Alice ihren Klassenkameraden aus der Seele. Zugleich bricht sie ein unausgesprochenes Tabu, was bei der Direktorin für Empörung sorgt.

 

Mehr Kammerspiel als Film

 

Das Werk des franko-kanadischen Regisseurs Philippe Falardeau war einer von fünf Kandidaten des Academy Award für den besten fremdsprachigen Film. In dieser Kategorie werden häufig kammerspielartige Dramen ausgezeichnet – wie in diesem Jahr der iranische Film «Nader und Simin – eine Trennung» von Ashgar Farhadi.

 

Insofern war die Nominierung für den Auslands-Oscar gerechtfertigt, denn «Monsieur Lazhar» ist mehr Kammerspiel als Film – sogar etwas zu sehr. Man merkt dem Drehbuch an, dass ihm ein Theaterstück als Vorlage diente.

 

Alle Geheimnisse offen gelegt

 

Auf der Bühne agieren die Figuren stets in gewisser Distanz zu den Zuschauern; da kann es von Vorteil sein, wenn Charaktere eher etwas überdeutlich gezeichnet sind. Vor der Kamera ist das nicht nur unnötig, sondern auch störend: Vor allem, wenn wie hier ausgiebig mit Nahaufnahmen von Gesichtern gearbeitet wird.

 

Man würde ja gern in diesen Gesichtern lesen, um ihre Geheimnisse zu ergründen. Doch etwaige Geheimnisse werden ohnehin bereits recht explizit offen gelegt. Auch Lazhar verbirgt so manches – doch nicht vor uns, sondern lediglich vor seinen Mitmenschen. Dagegen wissen die Zuschauer ziemlich schnell recht gut Bescheid über ihn und die anderen – oder?

 

Anständig gemachtes Lehrstück

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Nahost-Psychodramas “Die Frau, die singt – Incendies” des franko-kanadischen Regisseurs Denis Villeneuve.

Möglicherweise ist das nur eine Illusion. So wie alle Lehrer der Schule immer ziemlich gut Bescheid zu wissen glaubten über ihre Kollegin Martine, die sich plötzlich und überraschend umgebracht hat. Vielleicht will dieser Film den Beweis führen, dass wir immer nur die Oberfläche sehen.

 

Doch gelungene leise Dramen gehen unter die Haut, weil unter ihrer Oberfläche so allerlei mitschwingt, das zwar nicht offensichtlich ist, sich aber dennoch mitteilt. Bei «Monsieur Lazhar» aber schwingt nichts Unsichtbares: Zu sehen ist ein gut gemeintes und anständig gemachtes Lehrstück.


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