Joaquin Phoenix

Inherent Vice – Natürliche Mängel

Larry "Doc" Sportello (Joaquin Phoenix) und Penny Kimball (Reese Witherspoon) nach gemeinsam verbrachter Nacht. Foto: Warner Bros. Pictures

(Kinostart: 12.2.) Ein Fest für Thomas-Pynchon-Fans: Regisseur Paul Thomas Anderson verfilmt erstmals einen seiner Riesenromane. Den Späthippie-Kosmos der Vorlage bringt er kongenial ins Kino – mit kleinen, durch Mega-Joints bedingten Schwächen.

Noch nie wurde bisher versucht, einen der ziegelsteinschweren Romane von Thomas Pynchon zu verfilmen, die vor Wortgewalt und seltsamen Einfällen nur so strotzen. Es blieb bei essayistischen Annäherungen an sein Hauptwerk „Gravity’s Rainbow“ von 1973 (dt.: „Die Enden der Parabel“, 1981) und Pynchons – selbstverständlich anonymen – Auftritten in der Zeichentrick-Serie „Die Simpsons“; da trug er eine Papiertüte über dem Kopf.

 

Info

 

Inherent Vice – Natürliche Mängel

 

Regie: Paul Thomas Anderson,

148 Min., USA 2014;

mit: Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Reese Witherspoon

 

Website zum Film (engl.)

 

Doch dann legte der große Unbekannte der US-Gegenwartsliteratur, der sich nie öffentlich zeigt oder fotografieren lässt, 2009 mit „Inherent Vice“ einen flotten Kriminalroman im Los Angeles der frühen 1970er Jahre hin. Hier gehen die Uhren zwar völlig anders als in herkömmlichen Krimis. Doch der lässige Tonfall, das Ensemble schräger Charaktere und die sonnendurchfluteten Neo-noir-Schauplätze mit durchaus filmisch beschriebenen Szenen schreien geradezu nach einer Visualisierung.

 

Mit grellen Hemden im VW-Käfer

 

Regisseur Paul Thomas Anderson hat wuchtige Werke wie „Magnolia“, „There will be Blood“ oder „The Master“ vorgelegt, aber auch unkonventionelle Komödien wie „Punch Drunk Love“. Anderson hat sich der Vorlage von Pynchon angenommen und vergeigt die Sache nicht: mit Volkswagen-Käfern, grell gemusterten Hemden und glühender Sonne über der Küste von Los Angeles.


Offizieller Filmtrailer


 

Jüdischer Magnat will Nazi sein

 

In diesem korrupten, auf Sand gebauten Babylon ist der Hippie-spirit, den der dauerbekiffte Privatdetektiv Larry „Doc“ Sportello (Joaquin Phoenix) verkörpert, nur noch wie ein störender Verwesungsgeruch präsent. Mit Docs Ex-Freundin, der femme fatale Shasta Fey, geht der ganze Ärger los. Dabei spielen mit: ein offiziell toter, aber immer wieder auftauchender Surf-Saxofonist und ein bärbeißiger Polizist (hervorragend: Josh Brolin), der dem armen Doc das Leben schwer macht.

 

Hinter allem steht ein reicher jüdischer Geschäftsmann, der so tut, als wolle er ein Nazi sein. Und dahinter, im ewigen Nebel: Das Drogen-Kartell The Golden Fang, das raffiniert genug ist, um mit einer eigenen Kette von Reha-Zentren noch aus dem Entzug von Junkies Profit zu schlagen, die es vorher mit Heroin versorgt hat.

 

Boulevard vor lauter Palmen nicht sehen

 

Wer Pynchons Romane kennt, wird Motive, Charaktere und Themen aus früheren Romanen wiederfinden, vor allem aus „Vineland“: den desillusionierten Moralisten, der seine Frau an einen mächtigen amoralischen Strippenzieher verliert; den zwangsneurotischen cop, der seine bevorzugten Opfer mit Hassliebe verfolgt; eine paranoide Weltsicht, die durch absurde Ereignisse nur bestätigt wird, und eine Figurenkonstellation, die nebenbei die Topographie einer Stadt ergibt.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “The Master”  – Drama über die Scientology-Sekte von Paul Thomas Anderson mit Joaquin Phoenix

 

und hier einen Bericht über den Film „Der große Trip – Wild“ – mit einer großartigen Reese Witherspoon von Jean-Marc Vallée

 

und hier einen Beitrag über den Film „The Substance: Albert Hofmann’s LSD“ – informative Doku von Martin Witz.

 

Wer erstmals in Berührung mit Pynchons Welt kommt, der mag den Eindruck haben, als sähe er bei dieser gemächlich bedröhnten L.A.-Odyssee den Wald vor lauter Bäumen – oder eher: den Boulevard vor lauter Palmen – nicht mehr. Immerhin: Anderson gelingt es, das ganze Pandämonium aus Paranoia, Pop-Referenzen und period chic ziemlich originalgetreu und ohne größere Verluste auf die Leinwand zu bringen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

 

Fies gegenwärtige Witze

 

Manchmal knirscht es hier und da etwas, wenn das Tempo der verbalen Schlagabtausche in Andersons Dialog-Regie stecken bleibt, die ohnehin zur Entschleunigung neigt – was an den unglaublichen Mengen Marihuana liegen dürfte, die im Film in Rauch aufgehen. Weniger überzeugend ist das overacting von Joaquin Phoenix als zerknautschter Kiffer, der immer mit gepresster Stimme spricht, weil er noch ein bisschen Rauch in der Lunge halten will.

 

Aber solches Genörgel kann man ignorieren, denn „Inherent Vice – Natürliche Mängel“ ist der schönste und smarteste Kriminalfilm der Saison: Wie „The Big Lebowski“ der Coen-Brüder für eine neue Generation, mit witzigen Cameo-Auftritten etwa von Benicio del Toro. In diesem Zerrspiegel der 1970er Jahre ist schon genug von der Gegenwart zu erkennen, um darüber fiese Witze zu reißen.  


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