Heidi Specogna

Pepe Mujica – Der Präsident

Präsidentenpaar-Idylle oder: So leicht regiert sich's in Uruguay! Staatschef Pepe Mujica + seine Lebensgefährtin Lucia Topolansky (li.) auf ihrem Bauernhof. Foto: Piffl Medien

(Kinostart: 5.3.) Blumen auf dem Präsidenten-Bauernhof: José Mujica pflegt in Uruguay sein Image als ärmster Staatschef der Welt, und Regisseurin Specogna schaut ihm andächtig zu. Eine unpolitische Homestory-Doku für linkssentimentale Gemüter.

Venceremos forever: Lateinamerika ist der Lieblings-Kontinent der deutschen Linken. Ob Fidel Castro und Che Guevara ab 1960, die Tupamaros-Stadtguerilla in Uruguay um 1970 oder „Solidarität mit Nicaragua“ und „Waffen für El Salvador“ in den 1980er Jahren – nichts konnte diese Liebe erschüttern: weder der Zusammenbruch des Ostblocks noch der Spätstalinismus auf Kuba.

 

Info

 

Pepe Mujica –
Der Präsident

 

Regie: Heidi Specogna

94 Min., Deutschland 2014;

mit: Pepe Mujica, Lucia Topolansky + dem Fußvolk von Uruguay

 

Website zum Film

 

In jüngster Zeit erfuhr diese Zuneigung neuen Auftrieb: Linkspolitiker gewannen Wahlen in vielen Ländern Südamerikas. Das Spektrum reicht von den Sozialdemokraten unter Lula da Silva und Dilma Rousseff in Brasilien über den verbalradikalen Populisten Rafael Correa in Ecuador und den Indio-Präsidenten Evo Morales in Bolivien bis zu Hugo Chávez und Nicolás Maduro, deren „bolivarische Revolution“ in Venezuela mittlerweile bolschewistische Züge annimmt.

 

Sozialstaat-Musterländle in den 50ern

 

Gleichviel: Halb Lateinamerika wird heute von Linken regiert – angesichts von Armut und Unterentwicklung nur verständlich. Dazu zählt auch Uruguay. Der Kleinstaat mit drei Millionen Einwohnern war in den 1950er Jahren das Musterländle der Region: Vergleichsweise wohlhabend, baute es einen Sozialstaat nach europäischem Vorbild mit großem öffentlichem Sektor auf.


Offizieller Filmtrailer OmU


 

Bäumchen-wechsel-dich-Spiel wie in Russland

 

Ab den 1960er Jahren ging es mit Uruguay langsam bergab. Die Tupamaros wurden aktiv; 1973 putschte das Militär und blieb zwölf Jahre an der Macht. Nach der Rückkehr zur Demokratie wandelte sich die frühere Guerilla zur politischen Partei MPP. 2005 wurde mit Tabaré Vazquez erstmals ein Linker zum Präsidenten gewählt.

 

Da Uruguays Verfassung eine direkte Wiederwahl verbietet, trat an seiner Stelle 2009 Landwirtschaftsminister José Mujica für das Linksbündnis Frente Amplio an – und siegte ebenfalls. Ende 2014 löste ihn Vazquez wieder ab; ein Bäumchen-wechsel-dich-Spiel wie zwischen Putin und Medwedew in Russland, aber demokratisch legitimiert.

 

90 Prozent vom Einkommen gespendet

 

Während der studierte Mediziner Vazquez eher zur traditionellen Elite zählt, ist Mujica ein echter Mann des Volkes. Sein Lebenslauf lässt progressive Herzen höher schlagen: Der Nachfahre armer Einwanderer aus Italien brach die Hochschule ab, kämpfte im Untergrund, war während der Militärdiktatur 14 Jahre lang inhaftiert und wurde später Blumenzüchter.

 

Trotz politischer Karriere pflegt er einen einfachen Lebensstil: Mit seiner Gefährtin Lucia Topolansky wohnt er auf dem Bauernhof, fährt einen alten VW-Käfer und spendet 90 Prozent seines Einkommens für gemeinnützige Zwecke. Ein bescheidener, gemütlicher Landesvater mit revolutionärer Vergangenheit an der Staatsspitze – das schreit geradezu nach einem biopic.

 

Hunde-Bilder für die „Bunte“

 

Heidi Specogna und Rainer Hoffmann haben es gedreht. Zum zweiten Mal: 1996 porträtierten sie Mujica in ihrem Dokumentarfilm „Tupamaros“ als Prototyp des Ex-Guerillero, der nun als Abgeordneter ins Parlament einzieht. Fast zwei Jahrzehnte später kommen sie zurück als alte Bekannte: Der Umgangston ist vertraut, entspannt – und für Außenstehende ziemlich uninteressant.

 

Pepe Mujica mag bedürfnislos leben, doch uneitel ist er nicht. Liebend gern spricht er in die Kamera und breitet seine Ansichten über dieses und jenes aus, während das Filmteam ergriffen an seinen Lippen hängt. Oder sein Bauernhaus, Blumenbeete und die dreibeinige Hündin „Manuela“ aufnimmt – diese homestory wäre in der „Bunten“ bestens aufgehoben.

 

Seit 2013 ist Marihuana legalisiert

 

Seine Landeskinder trifft Mujica bei Volksversammlungen oder zur Übergabe von Sozialwohnungen; begeisterter Beifall ist ihm sicher. Im Parlament übernimmt Lucia Topolansky als gewählte Senatorin die Sprecherrolle und erklärt den gemeinsamen Kurs: Staatsgeschäfte als Familiensache. Kommentare oder gar Kritik von politischen Gegnern? Fehlanzeige. Auch die Untertanen des angeblich so volksnahen Präsidenten tauchen fast nur als stummes Fußvolk auf.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Wild Tales – Jeder dreht mal durch!“ – sarkastisch schwarzhumoriger Episodenfilm aus Argentinien von Damián Szifrón

 

und hier einen Bericht über den Film „A Floresta De Jonathas – Im dunklen Grün“ – Jugend im brasilianischen Regenwald von Sergio Andrade

 

und hier einen Beitrag über den Film „¡No!“ – packendes Polit-Drama über die Absetzung von Diktator Pinochet in Chile von Pablo Larrain mit Gael García Bernal.

 

Die einzige Gesetzesinitiative, die im Film vorkommt, ist die Legalisierung von Marihuana: Seit 2013 gibt es monatlich bis zu 40 Gramm Gras in der Apotheke. Nicht-Kiffer trinken lieber Mate-Tee, dem auch das Präsidenten-Paar ausgiebig zuspricht. Was die Uruguayer sonst noch beschäftigt, erfährt man dagegen nicht: Hintergründe und aktuelle Lage bleiben völlig ausgeblendet.

 

Staatschef hat Zeit zum Plaudern

 

Stattdessen begleitet der Film Mujica beim Staatsbesuch 2011 in Deutschland: Am Kontrast zwischen dem verschmitzten Gast im offenen Hemdkragen und der gelackt förmlichen entourage von Kanzlerin Angela Merkel kann sich die Kamera von Rainer Hoffmann nicht satt sehen. Linke Idolatrie im Zeitalter der Entpolitisierung?

 

Eher ein sequel oder spin-off: Der „ärmste Präsident der Welt“ ist in progressiven Kreisen eine bekannte Marke, der Kontakt war etabliert, und Uruguays Staatschef hat offenbar genug Zeit für Plaudereien mit Filmemachern – warum nicht mal wieder an den Rio de la Plata jetten?

 

Kusturica kommt als nächster

 

Specogna ist nicht die einzige: Als nächster kommt der bosnische Regisseur Emir Kusturica, der an einem Mujica-Porträt mit dem Arbeitstitel „Der letzte Held“ werkelt – dessen politischer Weitblick ist ja seit seiner Parteinahme für den serbischen Kriegsverbrecher Radovan Karadžić unbestritten.


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