Jayro Bustamante

Ixcanul – Träume am Fuß des Vulkans

María (María Mercedes Coroy) und ihre Mutter Juana (María Telón, re.) holen Feuerholz aus dem Wald. Foto: Kairos Filmverleih

(Kinostart: 31.3.) Abtreibungsversuche in Guatemala: Die junge María ist schwanger, der Vater weg und ihre arrangierte Ehe gefährdet. Für seine subtile Sozialstudie eines Maya-Volks in dessen Sprache erhielt Regisseur Jayro Bustamante 2015 den Silbernen Bären.

„Unter dem Vulkan“ heißt das berühmte Hauptwerk des britischen Schriftstellers Malcolm Lowry. Sein 1947 erschienener Roman spielt in einer fiktiven Kleinstadt am Fuß des mexikanischen Vulkans Popocatepetl: als 450-seitige Abrechnung mit dem Elend menschlicher Existenz und dem Rest der Welt. Beides ist für den Helden – ein Konsul und Alkoholiker im Endstadium – nur im mit Whisky und Mezcal getränkten Dauerrausch zu ertragen.

 

Info

 

Ixcanul – Träume am Fuß des Vulkans

 

Regie: Jayro Bustamante,

93 Min., Guatemala/ Frankreich 2015;

mit: María Mercedes Coroy, María Telon, Manuel Atún

 

Engl. Website zum Film

 

Auch „Ixcanul“ spielt in Guatemala am Fuß eines Vulkans – so heißt der Berg in der Sprache des dort siedelnden Maya-Volks der Cakchiquel. Deren Halbstarke geben sich am Samstagabend gern im Dorfladen mit Bier und Rum die Kante, doch die restliche Woche bleiben sie notgedrungen meist nüchtern. Alkohol ist teuer und ihr Alltag hart: Alle schuften als Pflücker auf einer Kaffee-Plantage. Außerhalb der Erntezeit ist bezahlte Arbeit selten zu finden.

 

Jenseits des Vulkans nur Kälte

 

Also leben die armen Bauern von ihren Gemüsebeeten, Hühnern und Schweinen. Wie María (María Mercedes Coroy) mit Mutter Juana (María Telon) und Vater Manuel (Manuel Atún) in einer bescheidenen Hütte: Von Sonnenauf- bis -untergang ist ständig etwas zu tun. Was emsig und wortkarg erledigt wird, denn alle Handgriffe sind bekannt; es gibt nicht viel zu sagen. Der Aktionsradius dieser Familie ist sehr überschaubar: Als María fragt, was eigentlich hinter dem Vulkans sei, der den Horizont ausfüllt, erwidert ihre Mutter nur: „Kälte“.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Vorarbeiter mit Übersetzer-Monopol

 

Insofern führt der melodramatisch klingende deutsche Filmtitel leicht in die Irre. Einen Traum hegt nur Marías Verehrer Pepe: Er will in die USA auswandern, wo alle Leute in Häusern mit Gärten wohnen und die Straßen nachts beleuchtet sind. Damit er sie mitnimmt, gibt sich María ihm hin; doch Pepe lässt das Mädchen geschwängert sitzen. Wodurch die Heirat mit Vorarbeiter Ignacio (Justo Lorenzo) auf dem Spiel steht, die ihre Eltern eingefädelt haben – und damit die Zukunft der ganzen Familie.

 

Ignacio ist der heimliche Herrscher dieser kleinen Gemeinschaft. Nicht nur, weil er den Dorfladen führt und die Kaffee-Ernte abrechnet, also alle Geldflüsse kontrolliert. Sondern vor allem, weil er als Einziger Spanisch spricht: Er muss stets dolmetschen, wenn die Indios mit der Außenwelt in Kontakt kommen. Ohne ihn können sie sich nirgendwo verständigen – nicht einmal in der Klinik, wenn María nach einem giftigen Schlangenbiss dort eingeliefert wird. Und Ignacio nutzt seine Monopolstellung skrupellos aus: Indem er beiden Seiten übersetzt, was sie hören wollen – zum eigenen Vorteil.

 

Schwitzen + Hüpfen gegen Schwangerschaft

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension der Ausstellung “Das göttliche Herz der Dinge” mit altamerikanischer Kunst u.a. der Maya-Kultur aus der Sammlung Ludwig im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „Kallawaya Heilkunst in den Anden“ über Indio-Kultur + Schamanismus im Grassi-Museum, Leipzig

 

und hier einen kultiversum-Beitrag über „La Yuma – Der eigene Weg“ von Florence Jaugey – der erste Spielfilm aus Nicaragua seit 20 Jahren.

 

„Ixcanul“ ist der erste Film, der in der Cakchiquel-Sprache gedreht wurde. Regisseur Jayro Bustamante wuchs in der Region auf und hat das Drehbuch gemeinsam mit Maya-Bewohnern entwickelt; alle Darsteller sind Laien. Sie praktizieren in vielen Szenen althergebrachte Bräuche und Riten: Vorarbeiter telefonieren schon mit Handys, aber die Bauern bringen dem Vulkan Opfergaben dar, um Glück und Wohlergehen zu erbitten. Wenn Chemie die Schlangen auf den Äckern nicht vertreibt, holt man den Schamanen.

 

Auch Mutter Juana kennt allerlei magische Mittel gegen ungewollte Schwangerschaften: Gebräue und Tinkturen, Schwitzhütten-Kur und Hüpf-Parcours über Lavafelder. Da nichts wirkt, will sie der „Flamme des Lebens“, die in María lodert, etwas Nützliches abgewinnen – als Juana selbst einst in anderen Umständen war, habe sie kranke Hühner durch bloßes Handauflegen geheilt.

 

Nicht über, sondern von + für Indigene

 

In diesem Mikrokosmos bewegt sich die Kamera so diskret wie selbstverständlich, als filmten die Cakchiquel sich gegenseitig. Wobei eine grandiose Naturkulisse aus schwarzem Vulkangestein und leuchtend grüner Vegetation die existentielle Dimension des Geschehens grundiert: Hoffnung und Betrug, Solidarität und Verrat, Herrschaft und Ohnmacht. Dafür wurde „Ixcanul“ auf der Berlinale 2015 zurecht mit einem Silbernen Bären für „neue Perspektiven der Filmkunst“ prämiert: ein gelungenes Beispiel für „indigenes Kino“ – Filme nicht über, sondern von und für traditionelle Kulturen, die zugleich Außenstehenden einen authentischen Einblick bieten.


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