August Diehl

Alles wird immerzu gefilmt

August Diehl in seiner Rolle als Franz Jagdstätter. Fotoquelle: Pandora Film

Eine Ode an das elementare Gefühl für Gut und Böse: August Diehl spielt Franz Jägerstätter, der wegen NS-Kriegsdienst-Verweigerung hingerichtet wurde. Im Interview spricht Diehl über das Eintauchen in eine andere Welt – die Kamera ist beim Aufwachen dabei.

Herr Diehl, kannten Sie Franz Jägerstätter, bevor Sie diese Rolle übernahmen?

 

Nein, den kennt heute kaum jemand; anders als etwa die Geschwister Scholl. Jägerstätter hat keinen aktiven Widerstand geleistet; er verweigerte sich nur. Das ist die leiseste Art des Widerstands und vermutlich der Grund, warum er nicht bekannt ist. Doch es ist zugleich das Starke an seiner Geschichte; sein Nein löst einen Dominoeffekt aus.

 

Info

 

Ein verborgenes Leben

 

Regie: Terrence Malick,

174 Min., Deutschland/ USA 2019;

mit: August Diehl, Valerie Pachner, Tobias Moretti, Bruno Ganz

 

Website zum Film

 

Das Nein, das unbequeme „Ohne mich“, wird in unserer Zeit immer seltener. In den 1960er Jahren kam das öfter vor. Heute ist das große Ja bestimmend; Zustimmung zu allem und jedem. Kaum jemand lehnt es ab, Emails oder Handys zu benutzen; alle machen mit.

 

Allein aus Gewissensgründen

 

War Jägerstätter ein Held?

 

Schwierig zu sagen; er war es lange nicht. Kaum einer der Menschen, die wir heutzutage als Helden bezeichnen, machte das, was er tat, weil er zum Helden werden wollte. Franz Jägerstätter wollte das sicher nicht; er handelte aus Gewissensgründen. Solche Gründe müssen sehr stark sein, wenn man sich gegen ein Gewaltregime wie das der Nazis stemmt. Damit kann man bei seinen Mitmenschen etwas auslösen – und damit letztlich auch eine große Sache.

Offizieller Filmtrailer


 

Schulden zahlen + Brunnen ausheben

 

Wie haben Sie sich auf Ihre Rolle vorbereitet?

 

Hauptsächlich mithilfe der Briefe der beiden Eheleute; mehr schriftliche Zeugnisse gibt es nicht. Die zu lesen, lohnt sich sehr: Sie stammen von zwei Bauersleuten, die sich bewusst in diesen Konflikt geworfen haben. Man erfährt aus den Briefen, wie sie zueinander stehen und zueinander halten, außerdem allen möglichen Alltagskram.

 

Er schreibt über Schulden, die bei einem anderen Bauern beglichen werden müssen, oder den Brunnen, der ausgehoben werden soll. Er ist auch im Gefängnis noch Bauer und sehr mit seinem Geburtsort Radegund verbunden. So lautete auch lange der Arbeitstitel des Films.

 

Kein Dokumentarfilm

 

Wie interpretiert Regisseur Malick seine Lebensgeschichte?

 

Er ist die ganze Zeit auf der Suche, und wir als Zuschauer entdecken gemeinsam mit ihm. Es ist ein Spielfilm – doch gerade im deutschsprachigen Raum wird das oft fälschlicherweise mit der Realität abgeglichen. Doch „Ein verborgenes Leben“ ist kein Dokumentarfilm, sondern zeigt die persönliche Sichtweise eines Regisseurs.

 

Religion und Glaube geben Jägerstätter Halt. Die katholische Kirche hat sich während der NS-Zeit nicht mit Ruhm bekleckert. Welche Rolle spielt die Kirche in Ihrem Leben?

Gar keine. Ich habe den Eindruck, dass der jetzige Papst versucht, die Kirche dem Volk wieder näher zu bringen, nachdem sie schon sehr abgehoben war. Die Geschichte der Kirche während des Dritten Reichs ist nicht sehr rühmlich. Stärkeren kirchlichen Widerstand gab es nur in Einzelfällen, aber ansonsten war die Kirche eher ein leichter Gegner für das NS-Regime.

 

Kinder wissen: Töten ist falsch

 

Verstehen Sie, warum Menschen im Glauben eine solche Kraft finden?

Ich kann das sehr gut nachvollziehen, obwohl ich selbst nicht gläubig bin. Ersetzt man Glauben durch den Begriff Gewissen, kann ich mir vorstellen, dass Glaube mehr ist als nur ein gedankliches Konstrukt im Kopf. Es ist eher wie Musik; etwas Echtes, Wirkliches. Ich verstehe das, seitdem ich mich meiner Rolle intensiv beschäftigt habe; das zwingt zur Stille und zur Kontemplation, das ist wie ein Gebet.

 

Solche Phasen des Innehaltens und der Konzentration sind Annäherungen an derartiges. Glaube kann Berge versetzen. Der Film thematisiert aber weniger Glauben oder Kirche, sondern etwas Einfaches, das wir als Kinder alle hatten: das Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist. Jedes Kind weiß, dass es falsch ist, Menschen zu töten. Kein Kind würde das diskutieren.

 

Kein Glaubensbekenntnis

 

Was ist bei Erwachsenen anders?

 

Mit den Perspektiven, die man als Erwachsener einnimmt, und den Diskussionen, die man führt, erscheint es plötzlich möglich, tausend Menschen zu töten. Franz Jägerstätter sagt mit kindlicher Kraft: „Nein, ich mache das nicht mit!“ Das hat etwas Stures und Starkes, wie es auch ein Kind hat. Der Film ist kein Glaubensbekenntnis, auch nicht für Malick – sondern eine Ode an die Naturverbundenheit und an das elementare Gefühl dafür, was richtig und was falsch ist.

 

Eine kindliche Kraft hat auch der Beruf des Schauspielers – da steckt Spiel schon im Wort drin.

 

Dieser Beruf ist wie eine Verweigerung, erwachsen zu werden; eine Fortsetzung der Kindheit. Ich kann sagen: Ich mache genau das, was ich als Kind gemacht habe. Ich habe irgendwann herausgefunden, dass mir andere gerne dabei zusehen. Ich habe das wahnsinnige Glück, damit meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

 

Nichts ist wichtiger als das Licht

 

Wie haben Sie ihre Rolle in „Ein verborgenes Leben“ bekommen?

Malick rief mich an, als ich gerade in Berlin auf der Straße unterwegs war. Es regnete, ich stand in einem Hauseingang, und wir telefonierten eine Dreiviertelstunde lang. Das war ein Malick-Moment: Während wir über das Leben und auch das Leben auf dem Land, über Kinder und das Erwachsenwerden sprachen, beobachtete ich den Regen.

 

Er ist ein großer Cineast. Ihn kümmert zunächst einmal vor allem das Licht; für ihn gibt es nichts, was wichtiger wäre. Dann kommt lange, lange nichts – und dann vielleicht die Schauspieler. Denn das Medium Film kommt eigentlich ohne Schauspieler aus. Es gibt sicher tausend tolle Filme mit durchschnittlichen oder gar keinen Schauspielern. Es gibt aber keinen einzigen guten Theaterabend mit schlechten Schauspielern.

 

Wärme lässt Dinge entstehen

 

Terrence Malick gilt als schwieriger Regisseur. Wie war die Arbeit mit ihm?

Der Prozess ist noch nicht zu Ende. Es ist ein ewiger Austausch. Die Arbeit mit Malick ist nicht schwierig, aber eigenwillig. Er lädt einen ein. Man lernt ihn kennen; daraus entsteht eine Wärme, die Dinge entstehen lässt, die ohne diese Wärme nicht möglich geworden wären. Das ist eine unglaubliche Qualität von ihm.

 

Aufnahmen dauerten 28 Minuten

 

Als Brad Pitt mit Malick für den Film „Tree of Life“ drehte, sollte er sich einfach nur im Licht bewegen, ohne zu wissen, was daraus wird. Der Regisseur übernahm dann in den Film eine Szene, in der ein Schmetterling vorbei flog. Wie war das bei Ihren Dreharbeiten?

Wer die Filme von Malick kennt, hat eine gewisse Vorstellung, was ihn erwartet. Beim Dreh denkt man nicht mehr darüber nach, was das für ein Film wird. Tagelang war es so, dass wir eher zur Arbeit als zum Set gefahren sind; da ging es um Kühe und das Heu. Wir führten ein Leben als Bauern, und er war mit der Kamera dabei. Alle Aufnahmen dauerten im Durchschnitt 28 Minuten.

 

Als Schauspieler versuchst man etwa zehn Minuten lang, etwas planvoll zu tun. Irgendwann setzt man sich auf eine Bank, blickt ins Tal – und das ist unter Umständen genau der Moment, den Malick wollte. Man taucht in seine Welt ein und geht mit auf die Reise; das erschöpft auch. Einmal bin ich auf der Wiese eingeschlafen, und als ich aufwachte, war die Kamera direkt vor mir. Alles wird immerzu gefilmt: Das ganze Leben, die ganze Zeit.

 

Wie Rückkehr in die eigene Kindheit

 

Hat das bei Ihnen Stress ausgelöst?

Nein; das war ein Teil der Welt, in die ich mich begeben habe. Es hätte mich eher beunruhigt, wenn beim Aufwachen plötzlich keiner mehr da gewesen wäre. 

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Ein verborgenes Leben“

 

und hier eine Besprechung des Films „Knight of Cups“ – assoziatives Sinnsucher-Drama von Terrence Malick mit Natalie Portman

 

und hier einen Beitrag über den Film „Der junge Karl Marx“ – ausgezeichnetes Biopic über den Philosophen von Raoul Peck mit August Diehl

 

und hier eine Bericht über den Film „Elser“ – Biopic über den wenig bekannten Hitler-Attentäter von Oliver Hirschbiegel mit Burghart Klaußner.

 

Das Landleben wurde in den Dolomiten gedreht. Wie ist es Ihnen dabei ergangen?

 

Ich bin auf dem Land groß geworden; es war wie eine Rückkehr in die eigene Kindheit. Es gibt in Südtirol eine Gruppe von Bauern, die sich das Arbeiten mit alten Werkzeugen zum Ziel gesetzt hat, weil man mit denen an bestimmte Stellen besser herankommt. Die bringen das gerade wieder anderen bei; ihre Arbeitsweise kennen zu lernen, war spannend. Ein großer Teil meiner Vorbereitung bestand darin, Landwirtschaft zu lernen.

 

26 Mal im Tonstudio

 

Der Schnitt zog sich über Jahre hin. Haben Sie bezweifelt, dass der Film je fertig würde?

Nein, da wir im ständigen Austausch waren. Ich war 26 Mal im Tonstudio, um neue Voice-Over-Aufnahmen zu machen. Wir haben immer weiter gearbeitet. Es war nur schwierig, meinem Umfeld zu erklären, dass ich tatsächlich in einem Film von Terrence Malick mitwirkte. 

 

Darin ist Bruno Ganz in seiner letzten Rolle zu sehen: als derjenige Richter, der Jägerstätter zum Tod verurteilt.

 

Bei Bruno wussten wir alle, dass da etwas bevorsteht. Wir haben eine längere gemeinsame Geschichte und haben gemeinsam Theater gespielt; er war auch ein Freund meiner Eltern. Es ist sehr traurig, dass er in diesem Film seine letzte Rolle hatte; sein Tod ist ein ganz, ganz großer Verlust.