Kim Ki-duk

Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers

Kim Ki-duk weint, während er eine Szene seines erfolgreichsten Films "Frühling, Sommer, Herbst, Winter... und Frühling" ansieht. Foto: Rapid Eye Movies

(Kinostart: 26.1.) Selbst-Zerfleischung eines Star-Regisseurs: Der berühmteste koreanische Filmemacher ist schwer depressiv und filmt sich dabei. Ein radikales Dokument, das anzusehen ähnlich quält wie die Erkrankung selbst.

Götterdämmerung. Sturz des Giganten. Ein Jahrzehnt lang war Kim Ki-duk das Wunderkind der Filmindustrie in Ostasien: Fast im Alleingang verschaffte er Südkoreas zuvor zweitrangigem Kino Weltgeltung. In 13 Jahren drehte er 15 Filme; sie heimsten auf internationalen Festivals zahlreiche Preise ein. Wie andere monomanische und hyperproduktive Autorenfilmer – etwa Fassbinder oder Pasolini – verausgabte sich Kim völlig.

 

Info

Arirang – Bekenntnisse eines Filmemachers

 

Regie: Kim Ki-duk, 100 min., Südkorea 2011
mit: Kim Ki-duk

 

Keine Website


2008 geschah ein Unfall bei den Dreharbeiten zu «Dream»: In einer Selbstmord-Szene drohte eine Schauspielerin sich versehentlich zu erdrosseln. Geistesgegenwärtig sprang Kim auf eine Leiter und rettete sie. Dieses Erlebnis traumatisierte ihn, obgleich es glimpflich ausging: Seine Allmacht als Regisseur am Set hätte beinahe einem Menschen das Leben gekostet. Nach «Dream» konnte Kim keine Filme mehr drehen.

 

Er zog sich in eine Hütte in den Bergen zurück; dort haust er seit drei Jahren wie ein Eremit. Da sie ein kleiner Holzofen kaum warm hält, hat er im Innenraum zusätzlich ein Zelt aufgeschlagen, in dem er schläft. Nur eine Katze leistet ihm Gesellschaft.


Offizieller Film-Trailer


 

Selbst gebaute Espresso-Maschine

 

Kim lebt selbstgenügsam bis zur Bedürfnislosigkeit. Er ernährt sich von Fertiggerichten, Obst und Gemüse sowie selbst geräuchertem Fisch. Sein Haar lässt er wachsen, Kleidung wechselt er selten. Mit einem Wort: Der weltberühmte Filmemacher hat schwere Depressionen.

 

Das zeigt er mit schonungsloser Selbstentblößung in «Arirang». Mit einem abendfüllenden Film hat dieses visuelle Tagebuch nur die Länge gemeinsam. Zu sehen sind alltägliche Verrichtungen: Holz hacken, Feuer machen, Reis und Nudeln kochen, Kaffee aufbrühen. In einer selbst gebauten Espresso-Maschine – Kim ist ein versierter Handwerker, seitdem er sich als Jugendlicher mit Reparatur-Arbeiten durchschlug. Er kann sogar einen Revolver anfertigen.

 

Ausagierte Krankheits-Symptome

 

Die Szenen-Folge wirkt beliebig, zuweilen wirr. Der eigentliche Film läuft auf der Tonspur ab: In unaufhörlichen Monologen befragt Kim sich selbst. Warum er keine Filme mehr machen kann, obwohl das sein Lebensinhalt ist. Was seine preisgekrönten Filme bewirken – Anerkennung auf Festivals und damit Futter fürs Ego, während sie in Südkorea floppen. Ob er sein Dasein weiter in dieser Hütte fristen oder den Mut aufbringen wird, in die Außenwelt zurückzukehren.

 

Wer je einen Burn-out oder eine Depression durchlebt hat, bemerkt sofort: Der Regisseur agiert die Symptome dieser Erkrankung aus, während er sich mit der Kamera beobachtet. Unbändiger Ehrgeiz, der jedes Maß verliert und in Lethargie umschlägt. Unfähigkeit, Rückschläge und Enttäuschungen zu ertragen und zu verarbeiten.

 

Keine Erlösung in Sicht

 

Endloses Gedankenkreisen, das wenige Motive unermüdlich und ergebnislos variiert: Ein hypertrophes Ich übernimmt für alles die Verantwortung und leidet unter unauflösbaren Schuldgefühlen. Hass auf die conditio humana und Vernichtungs-Fantasien. Rabenschwarze Weltsicht und Selbstmord-Absichten.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des koreanischen Films „Mother“ von Erfolgs-Regisseur Bong Joon-Ho.


Kim bei seiner Selbst-Zerfleischung zuzuschauen, quält ähnlich wie diese ihn. Zumal keine Erlösung in Sicht ist: Das todtraurige Volkslied «Arirang» aus voller Kehle brüllend, bricht der Filmemacher am Ende zu einem stilisierten Rache-Feldzug auf.

 

Therapie oder letzter Film

 

Ein radikales Dokument, das in Cannes den Hauptpreis der Sektion «Un certain regard» erhielt. Ob diese Auszeichnung therapeutisch wirksam war, scheint zweifelhaft. Das Regie-Genie bedarf dringend psychologischer Betreuung – sonst bleibt dies sein letzter Film.


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