Paul Smaczny + Günter Atteln

Die Thomaner

In diesen heiligen Hallen: Die Thomaner singen sich vor einem Konzert im Kloster Eberbach ein. Foto: NFP Film/ Accentus Music

(Kinostart: 16.2.) Parallelwelt des vielstimmigen Wohlklangs: Der Leipziger Thomaner-Chor feiert sein 800-jähriges Bestehen. Das Doku-Porträt des Jungen-Kollektivs gerät ein wenig zu harmonieselig.

Die meisten zehnjährigen Jungen würden vermutlich Gift und Galle spucken, wollte man sie in einen Matrosenanzug stecken. Die kleinen Thomaner-Chorknaben aber tragen ihre «Kieler Bluse» mit sichtlichem Stolz. Sie haben allen Grund dazu: Wer im zarten Alter von neun bis zehn Jahren Aufnahme findet, dem wird ein überdurchschnittliches Talent bescheinigt. Der 800 Jahre alte Knaben-Chor der Leipziger Thomaskirche ist eine musikalische Elite-Schmiede.

 

Info

Die Thomaner

 

Regie: Paul Smaczny+ Günter Atteln, 113 min., Deutschland 2011;
mit: den Thomanern, Georg Christoph Biller

 

Website zum Film


Das war nicht immer so. In seinen Anfängen war der Chor vor allem eine soziale Einrichtung: Er verschaffte Jungen aus armem Elternhaus Verpflegung, Bildung und ein Dach über dem Kopf – Talent war weniger wichtig. Darüber beschwerte sich Johann Sebastian Bach als Chorleiter von 1723 bis 1750 ständig.

 

Mehr- ist schöner als einstimmig

 

Doch heute glänzt das Stimmgefüge des Knaben-Klangkörpers in schönster Perfektion. Man muss jenem Zehnjährigen beipflichten, der im Film bei seiner zeremoniellen Chor-Taufe sagt, er habe unbedingt zu den Thomanern gewollt, weil mehrere Stimmen zusammen schöner klängen als eine allein.


Offizieller Film-Trailer


 

Wie vor mehreren hundert Jahren

 

Die auf Musiker-Porträts spezialisierten Dokumentarfilmer Paul Smaczny und Günter Atteln haben den Chor ein Jahr lang begleitet. Sie waren bei der Verabschiedung eines Abitur-Jahrgangs und der Neuaufnahme kleiner Nachwuchs-Thomaner dabei, ebenso bei Proben und dem Unterricht in der Thomas-Schule, bei Kissenschlachten, Fußballspielen und einer Südamerika-Reise des Chors.

 

Wenn am Ende der nächste Schüler-Jahrgang verabschiedet wird, ist der Zuschauer völlig eingetaucht in diese Parallelwelt. In ihr läuft vieles noch genau so ab wie vor mehreren hundert Jahren, obwohl die Protagonisten ganz gegenwärtig sind.

 

Durchgeplanter Tagesablauf

 

Die Filmemacher konzentrieren sich auf das Kollektiv. Zwar kommen auch einzelne Jungen zu Wort, doch treten sie weniger als Individuen auf, sondern eher als Vertreter bestimmter Haltungen: Interviews mit ihnen sollen bestimmte Aspekte der Lebensweise der Thomaner beleuchten oder bekräftigen.

 

Im Mittelpunkt stehen das Zusammenleben im Alumnat – dem choreigenen Internat – und die enge Verknüpfung von Leben, Lernen und Musik. Der Tagesablauf ist durchgeplant mit Schulstunden, Proben, Stimmbildung, Klavierunterricht und gemeinsam eingenommenen Mahlzeiten. Da kann sich einer der jüngeren Knaben kaum vorstellen, was andere Kinder in ihrer Freizeit machen.

 

Nur für Männer

 

Das Problem mit diesem Focus auf das Thomaner-Kollektiv bei vollständigem Verzicht auf jeden Off-Kommentar ist allerdings, dass sich dadurch eine gewisse PR-Anmutung einstellt. Bei aller Faszination an der Musik und am leistungsorientierten Musizieren in der Gemeinschaft, die Film vermittelt, hätten doch mehr Einblicke hinter die so glanzvoll präsentierte Oberfläche nicht geschadet.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.


Auch die Geschichte des Chors bleibt ausgespart; seine 800-jährige, elitäre Tradition wird an keiner Stelle kritisch beleuchtet. Obwohl manches widersprüchlich und fragwürdig erscheint: So bleibt die mit öffentlichen Geldern geförderte Institution auch im 21. Jahrhundert ausschließlich dem männlichen Geschlecht vorbehalten.

 

Durchaus möglich, dass es dafür eine künstlerisch vertretbare Begründung gibt. Darüber hätte man gern mehr erfahren – etwa eine Antwort auf die Frage: Was ist eigentlich das musikalisch Besondere an einem Knabenchor?


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