Maryam Keshavarz

Sharayet – Eine Liebe in Teheran

Zweisamkeit vor autogerechter Stadt: Atafeh (Nikool Bosheri) und Shirin (Sarah Kazemy, v.li.). Foto: Edition Salzgeber

Freiheits-Versprechen von Bonnie Tyler

 

Ein weiterer Aspekt betrifft den klandestinen Umgang mit unerlaubter westlicher Kultur, und in umgekehrter Richtung: die Perspektive der Regisseurin, die ihrem Film eigene Erlebnisse als in den USA lebende Iranerin zugrunde legt. Wie der Kalte Krieg gezeigt hat, ist westliche Kultur ein nicht zu unterschätzender Faktor in der Konfrontation zweier gegensätzlicher politischer Systeme.

 

Die jungen Protagonistinnen von «Sharayet» eignen sich dabei die kulturellen Codes an: Sie werden entweder angepasst – das fatale «Verbrechen» der Clique von Shirin und Atafeh besteht darin, ein synchronisiertes DVD-Doppelpack aus «Milk» und «Sex and the City» illegal zu vertreiben –  oder einfach neu codiert. Dass dabei auch Bonnie Tyler eine Rolle spielt, mag uns komisch vorkommen. Doch in den Träumen der Mädchen überwiegt dabei reine Sehnsucht nach einem Freiheits-Versprechen; der Film scheut sich nicht, dabei expliziten Kitsch zu zitieren.

 

Bruder-Blick penetriert in jedem Sinne

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des exil-iranischen Melodrams "Huhn mit Pflaumen" von Marjane Satrapi

 

und hier einen Beitrag zum Dokumentar-Film "Im Bazar der Geschlechter" von Subadeh Mortezai über die Zeit-Ehe im Iran

 

und hier einen Bericht über den Film "Women without men" der persischen Künstlerin Shirin Neshat.

Regisseurin Kehavarz kombiniert diese von Film und Werbung geprägte Bildästhetik dabei gekonnt mit dem weiblichen Blick der Erzählung, aber auch immer wieder dem männlichen Blick des Bruders, der den Rückzugs-Raum der beiden Freundinnen in wirklich jedem Sinne penetriert.

 

Nicht zuletzt ist der Film eine feministische Analyse der Macht-Strukturen im Iran: ein Alptraum totaler männlicher Überwachung, die Orwell sich nicht hätte besser ausdenken können. Allerdings sind die Unterschiede zum angelsächsischen Genre-Film unübersehbar. Vergewaltigungen und Übergriffe geschehen fast beiläufig – und kein Täter wird vom Drehbuch dafür bestraft.

 

Bitte nicht beim Imam petzen

 

Brisanz und visuelle Kraft des Films liegen auf der Hand. Und die Figur des politisierten US-Iraners Joey (Keon Mohajeri) zeigt als Stellvertreter der Regisseurin, wie sehr sie sich ihrer Rolle als Autorin eines solchen Filmes bewusst ist.

 

Man möchte kaum mehr darüber schreiben, weil am Ende doch wieder jemand zum Imam petzen geht und ein weiteres Leben zerstört. Schließen wir also mit einer rein ästhetischen Anspielungs-Pointe: «Heavenly Creatures» trifft «Persepolis» trifft «Far From Heaven» – aber leider nicht «Thelma & Louise».


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