M. Dewald + O. Lammert

Global Viral – Die Virus-Metapher

Der Mensch als Virus: Überblendung einer Viren-Kultur mit einer anatomischen Grafik. Foto: déjà-vu Film

(Kinostart: 19.7.) Vom Organismus über Volks-Körper und infizierte PC-Festplatten bis zum «viralen Marketing»: Als Metapher sind Viren allgegenwärtig. Dieser ihnen gewidmete Film-Essay ist optisch karg, aber geistig nahrhaft.

Film-Essays von Madeleine Dewald und Oliver Lammert aus der Hamburger Medien-Agentur «Dock 43» sind Gesprächs-Filme. In ruhigen, klaren Interviews und sparsam flankierender Bildsprache greifen sie komplexe Themen auf.

 

Info

Global Viral –
Die Virus-Metapher

 

Regie: Madeleine Dewald + Oliver Lammert, 80 min., Deutschland 2010;
mit: Manfred Geier, Reinhardt Kurth, Constanze Kurz

 

Weitere Informationen

Die diskutieren sie aus interdisziplinär kulturwissenschaftlicher Perspektive mit einer Gemütsruhe, die an TV-Interviews von Alexander Kluge erinnert. Nach Bild-Manipulation und Manipulation durch Bilder in ihrem letzten Film «Vom Hirschkäfer zum Hakenkreuz» analysieren sie diesmal die allgegenwärtige Virus-Metapher.

 

Vom Volks-Körper zum Daten-Speicher

 

Wir kennen den Virus als Krankheitserreger, der ein Individuum befällt, aber auch im übertragenen Sinne den «Volks-Körper» – diese Metapher behauptet, die Bevölkerung sei ein homogenes Ganzes. Später wurde der Begriff auf Daten-Speicher und Netzwerke von Computern übertragen.


Offizieller Film-Trailer


 

Theorie-Brocken mit Experten verfilmen

 

Inzwischen wird der Begriff des Virus auch auf der kognitiven Ebene verwendet: Ideen – heute modisch «Meme» genannt – würden sich viral verbreiten und dabei die Gesellschaft strukturell verändern, heißt es: ebenso, wie unzählige Viren und Retroviren im Lauf der Evolution die DNA des Menschen verändert haben.

 

All das ergibt einen ziemlichen theoretischen Brocken, der seinen Platz traditionell zwischen zwei Buchdeckeln hat. Dewald und Lammert versuchen trotzdem, diese durchaus spannenden Gedanken-Linien in Film umzusetzen. Ihre Lösung besteht vor allem aus den Köpfen kompetenter Experten: eines Biologen, Philosophen, Tropen-Mediziners und einer Sprecherin des «Chaos Computer Club».

 

Mal belebt, mal unbelebt

 

Alle Gesprächs-Partner beziehen angenehm klare, klischeeferne und kritische Positionen. Dazu werden assoziative Bilder gezeigt: gerne aus dem Elektronen-Mikroskop, notfalls auch aus dem Tonstudio, wo wir beim Verlesen des Textes zusehen dürfen.

 

Der Film verfolgt die historische Spur des Virus. Ihn unterscheidet von Bakterien, dass diese nicht nur größer sind, sondern auch außerhalb eines Wirtskörpers Merkmale des Lebens aufweisen – im Gegensatz zum Virus. Dagegen oszillieren Viren je nach Milieu zwischen passiv und aktiv: mal sind sie belebte, mal unbelebte Materie.

 

Forschung lässt Viren tödlich werden

 

Viren haben den Menschen schon immer evolutionär begleitet. Sie sind aber weit weniger gefährlich, als die bekanntesten Vertreter HIV und Tollwut ahnen lassen. Selbst diese Viren «wollen» ihre Wirts-Organismen nicht töten – auch wenn der Volksmund das annimmt.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Halt auf freier Strecke“ von Andreas Dresen über den Todeskampf eines Krebs-Kranken 

 

und hier eine Lobeshymne auf den Thriller „Bullhead“ von Michaël R. Roskam über die Hormon-Mafia in Belgien

 

und hier einen Beitrag zum Katastrophen-Film „Contagion“ von Steven Soderbergh über eine weltweite Killer-Epidemie

Erst wenn moderne Forschung tödliche Eigenschaften eines Virus kultiviert, wird er zur biologischen Waffe. Die Wiederbelebung der spanischen Grippe, die eigentlich unschädlich gemacht worden war, zählt zu dieser Art Risiko-Forschung. Sie wird vom Biologen Jan van Aken als unverantwortlich verurteilt.

 

Sprache als virus from outer space

 

Die Ideen-Reise geht weiter zum Computer-Virus und der Theorie von Richard Dawkins: Er führte den  Begriff «Meme» in die Debatte ein, indem er ihn sprachlich vom menschlichen Genom ableitete. Doch auch der gute alte Beatnik-Schriftsteller William S. Burroughs wird zitiert: Der argwöhnte, die Sprache selbst sei ein «virus from outer space».

 

Bei allem Erkenntnis-Gewinn ist der Film optisch ein asketisches Vergnügen: Sein Gewicht liegt auf dem gesprochenen Wort. Mitsamt seiner unaufdringlichen Hintergrund-Musik würde er ein gutes Hörbuch für wissbegierige Akademiker abgeben: als Collage aus Experten-Statements, spekulativen Gedanken, bündigen Zusammenfassungen und privaten Einsichten.

 

Uni-Präsentation gegen Infotainment-Seuche

 

Deren Tonfall erinnert eher an eine Powerpoint-Präsentation im Uni-Seminar als an einen Kino-Film. Wer aber an einem geistig nahrhaften Cocktail seine Freude hat, der sinnlich karg ausfällt, wird den Arbeiten von «Dock 43» weiter die Treue halten – und sich nicht von der grassierenden Infotainment-Seuche infizieren lassen.


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