Wong Kar-Wai

The Grandmaster

IP Man (Tony Leung) und Gong Er (Zhang Zi-Yi). Foto: Wild Bunch Germany

(Kinostart: 27.6.) Ein Fest fürs Auge: In berauschenden Bildern erzählt Regisseur Wong Kar-Wai das Leben des Kung-Fu-Lehrers von Bruce Lee. Dabei wird viel gekämpft, und auch Liebe kommt vor – selbstverständlich in ihrer unerfüllten Variante.

Natürlich ist dies kein gewöhnlicher Martial-Arts-Film, auch wenn er ganz klassisch die Lebensgeschichte eines großen Kung-Fu-Meisters erzählt, des in Hongkong legendären IP Man. Er emigrierte von China nach Hongkong und wurde dort der Kampfkunst-Lehrer von Bruce Lee.

 

Info

The Grandmaster

 

Regie: Wong Kar-Wai

123 Min., Hongkong/China 2013

mit: Tony Leung Chiu-Wai, Zhang Zi-Yi, Chang Chen, Song Hye-Kyo

 

Website zum Film

Wong Kar-Wai, Regisseur von „Chungking Express“ und „In the Mood for Love“, ist kein Genrefilmer, sondern ein künstlerisch höchst unabhängiger Geist, der auch visuell immer wieder für Überraschungen sorgt. Und so ist auch „The Grandmaster“ ein großes Fest fürs Auge.

 

Radikale Zeitlupenästhetik

 

Das Konzept der herkömmlichen Ästhetik von Kung-Fu-Filmen hat Wong dabei gründlich umgekrempelt. Während Schnelligkeit der höchste Trumpf ist, mit dem Martial-Arts-Filme üblicherweise ihr Publikum in Bann schlagen, setzt Wong radikal auf Zeitlupenästhetik.

 


Offizieller Filmtrailer


 

Ästhetische Spannung

 

Während in den Genrefilmen häufige Totalen zeigen, wie beeindruckend präzise sich die Kämpfenden im Raum bewegen, gehen Wong und sein Kameramann Philippe le Sourd gleichsam in die Innenansicht und vertiefen sich nicht minder präzise ins Detail – zeigen Hände, Füße und Gesichter in gleichsam erforschenden Großaufnahmen. Die Spannung eines Kampfes wird damit ganz verlagert in die ästhetische Spannung einzelner Bewegungssequenzen.

 

In der Erzähldramaturgie bleibt „The Grandmaster“ dagegen ganz dem Genre verbunden, dem sein Stoff entlehnt ist. Im narrativen Zentrum stehen die Kampfszenen, und auch der Plot, der das Leben des realen IP Man an einer – wie sollte es anders sein – unerfüllten Love Story entlang erzählt, zielt darauf ab, die Protagonisten immer wieder im Kampf zu zeigen.

 

Konfrontation zweier Kampfschulen

 

Ausgangspunkt ist die Konfrontation zweier Kampfschulen: Der alte Kungfu-Großmeister Gong Bao-Sen, führend in den Kampfstilen des Nordens, kommt in die südchinesische Stadt Foshan, um sich vor seinem Rückzug aufs Altenteil in einem letzten Kampf mit dem herausragendsten Vertreter der südlichen Kampfschulen zu messen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Drachenmädchen“ – Doku über Chinas größte Kung-Fu-Schule von Inigo Westmeier

 

und hier einen Bericht über den Film „Der Seidenfächer“ – Kostüm-Film über Schwester-Seelen von Wayne Wang

 

und hier eine Lobes-Hymne auf den Spionage-Thriller alter Schule „Shanghai „ mit Gong Li, Franka Potente + Chow Yun-Fat

 

Das ist IP Man (Tony Leung). Nachdem er nicht nur all seine südlichen Konkurrenten, sondern auch den alten Meister des Nordens geschlagen hat, wird er von dessen schöner Tochter zu einem weiteren Kampf herausgefordert, mit dem die stolze Gong Er (Zhang Zi-Yi) die Familienehre wiederherstellen will.

 

Kung-Fu-Ballett

 

Die meisterhafte filmische Choreographie dieses Kampfes zwischen IP Man und Gong Er deutet die Kampfkunst gleichsam poetisch um, macht aus der aggressiven Interaktion eine Art Kung-Fu-Ballett, einen Pas de deux des unerfüllten Verlangens.

 

Ebenso wenig wie in „In the Mood for Love“ kommen in „The Grandmaster“ die Liebenden zusammen. Nicht nur hat IP Man anderweitige familiäre Verpflichtungen; zudem kommen die japanische Besetzung dazwischen, der Zweite Weltkrieg und der Bürgerkrieg in China. Als die beiden Meisterkämpfenden sich viele Jahre später in Hongkong wiedertreffen, stirbt die schöne Gong Er kurze Zeit später an Opium-Missbrauch.

 

Lebensgeschichte – Liebesgeschichte

 

So steht in „The Grandmaster“ im Grunde weniger die sehr bewegte, echte Lebensgeschichte des wahren IP Man im Vordergrund, als vielmehr die Liebesgeschichte mit einer eigens zu diesem Zweck erfundenen Filmfigur. Wong Kar-Wai geht es weniger um historische Genauigkeit, als um die künstlerische Treue zur Definition des Regisseurs François Truffaut, Kino zu machen, bedeute „mit schönen Frauen schöne Dinge“ zu tun. Und sehr, sehr schön ist dieser Film auf jeden Fall geworden.


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