Mike Leigh

Mr. Turner – Meister des Lichts

William Turner (Timothy Spall): "Die Sonne ist Gott!", Foto: © 2014 PROKINO Filmverleih GmbH

(Kinostart: 6.11.) Ein Maler-Genie als Grobian: William Turner, wichtigster Wegbereiter des Impressionismus, war ein ausgemachter Kauz. Sein Porträt erweitert Regisseur Mike Leigh zum grandiosen Epochen-Panorama, dessen Ausläufer bis heute reichen.

Die Geburt des Impressionismus aus dem Geist der Rüpelei: Durchs biopic von Mike Leigh poltert John Mallord William Turner (1775-1851) als schwer erträgliches Scheusal. Fragen beantwortet er meist mit Brummen oder Grunzen. Daheim verschanzt er sich im Atelier und ignoriert seine Haushälterin (Dorothy Atkinson), wenn er sie nicht wortlos besteigt. Kommt seine Ex-Geliebte (Ruth Sheen) mit den gemeinsamen Töchtern zu Besuch, schweigt er sich aus. Turner war eben ungehobelt, „but with a great range of mind„, wie sein Maler-Kollege John Constable anerkannte.

 

Info

 

Mr. Turner –
Meister des Lichts

 

Regie: Mike Leigh,

149 Min., Großbritannien 2014;

mit: Timothy Spall, Dorothy Atkinson, Marion Bailey

 

Website zum Film

 

Dafür bewunderten ihn seine Zeitgenossen – und sahen ihm schlechtes Benehmen und schäbige Kleidung nach. Der Sohn eines Barbiers wurde schon als 14-Jähriger zum Schüler an der Royal Academy und zehn Jahre später ihr assoziiertes Mitglied. Zugleich sah er erstmals barocke Landschaftsgemälde von Claude Lorrain (1600-1682), deren einzigartige Lichtführung ihn tief beeindruckte; Lorrain blieb zeitlebens Turners großes Vorbild.

 

Privatgalerie mit 28 Jahren

 

Der shooting star war so erfolgreich, dass er sich mit nur 28 Jahren eine Privatgalerie leisten konnte, um seine Werke auszustellen; das war in England einmalig. Ab 1811 lehrte er als Professor für Perspektive an der Akademie; auf deren Jahresausstellungen wurden seine Bilder stets prominent präsentiert und viel bewundert.


Offizieller Filmtrailer


 

Nachlass von 19.000 Arbeiten

 

Derweil unternahm Turner etliche Reisen durch halb Europa bis nach Italien, bei denen der workaholic unzählige Skizzen anfertigte. Als ihm ein Schreibfeder-Tycoon die enorme Summe von 100.000 Pfund für sein Gesamtwerk anbot, lehnte Turner ab. Er hinterließ rund 19.000 Arbeiten der britischen Nation mit der Auflage, alles öffentlich zu zeigen oder zugänglich zu machen. Heute füllen seine Bilder einen ganzen Flügel der Tate Britain.

 

All das setzt Regisseur Mike Leigh als mehr oder weniger bekannt voraus. Kein Wunder: Es geht um eine nationale Ikone, deren Lebenslauf und wichtigste Werke jedes britische Schulkind lernt. Ebenso hält sich Leigh mit Turners überragendem Rang in der Kunstgeschichte nicht weiter auf: Er begann als ungemein präziser Landschaftsmaler und ging zu historischen Allegorien à la Lorrain über, wie sie damals sehr geschätzt waren.

 

Reine Sinneseindrücke ohne Formen

 

Bis seine romantischen Naturansichten immer ungegenständlicher ausfielen; ihm ging es um reine Sinneseindrücke von Lichteffekten und Wetterphänomenen. Damit wurde Turner der wichtigste Wegbereiter des Impressionismus; er formulierte dessen Stilmittel schon ein halbes Jahrhundert früher aus.

 

Genau zu diesem Zeitpunkt, 1826, setzt der Film ein. Der längst arrivierte Künstler ist in seiner maulfaulen Art keineswegs geneigt, über sich oder irgendetwas sonst Auskunft zu geben. Stattdessen verlegt Turner-Darsteller Timothy Spall jede Regung in die Mimik seiner zerknautschten Gesichtslandschaft; damit raunzt, schlurft und braust er ausdrucksstark durch alle Szenen. Für diese schauspielerische Glanzleistung bekam er in Cannes die Goldene Palme.

 

Hörer schlafen bei Vorlesung fast ein

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier ein Interview mit Regisseur Mike Leigh über den Film „Mr. Turner – Meister des Lichts“

 

und hier eine Besprechung der Ausstellung Turner – Monet – Twombly: Later Paintings – mit Werken von William Turner in der Staatsgalerie Stuttgart

 

und hier einen Bericht über die Ausstellung „John Constable – Maler der Natur“ – Werkschau des Zeitgenossen + Gegenspieler Turners in der Staatsgalerie Stuttgart

 

und hier einen Beitrag über die Ausstellung “Claude Lorrain – Die verzauberte Landschaft” über Turners großes Vorbild im Städel Museum, Frankfurt am Main.

 

Der Film begleitet ihn durch diverse Momente seines letzten Lebensdrittels. Turner und sein geliebter Vater auf dem Markt und bei deftigen Mahlzeiten. Turner im Küstenort Margate bei seiner Vermieterin Sophia Booth, der Liebe seiner alten Tage. Turner im Kreise von Kunstkennern wie dem Mäzen Earl von Egremont oder dem Kritiker John Ruskin, der sein wichtigster Fürsprecher war.

 

Wie Turner sich optische Experimente mit einem Prisma vorführen lässt. Wie er eine konfuse Vorlesung an der Akademie hält, deren Hörer fast einschlafen. Während letzter Vorbereitungen zur Jahresausstellung, deren Mitglieder sich mit giftigen Spitzen piesacken. Und immer wieder in freier Natur beim Beobachten und Malen.

 

Neue Kunst der Industrialisierung

 

Bruchstückhaft aneinander gereiht, erschließt sich der Zusammenhang dieser Episoden erst allmählich; wie bei einem impressionistischen Gemälde, dessen Motiv und Ausführung nur mit räumlichen Abstand erkennbar wird. Regisseur Mike Leigh zeigt, wie radikale Veränderungen beim ersten Auftreten unscheinbar daherkommen oder schlicht seltsam wirken; ihre Bedeutung wird erst später offenbar. Als Turner erstmals eine Dampflok sieht, hält er den Anblick in „Rain, Steam and Speed“ fest; es zählt heute zu seinen berühmtesten Bildern.

 

So ist „Mr. Turner“ mehr als ein konventionelles biopic oder Kostüm-Reigen einer verflossenen Ära: Aus der aufmerksamen Sicht eines Ausnahme-Malers erzählt der Film vom Niedergang der alten Feudalordnung mit ihren sozialen und ästhetischen Gewissheiten und dem Aufstieg von Industrialisierung und Bürgertum, das eine neue Kunst verlangte. Also ein fulminantes Epochen-Panorama, dessen Ausläufer bis in die Gegenwart reichen.


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