Jason Reitman

#Zeitgeist

Nicht ohne meinen iPad: Helen Truby (Rosemarie DeWitt) und ihr Mann Don Truby (Adam Sandler) beschäftigen sich im Bett lieber digital. Foto: Paramount Pictures

(Kinostart: 11.12.) Das Internet als alles fressendes Alien: Sein Sittenbild-Ensemblefilm über Liebe, Sex und Familie im Digital-Zeitalter gerät Regisseur Jason Reitman zur Teufelskreis-Predigt. Die Realität bleibt dabei auf der Strecke.

Digital ist überall: Regisseur Jason Reitmann präsentiert eine zweigeteilte, übereinander gelagerte Welt. Im real life laufen Menschen als Eltern und Kinder, Arbeitnehmer und Schüler über Flure, Straßen und shopping malls, sitzen an ihren Arbeitsplätzen vor dem Rechner, sittsam am Abendbrot-Tisch, nebeneinander vor dem Fernseher.

 

Info

 

#Zeitgeist

 

Regie: Jason Reitman,

119 Min., USA 2014;

mit: Adam Sandler, Rosemarie DeWitt, Judy Greer

 

Website zum Film

 

Während sie das ziemlich gelangweilt hinter sich bringen, tippen und wischen sie sich ins virtual life. Dort entpuppen sie sich auf vielen kleinen Bildschirmen und Sprechblasen, die mit ihnen wandern und aufleuchten, als die coolen Typen, rassigen Liebhaberinnen und monströsen Helden, die sie eigentlich sind.

 

Richtiges Leben im falschen

 

Welches ist das richtige, welches das falsche Leben? Für die Figuren in diesem Ensemblefilm, sieben Familien in Texas, ist zumindest klar, worauf ihre Sehnsucht zielt. Das Ehepaar Don (Adam Sandler) und Helen (Rosemarie DeWitt) lebt längst aneinander vorbei. Im Netz findet jeder für sich die Traumhure und den schwarzen lover, die das fast erloschene Feuer wieder entfachen.


Offizieller Filmtrailer


 

Mama entfreundet Sohn auf Facebook

 

Der magersüchtige Teenie Allison schwärmt für Brandon, der sie so lieblos wie im Porno entjungfert. Cheerleader-Kollegin Hannah will um jeden Preis Model werden; dazu vermarktet sie ihre Mutter Donna (Judy Greer), eine gescheiterte Schauspielerin, mit einer eigenen Website im Internet. Donna geht einen Schritt zu weit; dafür hat der eigentlich interessierte Kent (Dean Norris) kein Verständnis und beendet ihre liaison.

 

Sein Sohn Tim verfolgt derweil auf Facebook – solange, bis sie ihn „entfreundet“ –, wie seine davon gelaufene Mutter sich neu verlobt. Tim flüchtet sich in das online game „World of Warcraft“; auch dafür hat Kent kein Verständnis. Brandy hingegen findet trotz Dauerüberwachung durch ihre kontrollsüchtige Mutter (Jennifer Garner) durchaus einen Zugang zu Tim – allerdings nicht zufällig im real life.

 

Virtuelles entleert wirkliches Leben

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films “Citizenfour” – beeindruckende Doku von Laura Poitras über Abhörskandal-Enthüller Edward Snowden

 

und hier einen Bericht über den Film “Drei Stunden” – federleichte Sommer-Liebes-Komödie unter Zeitdruck von Boris Kunz

 

und hier einen Beitrag über den Film „360“ – Melodram über die Globalisierung der Liebe von Fernando Meirelles nach „Der Reigen“ von Arthur Schnitzler.

 

 

Denn Regisseur Reitman erzählt in seiner Roman-Verfilmung „von digitaler Nähe und analoger Entfremdung“, wie es im Untertitel heißt – und hat daraus so etwas wie einen engagierten und didaktischen Film gemacht. Gut christlich lernen wir in Exempeln, dass es einen Teufelskreis gibt: Das Virtuelle verzehrt die Aufmerksamkeit und entleert das wirkliche Leben, für das sich dann niemand mehr ernsthaft verwenden mag. Nicht die Flucht in den cyberspace rettet uns, sondern der Mut zu Nähe und liebender Verantwortung.

 

Inhaltlich ist daran vielleicht nichts falsch. Auch nicht an der Schluss-Sequenz, in der die Zerbrechlichkeit und Kostbarkeit unseres kleinen Planeten in der Kälte des Alls beschworen wird. Doch das Ende macht endgültig offenbar, dass es Reitman weniger um ein Sittengemälde à la Schnitzlers „Reigen“ als um eine Predigt geht – und dass „#Zeitgeist“ zu diesem Zweck unzulässig vereinfacht.

 

Im Paradies ohne Maschinen kuscheln

 

Das Internet spielt die Rolle eines wirklichkeits- und körperfressenden Alien; es ist zutiefst böse. Und das Paradies kommt erst dann wieder in Sicht, wenn sich zwei junge Menschen vom digitalen Irrweg abwenden und ganz ohne Maschinen kuscheln. Da wird der Zeitgeist zum Gespenst, und die Diagnose verkommt zur Verurteilung. Der Film lässt keine Versöhnung, nur eine Entscheidung zwischen den zwei Welten zu; so kann er selbst kaum mit Nachsicht rechnen.


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