Michael Keaton

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

Riggan Thomson (Michael Keaton) ist Birdman. Foto: © 2014 Twentieth Century Fox

(Kinostart: 29.1.) Comeback wie Phönix aus der Asche: Das schwebt dem Ex-Superhelden vor, der früher als Vogelmensch auftrat. Sein Bühnen-Debüt endet als Bruchlandung – die Regisseur Alejandro G. Iñárritu mit Top-Stars als brillante Theater-Satire inszeniert.

Es kracht; ein Feuerball fegt über den Himmel. Dann schwebt ein Mann mitten im Raum. Er heißt Riggan Thomsen (Michael Keaton), und der Raum ist eine Theater-Garderobe, angefüllt mit Erinnerungsstücken. Vor 20 Jahren war er ein berühmter Superhelden-Darsteller, der stets mit Maske und schwarzem Vogelkostüm auftrat.

 

Info

 

Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit)

 

Regie: Alejandro Gonzalez Iñárritu, 119 Min., USA 2014;

mit: Michael Keaton, Naomi Watts, Emma Stone

 

Website zum Film

 

Nun will Riggan als Theater-Regisseur neu durchstarten. Für sein ambitioniertes Broadway-Debüt hat er ein Stück nach einer short story von Raymond Carver ausgewählt und zur Finanzierung eine Hypothek auf sein Haus aufgenommen. Der Erfolgsdruck ist also ernorm. Dabei geht es nicht nur im Bühnen-Ensemble, sondern auch privat drunter und drüber.

 

Assistentin-Tochter aus Entzugsklinik

 

Sowohl seine Ex-Gattin als auch seine aktuelle Freundin und Bühnen-Kollegin Laura (Andrea Riseborough) gehen Riggan gehörig auf die Nerven. Seine Tochter (Emma Stone) wurde gerade aus der Entzugsklinik entlassen; mit ihrer neuen Aufgabe als Assistentin kommt sie kaum klar. Dann fällt auch noch der männliche Hauptdarsteller nach einem Proben-Unfall aus.


Offizieller Filmtrailer


 

Für neun Oscars nominiert

 

Hauptdarstellerin Lesley (Naomi Watts) sowie sein bester Freund und Produzent Jake (Zach Galifianakis) drängen Riggan, Publikumsliebling Mike Shiner (Edward Norton) zu engagieren: Der soll für begeisterte Kritiken und ausverkaufte Häuser sorgen. Nur hat der Herr leider noch mehr Allüren und Ego-Trips als sein Chef; der ganz normale Theaterwahnsinn also.

 

Diese Konstellation ist eigentlich nicht spektakulär genug, um zu erklären, warum „Birdman“ mit Preisen überschüttet wird; allein für die Oscars 2015 ist er neun Mal nominiert. Außerdem darf man vom mexikanischen Regisseur Alejandro González Iñárritu mehr erwarten als eine brave Milieustudie: Seine Spielfilme von „Amores Perros“ (2000) über „Babel“ (2006) bis „Biutiful“ (2010) erregten mit experimentellen Erzählformen großes Aufsehen.

 

Rolle ist Batman-Keaton auf Leib geschneidert

 

So wird auch „Birdman“, nach einem Drehbuch von Iñárritu selbst, zu einem Werk, das in keine Schublade passt: Tragödie, Charakterstudie, Satire oder tiefschwarze Komödie – der Film hat von allem etwas. Dabei sind die Übergänge fließend; wie auch beim zweimaligen Batman-Darsteller Michael Keaton und dieser Rolle, die ihm auf den Leib geschneidert ist. Nie war er besser als in diesem ironischen und zugleich anrührenden Porträt eines alternden, mittelmäßigen Schauspielers, dessen Ruhm verblasst. Sehenden Auges schlittert er in die Katastrophe.

 

Zwar weiß Riggan um die Möglichkeit des Scheiterns, aber er könnte das ignorieren, wäre da nicht die Stimme seines gemeinen und zweiflerischen Birdmanalter egos in seinem Kopf. Jeder außer ihm scheint zu wissen, dass er heillos überfordert ist; allmählich verschwimmt für ihn die Grenze zwischen Realität und Einbildung. Aber die Truppe macht weiter. Jedes Bühnen-Engagement ist besser als keines, und Aufmerksamkeit ist garantiert, wenn ein Ex-Superheld sich an Hochkultur versucht – obwohl eine Star-Kritikerin die Inszenierung bereits vorverurteilt hat.

 

In Unterwäsche über den Broadway rennen

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier einen Bericht über den Film Die Wolken von Sils Maria von Olivier Assayas mit Juliette Binoche als alternder Schauspielerin

 

und hier einen Beitrag über den Film “Maps to the Stars” – sarkastische Satire über die Filmbranche in L.A. von David Cronenberg

 

und hier eine kultiversum-Besprechung des Films „Biutiful“ – Barcelona-Milieustudie mit Javier Bardem von Alejandro G. Iñárritu.

 

So taucht der Film tief hinab in die seelischen Abgründe des Theaterbetriebs mit seinen Eitelkeiten, Unsicherheiten und Zwängen; dabei behält die Kamera Riggan meist im Fokus. Alles scheint ihm aus den Händen zu gleiten; auch privat geht es den Bach runter. Was traurig wird, wenn er trotz vorgerückten Alters immer noch nicht weiß, was richtig ist – und unglaublich komisch, wenn er sich am Premierenabend aussperrt und panisch in Unterwäsche über den dicht bevölkerten Broadway rennt, um rechtzeitig auf die Bühne zu kommen. Ein Mann zwischen Größenwahn und Irrsinn.

 

Irre gut ist auch das übrige Ensemble; die Schauspieler haben offensichtlich großen Spaß an dieser so bitterbösen wie liebevollen Selbstpersiflage. Edward Norton brilliert als obereitler Fatzke, der sein Method Acting viel zu ernst nimmt. Naomi Watts als Hauptdarstellerin Lesley lässt gehörig die Diva heraushängen, und Zach Galifianakis („Hangover“) darf als Produzent endlich einmal geradlinig anstatt verpeilt auftreten.

 

Alles-recht-machen-wollen scheitert

 

Dazu kommt noch der exzellente score von Jazz-Percussionist Antonio Sanchez: Er braucht nur Schlagzeug und Trompete – und erzeugt doch mehr Atmosphäre als zig Streicher. Was „Birdman“ aber wirklich wunderbar macht, ist eine tiefe Menschlichkeit, die den besten Komödien immer innewohnt.

 

Riggan ist ein ganz normaler Typ mit überzogenen Wünschen, denen er nicht gerecht werden kann. Er will es allen irgendwie recht machen, um von ihnen beachtet und geliebt zu werden, woran er scheitern muss: Nicht zufällig hat er sich als Vorlage Carvers Kurzgeschichte „What We Talk About When We Talk About Love“ ausgesucht. Da mag der fiese Birdman-Meckervogel am Ende triumphieren, aber es wird noch einmal heftig krachen. Und dann ergibt alles einen – irren – Sinn.


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