Syllas Tzoumerkas

A Blast – Ausbruch

Marias Mann Yannis (Vassilis Doganis) und Maria (Angeliki Papoulia) in glücklichen Zeiten. Foto: RealFiction

(Kinostart: 16.4.) Schnauze gestrichen voll: Eine junge Griechin erträgt den Dauerfrust in ihrer schuldengeplagten Heimat nicht mehr und wirft alles hin. Seine Krisen-Diagnose inszeniert Regisseur Tzoumerkas als chaotisches Puzzle wirrer Szenen.

Tabula rasa auf Griechisch: Maria (Angeliki Papoulia) läuft Amok. Die treue Ehefrau, fürsorgliche Mutter und verantwortungsbewusste Bürgerin hat die Nase voll. Ihre Überforderung mündet in eine Explosion: Sie bricht mit allem, was ihr Leben bisher ausmachte. Danach liegt ein Scherbenhaufen hinter ihr und vor ihr die Weite der kargen griechischen Landschaft. Kein Ausweg, nirgends.

 

Info

 

A Blast Ausbruch

 

Regie: Syllas Tzoumerkas,

84 Min., Griechenland/ Deutschland 2014;

mit: Angeliki Papoulia, Vassilis Doganis, Maria Fili

 

Website zum Film (engl.)

 

Ein Film wie ein Donnerschlag laut, überdreht, hysterisch. Regisseur Syllas Tzoumerkas verlangt dem Publikum einiges ab. Wäre nicht die Dauerkrise in Griechenland und sein gespanntes politische Verhältnis zum übrigen Europa, käme der Film wohl kaum in hiesige Kinos: Kinematografisch und dramaturgisch enttäuscht er total. Nur als Wutschrei einer Generation, die Altlasten ihrer Eltern abtragen muss, ist er beachtenswert.

 

Ehemann fährt zur See

 

Maria, die 30-jährige Antiheldin des Filmes, ist Mutter dreier Kinder und fügsame Tochter einer Mittelklasse-Familie, um deren Laden sie sich seit dem Abbruch ihres Jura-Studiums kümmert. Ihr Mann, Kapitän Yiannis (Basile Doganis), weilt monatelang auf See und nimmt nur bei kurzen Besuchen am gemeinsamen Familienleben teil.


Offizieller Filmtrailer OmU


 

Schwester ist mit Neonazi verheiratet

 

Ihre geistig zurückgebliebene Schwester ist mit einem pädophilen, ultrarechten Nationalisten verheiratet. Gemeinsam teilen sich die beiden Ehepaare ein Haus in Athen und einen knirschenden Alltag voller Reibungen. Im Übrigen besteht Marias Leben aus Sehnsucht, rauen Worten, unbefriedigten Wünschen und finanziellen Sorgen.

 

Jahrelang haben ihre Eltern wie Millionen anderer Griechen keine Steuern gezahlt. Jetzt hängt Maria zwischen den Forderungen des Fiskus und der Rettung des Familienvermögens in den Mühlen der Bürokratie fest. Sie zählt zu jenen jungen Griechen, die die Rechnung für jahrzehntelange Misswirtschaft begleichen sollen.

 

Wahlloser Sex + Internet-Pornos

 

Mit krummen Touren: Das familieneigene Ferienhaus samt Grundstück auf dem Land soll einen Geldsegen bringen. Waldgrundstücke werden nach einem Brand zur Bebauung freigegeben; so verwandeln sich geschützte Brachen in wertvolle Bauland. Ein kleines Feuer könnte also helfen, die Schulden der Familie zu begleichen.

 

Derweil sind Enttäuschung und Frust der jungen Frau ins Gesicht geschrieben. Gespräche in ihrer Familie beschränken sich auf Geschrei und Flüche; Beziehungen auf wahllosen Sex. Yiannis vögelt sich durch die Welt; wenn er zuhause ist, klammert sich Maria wie eine Schiffbrüchige an ihn. Statt miteinander zu reden, fallen die beiden übereinander her. Wenn ihr Mann auf See ist, sieht sich Maria in Internet-Cafes Pornos an und lässt sich dabei von fremden Männern beobachten.

 

Ein Käfig voller Unsympathen

 

Die Sexszenen sind dermaßen vordergründig und explizit geraten, dass Regisseur Tzoumerkas offenbar andeuten will, seine Protagonistin raste aus, weil sie sexuell unbefriedigt sei. Was nur ein Beispiel für die dramaturgischen Schwächen des Filmes ist: Der Zuschauer wird mit unausgearbeiteten Fragmenten bombardiert; ihre Deutung und Bedeutung bleiben im Vagen.

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Sto Spiti – At Home“ – resignatives Sozialdrama aus Griechenland von Athanasios Karanikolas

 

und hier einen Beitrag über den Film „Wild Tales – Jeder dreht mal durch!“ – schwarzhumoriger Episodenfilm aus Argentinien von Damián Szifrón

 

und hier einen Bericht über den griechischen Film Attenberg – hermetisch verrätseltes Sittenbild von Athina Rachel Tsangari.

 

Der Film liefert keine räumliche oder zeitliche Orientierung. Rückblenden und Orte bleiben ein unsortiertes Puzzle, das einem vor die Füße gekippt wird. Mag man das noch als eigenwilliges Stilmittel gelten lassen, ist die Figurenzeichnung kaum zu entschuldigen. Sämtliche Personen sind derart unsympathisch, dass sich weder Verständnis noch Empathie einstellen.

 

Wie Wutanfall eines Kindes

 

Bereits in den Rückblenden ist die junge Maria unverschämt und hysterisch; später geht das jungverheiratete Paar oberflächlich und grob miteinander um. Die ganze Familie zeigt sich unfähig, ohne Beschimpfungen zu kommunizieren die Fallhöhe des Verlustes mitmenschlicher Umgangsformen bleibt damit aus.

 

So dokumentiert der Film nur den status quo einer Gesellschaft in der Krise, doch Jähzorn allein trägt keine Geschichte. Dieser trotzige Aufschrei ist so sinnvoll und lösungsorientiert wie der Wutanfall eines Kindes, das sich auf den Boden schmeißt und mit den Fäusten trommelt.

 

Einfach Trotzphase abwarten

 

Vielleicht können nur Griechen den Film rein assoziativ und aus dem Bauch heraus verstehen. Für alle anderen bleibt er eine trotzige Zumutung, die den Zuschauer ratlos zurücklässt. Da kann man nur abwarten, bis die Trotzphase vorbei ist.


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