Robert Bramkamp

Art Girls

Nikita Neufeld (Inga Busch). Foto: realeyz Arthouse Cinema

(Kinostart: 9.4.) L’art pour l’art: Regisseur Robert Bramkamp will den heiß und leer laufenden Berliner Kunstbetrieb parodieren, doch trotz vieler hübscher Ideen misslingt das: Die Realität ist einfach noch viel bizarrer und absurder als die Fiktion.

Ein Film über die Berliner Kunstszene hat gerade noch gefehlt. Berlin ist immerhin die Stadt der Künstler, der Galeristen, der Kuratoren. Die bildende Kunst gehört seit 20 Jahren wieder zum kulturellen Kapital der Hauptstadt – und alle, die damit zu tun haben, sind wunderlich auf- bis abgedreht. Vom Kino wurden sie aber bisher nur als bunte Kulisse wahrgenommen, nicht als verwertbarer Stoff für Drehbücher. Insofern ist ein Film wie „Art Girls“ wirklich an der Zeit.

 

Info

 

Art Girls

 

Regie: Robert Bramkamp,

120 Min., Deutschland 2013;

mit: Inga Busch, Peter Lohmeyer, Megan Gay, Jana Schulz

 

Website zum Film

 

Regisseur Robert Bramkamp hat ihn gleichzeitig als Kunstfilm und Film über die Kunst angelegt. Auch insofern ist „Art Girls“ sehr aktuell in einer Zeit, wo die Kunst der Generation „Post-Internet“ überall gefeiert wird; aktuell etwa in der Triennale „Surround Audience“ des New Museum in New York oder in der Ausstellung „Inhuman“ im Fridericianum in Kassel. Auch der Film „Art Girls“ bedient sich Elementen der Post-Internet-Art, obwohl der 1961 geborene Bramkamp eigentlich viel zu alt für die digital natives ist.

 

Alles kreuzt sich mit allem

 

Wie junge Künstler, die mit dem Internet aufgewachsen sind und es daher ganz natürlich vereinnahmen, verwebt der Regisseur nun die verschiedensten Inspirationen aus der Welt der Kunst zu einem inhomogenen Ganzen. Filmische Elemente treffen auf echte bildende Kunst, digitale Verfremdungseffekte konkurrieren mit performativen Aktionen, Dadaistisches balgt sich mit Realistischem, darstellendes Spiel übt sich unter kunsttheoretischem Überbau. Und natürlich gibt es jede Menge Branchen-trash zu besichtigen: „Art Girls“ ist auch eine Farce über den Kunstbetrieb – die allerdings nicht so recht aufgeht.


Offizieller Filmtrailer


 

Bei Protagonistin geht alles schief

 

Zunächst lernen wir die Protagonistin Nikita Neufeld (Inga Busch) kennen; mit ihrer Namensgenossin aus Luc Bessons action-Klassiker von 1990 hat sie aber nichts gemein. Die 40-Jährige ist keine knallharte Kämpferin, sondern drauf und dran, an den Umständen zu verzweifeln. Sie ist Künstlerin, dauerpleite und ständig ohne Strom in einer Wohnung, die gleichzeitig ihr Atelier ist. Ihr Freund hat sie verlassen; sie ist auf der Suche nach Bestätigung, nicht nur in der Kunst, auch im Leben.

 

Ihre Kunst teilt vielleicht doch eine Gemeinsamkeit mit der Auftragskillerin Nikita. Sie will, dass ihre Arbeit einen unmittelbaren Effekt auf die Gesellschaft hat: „Kunst machen, die wirkt“. Ihre erfolgreichere Freundin Una Queens (Megan Gay) ist gleich alt, pflegt ihren englischen Akzent, sieht aber irgendwie tougher aus als Nikita. Una kann sich besser verkaufen und lässt sich von ihrem schnöseligen Galeristen auf der Nase rumtanzen, aber immerhin hat sie einen. Doch auch Una ist auf der Suche, weil man als Künstlerin eben auf der Suche ist.

 

Superstrahlung für den Übermenschen

 

Kurz zurück zur Post-Internet-Art: Hier ist alles gleichberechtigt, was so durchs weltweite Netz schwirrt; Hauptsache, es erregt Aufmerksamkeit. Noch nie war der Zugriff auf Informationen so einfach wie heute. Die Post-Internet-Künstler greifen in der Regel beherzt zu und wählen aus dem riesigen, hierarchielosen Angebot aus, was immer sie interessiert. Besonders beliebt: Naturwissenschaften und science fiction; so auch in „Art Girls“.

 

Dann es gibt da noch die Hamburger Zwillingsbrüder Laurens und Peter Maturana (Peter Lohmeyer in einer Doppelrolle). Die Wissenschaftler forschen an etwas, dass sie Biosynchronisation nennen: einer Art Superstrahlung, um den Übermenschen zu formen. Das geht natürlich schief; mehrfach schief. Laurens ist nach einem Unfall gelähmt; Heilung verspricht die Kunst. Als er merkt, wie seine Kräfte zurückkehren, nachdem er die Droge bildende Kunst eingenommen hat, spielt er sich zum Kurator auf, angefeuert von seinem Bruder und einem mächtigen Konzern namens Morphocraft.

 

Blaue Sonne über Fernsehturm-Ruine

 

Laurens plant mit Nikita, Una und einer dritten, viel angesagteren Künstlerin namens Fiona da Vinci (Jana Schulz) eine Ausstellung. Der irre Forscher will eigentlich nur seine Experimente fortsetzen, aber auch Nikita beweisen, dass Kunst tatsächlich wirkt; schließlich hat er es am eigenen Leib erlebt. Und wie sie wirkt: Die Kunst, die sein Schützling Nikita produziert, ist völlig unbeherrschbar, färbt die Sonne blau und erweckt einen Golem zum Leben, der den Berliner Fernsehturm einreißt – eine hübsche Idee!

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Arteholic“ von Hermann Vaske über den kunstsüchtigen Schauspieler Udo Kier

 

und hier einen Beitrag “The Zero Theorem – Das Leben passiert jedem”SciFi-Groteske von Terry Gilliam

 

und hier einen Bericht über den Film “Trance – Gefährliche Erinnerung”  – Psycho-Thriller über einen Kunstraub von Danny Boyle.

 

Doch die vielen hübschen Ideen des Films – grenzdebile Sammler auf Einkaufstour, animierte Strichzeichnungen beim Stadtbummel, post-ironischer Kunstsprech – formieren sich nicht zu einer Einheit. Der Film wirkt wie eine der vielen schlecht kuratierten Ausstellungen, in der die Exponate ein Konzept illustrieren sollen, sich aber weder einspannen lassen wollen noch können.

 

Film als Weirich-Werkschau

 

Bramkamp will zu viel. „Art Girls“ soll gleichzeitig Kunstfarce sein, Katastrophenthriller und Wissenschaftskritik, aber nebenbei auch der Kunst von Susanne Weirich eine Bühne bieten. Die Art-Directorin und Produzentin hat den Film als eigene Werkschau ausgestattet; im wirklichen Leben agiert sie nämlich als bildende Künstlerin. Sogar pseudodokumentarische Elemente hat Bramkamp eingebaut, wenn plötzlich etwa der Hamburger Groß-Sammler Harald Falckenberg unvermittelt über die zeitgenössische Kunst doziert.

 

Als Parodie auf den Kunstbetrieb funktioniert der Film trotz des guten cast leider am wenigsten: Offenbar sind die Protagonisten hinter Kamera wohl zu nah an ihm dran. Das ist schade, aber vielleicht unvermeidbar: Einen Mikrokosmos, der schon längst Karikatur seiner selbst ist, kann man wahrscheinlich schlecht parodieren. Die Realität ist einfach noch viel bizarrer und absurder als die Fiktion.


Diesen Artikel drucken