Sobo Swobodnik

Sexarbeiterin

Lena Morgenroth bei der Arbeit. Foto: partisan-filmverleih

(Kinostart: 3.3.) Bezahlter Sex mit Selbstbewusstsein: Seit ihrem Informatik-Studium verdient Lena Morgenroth ihr Geld mit Erotik-Massagen. Regisseur Swobodnik porträtiert eine Aktivistin des horizontalen Gewerbes, die gängigen Klischees widerspricht.

„Analmassagen? Ja, die mache ich auch sehr gerne …“ – So offen und selbstbewusst gibt sich die Sexarbeiterin Lena Morgenroth im Telefongespräch mit ihren Kunden, die bei ihr eine Tantra-Massage oder SM-Praktiken buchen: „Geschlechtsverkehr biete ich zur Zeit jedoch nicht an.“

 

Info

 

Sexarbeiterin

 

Regie: Sobo Swobodnik,

96 Min., Deutschland 2016;

mit: Lena Morgenroth, Thekla Morgenroth, Kerstin Runte

 

Website zum Film

 

Die Protagonistin in Sobo Swobodniks Dokumentarfilm ist das genaue Gegenteil des Elends-Klischees von Prostituierten, das häufig von den Medien vermittelt wird. Sie ist nicht drogenabhängig und auch keine illegale Einwanderin aus Osteuropa, die von fiesen Schleppern zum Anschaffen im Billig-Bordell gezwungen wird.

 

Gegenpol zu grantigem Wiener

 

Lena Morgenroth ist auch ein Gegenpol zum österreichischen Faktotum Hermes Phettberg, den Regisseur Swobodnik 2011 in seiner Doku „Der Papst ist kein Jeansboy“ porträtiert hatte. Bis auf ihr großes Interesse an sadomasochistischen Praktiken hat die kluge, fröhliche und aktive Berlinerin nichts gemein mit dem grantigen Wiener, der nur ungern seine Wohnung verlässt.

Offizieller Filmtrailer


 

Mit sich + der Welt im Reinen

 

Morgenroth hat Informatik studiert, bevor sie sich für Erotik-Massagen entschied. Sie lebt in einer intakten Beziehung, ist mit sich und der Welt im Reinen und gibt gerne und eloquent über sich und ihre ungewöhnliche Arbeit Auskunft. Hat sie durch ihr coming out als Sexarbeiterin Freunde verloren? „Ach, da waren ja schon andere Dinge vorher – meine offene Beziehung und mein Interesse für BDSM – als ich dann die Sexarbeit zu meinem Beruf gemacht habe, war wahrscheinlich niemand mehr da, den das hätte schockieren können.“

 

Diese Offenheit wird auch dem Zuschauer abverlangt. Der in eleganten Schwarzweiß-Bildern gehaltene Film beginnt mit dem lautstarken Orgasmus einer Dame, die bei Lena „eine Massage und mehr“ bestellt hatte. Auch die Befriedigung mehrerer Herren inklusive der oben erwähnten Analmassage wird gezeigt, ohne abzublenden.

 

Wünsche ihrer Kunden im laptop gespeichert

 

Regisseur Swobodnik konzentriert sich auf die Darstellung von Lenas Alltag zwischen Wohnung und Massage-Studio. Mal sieht man Lena beim Lesen eines dicken Schmökers oder beim Kochen. Dann wieder massiert sie einen erigierten Penis oder gießt Wachs auf nackte Haut. Dass die Akademikerin gut organisiert ist, wird deutlich, wenn sie detaillierte Notizen zu den jeweiligen Wünschen und Besonderheiten ihrer Kunden vorliest, die sie in ihrem laptop gespeichert hat.

 

Hintergrund

 

Website „Sensexual“ von Sexarbeiterin Lena Morgenroth.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Remedy“ – SM-Dokudrama über New Yorker Domina-Studio von Cheyenne Picardo

 

und hier einen Bericht über den Film „Jung & schön“ – Porträt einer Lolita als Luxus-Prostituierten von François Ozon

 

und hier eine Rezension des Films „Concussion – Leichte Erschütterung“ über das Coming-Out einer lesbischen Hobbyhure von Stacie Passon

 

und hier einen Beitrag über den Film “Das bessere Leben – Elles” über Studentinnen-Prostitution von Malgoska Szumowska mit Juliette Binoche.

 

Auf Seminaren für Sexarbeiterinnen gehört Lena zu den Personen auf dem Podium, die zu ihren Kolleginnen sprechen. Es gibt viel zu tun: Der Kampf gegen Vorurteile und Diskriminierung ihres Berufsstandes, gegen bornierte Feministinnen wie Alice Schwarzer und gegen eine geplante Verschärfung des Prostitutionsgesetzes von 2002.

 

Aktiv im BesD-Berufsverband

 

Obwohl solche nüchternen Fakten in Swobodniks Porträt keinen Platz haben: Lena Morgenroth ist Mitglied im „Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V.“ (BesD). Sie selbst legt Wert auf den Begriff der Sexarbeiterin: Er passe viel besser zu ihrem äußerst vielfältigen Berufsbild als der Begriff der Prostituierten, der automatisch bestimmte Assoziation erwecke.

 

Dabei ist sich Lena bewusst, dass sie als Selbstständige mit ihrem Tantramassagen-Studio eine privilegierte Position inne hat. Zugleich betont sie, dass auch ein Großteil der ihr bekannten Kolleginnen – selbst jene, welche „ganz klassisch in einem Bordell“ arbeiten – den Ablauf ihrer Dienstleistungen sehr aktiv bestimmten. Das Bild der passiven Frau, die sich zu allem bereit vor dem Mann ins Bett lege, sei weitgehend obsolet, sagt sie.

 

Sie brauchen das Geld

 

Wobei sie sich darüber im Klaren ist, dass nicht alle Sexarbeiterinnen völlig frei in ihren Entscheidungen sind: „Viele machen es, weil sie das Geld brauchen. Aber das gilt ebenfalls für die Kassiererin im Supermarkt. Die macht das ja auch nicht, weil es ihr Spaß macht.“

 

So vermittelt der Film kein umfassendes oder ausgewogenes Bild der Arbeitsbedingungen heutiger Prostituierter. Aber als Ergänzung und Korrektur zu anderen Aspekten, die ohnehin dauernd in den Medien breitgetreten werden, ist diese interessante Dokumentation ein großer Gewinn.


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