Volker Schaner

Lee Scratch Perry’s Vision of Paradise

Lee Scratch Perry. Foto: © 2015 by Fufoo Film GmbH

(Kinostart: 24.3.) Ein Schamane als Klang-Genie: Der Jamaikaner Lee „Scratch“ Perry hat ein halbes Jahrhundert lang die Popmusik beeinflusst wie kaum ein anderer. Regisseur Volker Schaner entschlüsselt den Code eines lebenden Gesamtkunstwerks.

Lee Perry ist einer der Schlüsselmusiker des späten 20. Jahrhunderts, wie sein Produzenten-Kollege Adrian Sherwood zurecht betont: Ohne sein Wirken würden ska, reggae, dub und viele andere dancefloor-Stile wie disco, techno und hip hop völlig anders klingen – wenn es sie überhaupt gäbe. Perry perfektionierte den Studio-remix mit externen Klangquellen: Was seinen Einfluss betrifft, spielt er in einer Liga mit den Beatles, Bob Marley oder der free jazz-Ikone Sun Ra.

 

Info

 

Lee Scratch Perry’s Vision of Paradise

 

Regie: Volker Schaner,

100 Min., Deutschland 2015;

mit: Lee Scratch Perry, Adrian Sherwood, Neil “Mad Professor” Fraser

 

Website zum Film

 

Mit letzterem verbindet ihn die Aura des erleuchteten Einzelgängers und (selbst erklärten) schamanischen Mediums. Wie Sun Ra ist Perry Schöpfer eines eigenen musikalischen Universums, in dem allein seine Regeln herrschen; es geht über das rein Klangliche weit hinaus. Im gleichen Maße, in dem man ihn bewundert, wird er – oft von denselben Leuten – als Kuriosum belächelt, für verrückt erklärt und wohl auch manchmal bedauert.

 

100 Platten in halbem Jahrhundert

 

Doch hinter clowneskem Auftreten, seinem häufig durchblitzenden kindlichen Gemüt und dem ausufernden Gesamtwerk von mehr als 100 Platten-Aufnahmen in einem halben Jahrhundert steckt mehr als kreatives Chaos und bipolarer Schalk. Das will Filmemacher Volker Schaner mit der ersten abendfüllenden Dokumentation über Lee „Scratch“ Perry zeigen.

Offizieller Filmtrailer OV


 

Unterhaltung als Dschungel

 

Keine einfache Aufgabe: In seinem Schweizer Domizil, wo Lee Perry mit Frau und Kindern heute lebt, haben ihn schon viele Fans und Musikkritiker interviewt – ohne seinem Erzähl- und Gedankenfluss recht folgen zu können. Eine Unterhaltung mit Perry ist ein Dschungel aus Wortspielen, Metaphern, Liedzeilen, Andeutungen und schlichter Informationsverweigerung. Es braucht Zeit, um sich in Perrys Welt zurechtzufinden.

 

Diese Zeit hat sich Regisseur Schaner genommen. 15 Jahre lang traf er Perry immer wieder, begleitete ihn zu Auftritten, flog mit ihm nach Jamaika und reiste nach Äthiopien, um fehlende Puzzleteile einzusammeln; sie sollen sich zur filmischen Landkarte des Phänomens Perry anordnen.

 

Bob Marleys Weltkarriere geebnet

 

Seine Biographie wird schnell und etwas verkürzt abgehandelt. 1969 hat sich der damals 33-jährige Perry als einfallsreicher Musik-Produzent in Jamaikas Hauptstadt Kingston schon einen Namen gemacht. Er beginnt mit den „Wailers“ zusammenzuarbeiten, einem Gesangstrio um den jungen Bob Marley. Perrys spirituelle Unterweisung ebnete Marley den Weg zur Weltkarriere.

 

Allerdings trimmte Marley später seinen reggae auf westliche Hörgewohnheiten – für Perry ein Sakrileg. Als Ende der 1970er Jahre in Jamaika bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten, verlor Perry die Nerven. Sein „Black Ark“-Studio brannte 1979 ab; ob er es selbst anzündete, ist bis heute unklar.

 

Kreative Magie heraufbeschwören

 

Perry emigrierte nach London, wo er sich neu erfand: Aus dem Platten-Produzenten, dessen unkonventionelle Techniken die Popmusik revolutioniert haben, wurde ein Wortkünstler, der fortan auf britischen Aufnahmen von Kollegen wie Adrian Sherwood, Dennis Bovell und Mad Professor sang bzw. reimte.

 

All diese Weggefährten kommen im Film zu Wort. Sie versuchen zu definieren, wie Perry jene kreative Magie heraufbeschwört, von der alle mit leuchtenden Augen erzählen. Zwei Mal ist die Kamera live dabei: bei einer Malerei-session und im Studio des Elektronik-Duos „The Orb“. Dessen blitzblank-funktionale Ausrüstung steht im krassen Gegensatz zu Perrys Vorliebe für allerlei Kerzen, Totems und Krimskrams.

 

Mit riesigem Fundus improvisieren

 

Dort fühlt sich Perry trotzdem pudelwohl. Mit gelber Afro-Perücke und verschmitztem Grinsen sprudelt er vor Lyrik: Über Reime und Wortspiele entwickelt er eine Idee, die durch Wiederholung und Klangähnlichkeit weiter vorangetrieben und schließlich mit anderen Diskursen verknüpft wird.

 

Außer jenem magischen Moment, in dem der kleine alte Mann aus einer einzelnen Idee ein kleines Universum formt, zeigen diese Szenen auch: Zwischen Sagen und Singen besteht bei Perry kaum ein Unterschied. Er improvisiert auf der Basis eines riesigen Fundus aus Zeichen, Bezügen und spontanen Eingebungen; in diesem System kann er blitzschnell navigieren.

 

Animationen illustrieren Paradies

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films “Journey to Jah” – Doku über weiße Reggae-Stars auf Jamaika von Noël Dernesch + Moritz Springer

 

und hier einen Bericht über des Films „Marley“ – fesselnde Doku über die Reggae-Ikone Bob Marley von Kevin Macdonald

 

und hier einen Bericht über die Dokumentation  The First Rasta von Hélène Lee über Leonard Percival Howell, Begründer der Rastafari-Religion.

 

Um es zu vermitteln, benutzt Schaner Animationsfilm-Sequenzen, die mit allerlei mythischen und allegorischen Gestalten Perrys „Visionen“ vom Paradies illustrieren. Viele Elemente entstammen der Rastafari-Lesart der Bibel, afrikanischen Traditionen und frühchristlichen Überlieferungen aus äthiopischen Quellen.

 

Der Film respektiert Perry als denjenigen, der er im vorkolonialen Afrika gewesen wäre: ein Schamane – und wird selbst ein bisschen verrückt. Die Animation steigert sich zu katholisch durchtränktem Theologie-Kitsch, dazu erklingt Musik von Richard Wagner. Gottlob hat diese stilistische Entgleisung nicht das letzte Wort.

 

In zwei Welten gleichzeitig leben

 

Am Ende erscheinen Perrys Wortkaskaden, ulkige outfits und komische Scherze gar nicht mehr so absurd: Dahinter steht ein anarchischer Antikapitalismus, antikolonialistisch, aber nicht antisemitisch, mit Wissen um Illuminaten und IWF – im Grunde so spirituell und humanistisch wie der Gedankenkosmos jedes hippie.

 

Dieses Verständnis zu vermitteln, ist die respektable Leistung des Films. Regisseur Schaner bietet keine konventionelle Musikerbiografie, sondern bemüht sich, mit viel Neugier den code eines sehr ergiebigen Gesamtkunstwerks zu entschlüsseln; Perry scheint tatsächlich in zwei Welten gleichzeitig zu leben. Was ihn nicht vor Schicksalsschlägen bewahrt: Mittlerweile ist auch sein Schweizer Studio abgebrannt, und er bittet seine Fans, Instrumente zu spenden.


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