Nicolas Winding Refn

The Neon Demon

Jesse (Elle Fanning) bei einem Foto-Shooting. Foto: Koch Media

(Kinostart: 23.6.) Tiefe an der Oberfläche suchen: Nicolas Winding Refn, Radikal-Ästhet unter den Regisseuren, verfolgt den Aufstieg eines Fotomodells im Haifischbecken von L.A. – bis zum blutigen Finale. Eine antike Tragödie in todschickem Gewand.

Back in L.A.: Mit „The Neon Demon“ kehrt der dänische Filmemacher Nicolas Winding Refn nach seinem in Bangkok spielenden Rache-Thriller „Only God Forgives“ (2013) nach Los Angeles zurück. Durch die Straßen der kalifornischen Metropole kurvte schon sein neo-noir-Thriller „Drive“, für den Winding Refn 2011 seine erste Einladung nach Cannes erhielt.

 

Info

 

The Neon Demon

 

Regie: Nicolas Winding Refn,

110 Min., USA/ Frankreich/ Dänemark 2016;

mit: Elle Fanning, Abbey Lee, Keanu Reeves

 

Website zum Film

 

Dabei könnte das glitzernde model-Milieu von „The Neon Demon“ auch in jeder anderen fashion-Metropole angesiedelt sein. Doch der Regisseur knüpft nicht an bereits erprobte Erfolgsrezepte an, sondern radikalisiert seine düstere Hochglanz-Ästhetik irgendwo zwischen David Lynch, dem Altmeister des stilisierten Abgründigen, und dem glamour der Werbe-Fotografie.

 

Ausgebuht + standing ovations

 

Womit er beim diesjährigen Cannes-Festival das Publikum spaltete: Manche buhten seinen neuen Film als inhaltslosen Bilderrausch aus, andere applaudierten ihm stehend. Für seine fans überträgt der dänische Regisseur die oberflächliche Effekthascherei dieser Sphäre kongenial auf die Leinwand.

Offizieller Filmtrailer


 

shooting star der model-Szene

 

Der Film beginnt wie ein modernes Märchen: mit der Ankunft der 16-jährigen Jesse (Elle Fanning) in Los Angeles. Dort will die bildhübsche Vollwaise aus der tiefsten US-Provinz als Fotomodell arbeiten. Eine Agenturchefin ist von ihrer Ausstrahlung so beeindruckt, dass sie Jesse sofort einen Vertrag anbietet und ihr eine glänzende Karriere prophezeit. Zum Auftakt wird ein shooting mit dem Star-Fotografen Jack (Desmond Harrington) organisiert.

 

Dabei freundet sich Jesse mit der Visagistin Ruby (Jena Malone) an, die sehr sympathisch erscheint und sie auf eine Party einlädt. Hier lernt sie ihre model-Konkurrentinnen Gigi und Sarah kennen, die neidvoll auf Jesses natürliche Schönheit reagieren. Als sie sich in ihr schäbiges motel-Zimmer in Pasadena zurückzieht, wird sie vom zwielichtigen manager Hank (Keanu Reeves) bedrängt. Der junge Dean versucht, Jesse zu beschützen, doch von ihm will sie nichts wissen.

 

patchwork aus Referenzen

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Only God forgives“ – bildgewaltiger Rache-Thriller mit Ryan Gosling von Nicolas Winding Refn

 

und hier eine Besprechung des Films “Yves Saint Laurent” – Biopic über den Modeschöpfer von Jalil Lespert

 

und hier einen Bericht über den Film „Seht mich verschwinden – FEMMEfille“ – Posthum-Porträt des magersüchtigen Models Isabelle Caro von Kiki Allgeier

 

und hier einen Beitrag über den Film “Maps to the Stars” – sarkastische Satire über die Filmbranche in L.A. von David Cronenberg mit Mia Wasikowska + Julianne Moore.

 

Dabei kann von einer linearen Handlung bei diesem Film nicht die Rede sein. Er reiht in der ersten Stunde sich ähnelnde Episoden aneinander: Vorbereitung und Abschminken, photo sessions, parties und gossip – der monotone Reigen des show business. Interessant an „The Neon Demon“  ist nicht, was gezeigt wird, sondern wie: angefangen mit der Titelsequenz, die vor einem farblich unaufhörlich changierenden Hintergrund in Textil-Optik von großer Schönheit abläuft.

 

Das erinnert an den wogenden Purpur-Vorhang, mit dem der meisterhafte psycho thriller „Blue Velvet“ (1986) von David Lynchs einsetzt. Ähnliche Anspielungen auf weitere Vorbilder des Genres durchziehen den gesamten Film. Offenbar versteht ihn Regisseur Winding Refn eher als patchwork aus Referenzen denn als konventionelle Kinoerzählung; das zeigt sich auch in den extrem artifiziellen bis cartoon-haften Dialogen.

 

Tragödie als Pop-Spektakel

 

Gegen Ende wird der plakative Symbolismus auf der Bildebene zusehends comicartig übersteigert, bis hin zu abstrusen Andeutungen von Nekrophilie und Kannibalismus. Fasst man sie nicht als reine Provokation auf, beeindrucken jedoch gerade solche unappetitlichen Bilder: als konsequente Visualisierung einer kalten Welt lebloser Oberflächen. Womit es dem Regisseur gelingt, archaische Konflikte der antiken Tragödie ins Gewand eines postmodernen Pop-Kino-Spektakels zu kleiden.


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