Jean-Pierre + Luc Dardenne

Das unbekannte Mädchen

Ärztin Jenny (Adèle Haenel) untersucht einen jungen Patienten. Foto: © temperclayfilm

(Kinostart: 15.12.) Spurensuche am Stadtrand: Eine Ärztin hat eine Schutz Suchende ignoriert, die daraufhin getötet wurde – nun ermittelt die Medizinerin. Gewohnt schnörkelloser Sozialrealismus der belgischen Regie-Brüder mit eindringlicher Alltagsbeobachtung.

Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne pflegen als Regisseure ihre eigene entschleunigte Ästhetik. In langen Einstellungen mit präziser Beobachtung von Alltäglichem verdichten sie ihre Geschichten zu realistischen Diagnosen aktueller Zustände. Ohne jeden Schnickschnack, ablenkende Musik oder überzogene Spannungsbögen wirkt ihr neues Werk so authentisch, dass man schier vergisst, eine Fiktion zu sehen. Kein Wunder: Die Dardennes begannen als Dokumentarfilmer. Schon damals interessierten sie sich vor allem für Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben.

 

Info

 

Das unbekannte Mädchen

 

Regie: Jean-Pierre + Luc Dardenne,

113 Min., Belgien/ Frankreich 2016;

mit: Adèle Haenel, Fabrizio Rongione, Thomas Doret

 

Website zum Film

 

Klar und stringent erzählen sie in ihrem elften Spielfilm „Das unbekannte Mädchen“ die Geschichte einer jungen Ärztin, die nach einer Unbekannten sucht. Dabei steht zum dritten Mal in Folge ein starker Frauen-Charakter im Mittelpunkt: nach „Der Junge mit dem Fahrrad“ (2012) mit Cécile de France und „Zwei Tage, Eine Nacht“ (2014) mit Marion Cotillard übernimmt nun Adèle Haenel diese Rolle. Die 27-Jährige erlebte 2013 mit „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“ ihren Durchbruch; dafür wurde sie mit einem César prämiert.

 

Praxis mit Autobahn-Blick

 

Jenny Darvin (Haenel) ist Hausärztin. Gelassen und konzentriert untersucht sie ihre Patienten, während sie ihrem Praktikanten Julien (Olivier Bonnaud) auf die Finger schaut. Trotz ihrer Jugend strahlt Jenny Autorität und Kompetenz aus; sie nimmt sich Zeit und reagiert bei Zwischenfällen professionell. In ihre Praxis kommen ganz unterschiedliche Menschen: einfache Arbeiter, allein erziehende Frauen, afrikanische Familien und einsame Senioren, die in der Gegend wohnen. Sie ist wenig pittoresk: Vor den Fenstern strömt der Autobahnverkehr vorbei.

Offizieller Filmtrailer


 

Außerhalb der Sprechstundenzeit

 

Im industriell zersiedelten Seraing haben die Dardenne-Brüder alle ihre Filme seit 1996 gedreht: Sie sind in dieser Kleinstadt in der Nähe von Lüttich aufgewachsen. Wie schon in „Zwei Tage, Eine Nacht“ folgt die Kamera der Protagonistin auf Schritt und Tritt. Sie begleitet Dr. Darvin zu ihren Patienten, und man spürt schnell: Diese empathische Frau kann zuhören und versteht sie.

 

Doch Jenny hat einen lukrativen job im Ärztezentrum angenommen; heute ist einer ihrer letzten Arbeitstage als Hausärztin. Deshalb öffnet die Ärztin nicht, als jemand eine Stunde nach Ende der Sprechstunde an der Praxistür klingelt. Am nächsten Tag wird klar: Es war ein Notfall. Eine junge Schwarze wollte in der Praxis Schutz vor Verfolgern finden; sie wurde später mit tödlichen Kopfverletzungen am Rand der Autobahn gefunden.

 

Jung-Ärztin wird zur Ermittlerin

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Zwei Tage, Eine Nacht“ – Sozialdrama über drohenden Jobverlust mit Marion Cotillard von Jean-Pierre + Luc Dardenne

 

und hier das Interview „Wir sind realistisch optimistisch“ mit Jean-Pierre + Luc Dardenne über ihren Film „Zwei Tage, Eine Nacht“

 

und hier eine Besprechung des Films „Der Junge mit dem Fahrrad“ über einen elternlosen Elfjährigen mit Cécile de France von Jean-Pierre + Luc Dardenne 

 

und hier einen Beitrag über den Film „Die unerschütterliche Liebe der Suzanne“ – ergreifendes Amour-Fou-Melodram von Katell Quillévéré mit Adèle Haenel.

 

Die Medizinerin bricht in Tränen aus, als sie Aufnahmen einer Überwachungskamera sieht: Hätte sie ihr die Tür geöffnet, wäre die junge Frau noch am Leben. Jenny spricht mit den zuständigen Kommissaren, doch diese können die Identität des Opfers nicht herausfinden. Ihr Fall hat keine Priorität: Es scheint sich um eine weitere − illegale? − Immigrantin zu handeln, die niemand vermisst. Doch Jenny lässt nicht locker. Sie will dem unbekannten Mädchen zu einem Namen und würdevollen Grab verhelfen – auch, um sich von ihren Schuldgefühlen zu befreien.

 

Mit gewohnt ruhiger Präzision wird die Ärztin Schritt für Schritt zur Ermittlerin. Bei ihren Hausbesuchen im Viertel zeigt sie allen immer wieder ein Foto der jungen Frau und stellt Fragen. Dass die eher unspektakuläre Geschichte nicht langweilt, liegt maßgeblich an Adèle Haenel; sie trägt den Film mit beeindruckender Nüchternheit und Präsenz. Allerdings findet sie nicht viel über die unbekannte Tote heraus. Doch Jenny beobachtet genau und trägt geduldig die wenigen Informationen über sie zusammen, die sich auftreiben lassen.

 

Fesselnder als jeder „Tatort“

 

Das wird von Alltagsgeräuschen untermalt: Ein- und Ausatmen gebrechlicher Patienten, nerviges Klingeln von Handys, das laute Brummen des Türöffners in der Praxis und Rauschen der Autobahn. Dieser Klangteppich ist Teil einer streng formalisierten Ästhetik; solche Einblicke in einen authentisch verdichteten Mikrokosmos machen die Filme der Brüder Dardenne einzigartig. Trotz fehlender Krimi-Dramatik fesselt „Das unbekannte Mädchen“ mehr als jeder „Tatort“: Weil der Film einfach reale Menschen in den Mittelpunkt stellt.


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