Marcela Said

Los Perros

Marianna (Antonia Zegers) hat sich in den Reitlehrer Juan (Alfredo Castro) verliebt. Foto: Cine Global Filmverleih
(Kinostart: 6.6.) Pakt des Schweigens in Chile: Eine Frau der Oberschicht bändelt mit ihrem Reitlehrer an – von seiner dunklen Vergangenheit will ihr Umfeld nichts wissen. Die vielschichtige Sozialstudie von Regisseurin Marcela Said kommt nicht richtig in Fahrt.

Ein Goldener Käfig am Stadtrand von Santiago de Chile: Mariana (Antonia Zegers) führt ein luxuriöses, wenn auch freudloses Leben. Ihr teils zugewandter, teils übergriffiger Vater finanziert ihren Lebenswandel, bevormundet sie aber gleichzeitig. Sie führt eine Kunstgalerie – die allerdings nie Publikumsverkehr zu haben scheint. Nebenbei unterzieht sich Mariana einer qualvollen Hormontherapie. Mit Anfang 40 will sie noch ein Kind – obwohl ihr Mann Pedro offenkundig wenig für sie übrig hat. Vielleicht muss einfach nur ein Stammhalter her.

 

Info

 

Los Perros

 

Regie: Marcela Said,

94 Min., Chile/ Frankreich 2017;

mit: Antonia Zegers, Alfredo Castro, Rafael Spregelburd 

 

Weitere Informationen

 

In ihrem Zuhause scheint sich jedenfalls nur die Promenadenmischung Neptuno an Marianas Existenz zu erfreuen. Das Highlight ihrer ansonsten gleichförmigen Tage sind Ausflüge auf einen Pferdehof und die Reitstunden, die sie bei dem charmanten 70-jährigen Juan (Alfredo Castro) nimmt. Beide kommen sich allmählich näher. Als sie erfährt, dass gegen den ehemaligen Oberleutnant wegen Menschenrechts-Verletzungen während der Pinochet-Diktatur von 1973 bis 1990 ermittelt wird, schreckt sie das nicht ab – im Gegenteil.

 

Recherche mit Verführung

 

Der drohende Prozess gegen ihn stachelt Marianas Interesse eher noch an. Sie verführt sogar den ermittelnden Polizisten Javier, um auf diesem Weg mehr über ihren Reitlehrer zu erfahren. Es bleibt in der Schwebe, ob Mariana und Juan ein erotisch aufgeladenes Machtspiel spielen oder genuines Interesse füreinander entwickeln. Hin und wieder flackert echte Nähe zwischen beiden auf, hat es den Anschein.

Offizieller Filmtrailer OmU

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Teflonartige Unbekümmertheit

 

In dieser Sozialstudie, die im Gewand eines – wenn auch verhalten inszenierten – erotischen Thriller daherkommt, herrscht ein ruppiger Umgangston. "Los Perros" ist der zweite Spielfilm von Regisseurin Marcela Said, die kaum älter als ihre Hauptfigur ist. Die von ihr porträtierte, gute Gesellschaft durchzieht eine verstörende Gewaltbereitschaft; ausagiert wird sie meist als eher passive Aggression.

 

Dazu passend dazu legt Mariana eine irritierende, teflonartige Unbekümmertheit an den Tag. Wer und wie auch immer sie beleidigt oder erniedrigt: Ihr Gesichtsausdruck bleibt gleich, sie lächelt so herzlich wie distanziert-stoisch vor sich hin. Trotzdem brodelt es in ihr – diese emotionale Ambivalenz stellt Antonia Zegers eindrucksvoll dar. Selbst als der Nachbar droht, ihren Hund zu erschießen, wenn der noch einmal auf sein Grundstück komme, lächelt sie das mit einem Schulterzucken weg. Irgendwann ist der Hund tatsächlich tot – und erhält sofort einen Nachfolger.

 

Privilegien ohne Freiräume

 

Die titelgebenden Hunde rahmen die Geschichte ein. Zwischendurch enthüllt Mariana unter großem Geraune ein Gemälde, auf dem ein Mädchen von einer bedrohlichen oder auch nur enthusiastischen Hundemeute umzingelt ist. Wofür das stehen könnte, wird nicht klar; so verhält es sich leider mit vielen Anspielungen in diesem Film.

 

Bisweilen zerfasert die Geschichte, oder manche Anspielungen werden überdeutlich ausbuchstabiert. So wird auf fast penetrante Weise dauernd wiederholt, dass Marianas Vater und ihr Ehemann ihr wenig mehr zutrauen, als mit vollen Händen Geld auszugeben. Ebenso wird ständig vorgeführt, dass sie trotz privilegierter Existenz wenig eigene Freiräume hat.

 

Passive Komplizen als Problem

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films "Neruda" - grandioses Biopic über Chiles Nationaldichter als gejagter Kommunist von Pablo Larraín

 

und hier eine Besprechung des Films "Gloria" – hinreißendes Porträt einer 58-jährigen Chilenin von Sebastián Lelio, prämiert mit Silbernem Bären 2013

 

und hier einen Bericht über den Film "¡No!" - chilenisches Polit-Drama über das Anti-Pinochet-Referendum von Pablo Larraín mit Antonia Zegers.

 

Anderes bleibt vage und nebulös – zumindest für ein internationales Publikum, das wenig über das Verhältnis zwischen Ex-Militärs und der chilenischen Bourgeoisie weiß. Man ahnt: Die Regisseurin will zeigen, wie eng das Erbe der Diktatur mit der heutigen Gesellschaft verflochten ist. Doch wird sie leider nie richtig konkret; so haftet der Geschichte etwas Thesenhaftes an.

 

An einer Stelle wird deutlich, dass Marianas Gatte und ihr Vater ihren Umgang mit Juan bedenklich finden, weil der Vater ihn aus der Vergangenheit kennt – und daran nicht erinnert werden will. Dann fällt der Satz, Chiles Hauptproblem seien nicht die vielen tatsächlichen Verbrecher, sondern die zahlreichen passiven Komplizen, die sie gewähren ließen.

 

Famose Hauptdarstellerin

 

Letztlich gehört auch Mariana zu denen, die von dieser Komplizenschaft profitieren. Zwar scheint es sie offenbar zu reizen, die Strukturen in ihrem Umfeld in Frage zu stellen – wofür Juan als Katalysator taugen würde. Doch bald wird klar: Ihr Aufbegehren folgt keinem strategischen Ziel. Angesichts solcher Ambivalenzen ist sie eine interessante Figur, famos gespielt von einer ausdrucksstarken Hauptdarstellerin. Nur die Geschichte, die um sie herum erzählt werden soll, kommt einfach nicht in Fahrt.


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