
Die Halb-Italienerin Mary (Isabella Rossellini) und ihr Mann Adam (William Hurt) leben in London, haben drei erwachsene Kinder, sind beide um die 60 – und unmerklich älter geworden. Das wird Mary bewusst, als ein Kollege ihn bei einer Preisverleihung für sein Lebenswerk als Architekt mit den Worten lobt: «Ihr Mann gehört einer sterbenden Gattung an».
Info
Late Bloomers
Regie: Julie Gavras, 90 min., Frankreich 2010
mit: Isabella Rossellini, William Hurt, Doreen Mantle
Lederjacke anstelle von Woll-Pullover
Damit überfordert sie ihren Mann. Er will nicht wahrhaben, dass seine besten Jahre vorbei sein könnten: Ausgerechnet jetzt wird er beauftragt, ein Senioren-Heim zu entwerfen. Adam sucht die Nähe zu jungen Kollegen, die ihn bewundern; dabei tauscht er Hemd und Woll-Pullover gegen Kapuzen-Sweatshirt und Lederjacke.
Offizieller Film-Trailer
Rollen von Eltern + Kindern kehren sich um
Dann lässt er sich auf eine Affäre mit einer Mitarbeiterin ein, die jünger als seine Tochter ist – zudem zieht er aus. Auch Mary sucht Bestätigung durch einen jüngeren Liebhaber: Die Ehe der beiden steht auf der Kippe.
Was ihre Kinder Benjamin, Giulia und James auf den Plan ruft: Sie müssen akzeptieren, dass sich die Rollen von Eltern und Kindern langsam umkehren. Früher oder später werden Mary und Adam ihre Hilfe brauchen. Bis Marys Mutter Nora (Doreen Mantle) stirbt: Die Multikulti-Familie erkennt die Stärke ihres Zusammenhalts; ein neuer Anfang scheint möglich.
Blasse Figuren + konstruierte Konflikte
Regisseurin Julie Gavras – die Tochter des griechischen Regisseurs Constantin Costa-Gavras – tippt alle gängigen Klischees über das Altern kurz an, ohne Gefühle oder Selbstwahrnehmung von Senioren zu vermitteln: Ihrem Film fehlt Originalität, Rhythmus und Dichte.
Hintergrund
Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.
Lesen Sie hier eine Besprechung des Films "Und wenn wir alle zusammenziehen?" von Stéphane Robelin über eine Rentner-WG mit Jane Fonda
und hier einen Beitrag über den Film "Huhn mit Pflaumen" von Marjane Satrapi mit Isabella Rossellini
und hier eine Kritik des Films "Die Einsamkeit der Primzahlen" von Saverio Constanzo mit Isabella Rossellini.
Jammern auf hohem Niveau
Mary als frühere Lehrerin und Adam als erfolgreicher Architekt leben in Wohlstand und Gesundheit. Reale Probleme wie Krankheit, Einsamkeit und Alters-Armut, unter denen viele Senioren leiden, betreffen sie nicht: Jammern auf hohem Niveau.
Wobei Isabella Rossellini eine gute Figur abgibt: Sie sieht fabelhaft aus, und man liebt sie für ihre Natürlichkeit und ihr uneitles Altern – nicht selbstverständlich für eine Schauspielerin ihrer Generation. Es ist wohltuend, einer 60-Jährigen im Film zuzuschauen, die tatsächlich wie eine Frau mit 60 Jahren aussieht und dabei Witz und Sinnlichkeit ausstrahlt.
Temporeiche 82-Jährige
So wird sie als Person zu dem Rollen-Vorbild, das ihrer Figur Mary fehlt. Am meisten überzeugt aber ausgerechnet Doreen Mantle als ihre Mutter: Die 82-Jährige ist ein erfrischender Lichtblick – und spielt mit spritzigem Tempo jüngere Kollegen an die Wand.