Renée Zellweger

Judy

Bühnenstar mit Leib und Seele: Judy Garland (Renée Zellweger) bei einer ihrer Shows. Foto: © 2019 eOne Germany

(Kinostart: 2.1.) Tragik eines verglühenden Sterns: Im soliden, wenn auch etwas konventionell inszenierten Biopic über Hollywood-Diva Judy Garland bietet Regisseur Rupert Goold der Hauptdarstellerin Renée Zellweger viel Raum, sich dramatisch in Szene zu setzen.

Ihr dankbarstes Publikum findet Judy Garland ausgerechnet nach einer Show auf der Straße: zwei Gentlemen, die nach einem Auftritt der Hollywood-Diva am Bühneneingang stehen und ein Autogramm wollen – übrigens als einzige. Man schreibt das Jahr 1968: Garland spielt einige Wochen lang Greatest-Hits-Shows in London, weil sie in den USA niemand mehr bucht.

 

Info

 

Judy

 

Regie: Rupert Goold,

118 Min., Großbritannien 2019;

mit: Renée Zellweger, Jessie Buckley, Finn Wittrock 

 

Website zum Film

 

Das schwule Paar kann sein Glück kaum fassen, als Garland sich für ein Mitternachtsdinner zu ihnen einlädt; die beiden sind derart bewegt, dass sie nicht einmal mehr Rühreier hinkriegen. Dann setzt sich Garland ans Klavier und singt eines ihrer berühmten Lieder: „Get Happy“, ohne Glitzer, Pomp und Trara. „It’s all so peaceful on the other side“ heißt es in diesem Song für die Ausgestoßenen und Vergessenen – ein Versprechen, dass ihre Qualen im irdischen Jammertal irgendwann vorbei sind.

 

Entertainerin und Opfer

 

Die Szene ist eine der rührendsten in „Judy“, einem Biopic mit Renée Zellweger in der Hauptrolle. Garland war eine der größten Entertainerinnen der goldenen Hollywood-Ära – und zugleich eines der vielen Opfer der Unterhaltungs-Maschinerie. Schon als Kleinkind stand sie auf der Bühne; als Dorothy im Musicalfilm „Der Zauberer von Oz“ (1939) wurde sie dann weltbekannt. „Judy“ rollt ihre Lebensgeschichte von hinten auf, aus der Perspektive der gefallenen Heldin. Kaputte Stars machen eben mehr her – und da ist bei Garland einiges zu holen.

Offizieller Filmtrailer


 

Komplexe Probleme, stark vereinfacht

 

Der Film spielt wenige Monate vor Garlands Tod. Sie bekommt seit Jahren keine Filmrollen mehr. Auch kleinere Engagements scheitern an ihrer notorischen Unzuverlässigkeit und dem Ruf, der ihr vorauseilt. Mit ihren beiden Kindern tingelt sie durch Clubs, um die Hotelrechnung für die nächste Nacht zu bezahlen – was nicht immer klappt. Ein richtiges Zuhause gibt es nicht.

 

Doch dann tut sich die Chance für die Konzerte in London auf, in denen das glamouröse Drama ihres Lebens nochmals geballt zur Aufführung kommen. Garlands mannigfaltige Probleme – finanziell, gesundheitlich, emotional – werden in „Judy“ zugespitzt und auf die Frage nach der Vereinbarkeit von Beruf und Familie reduziert: Sie muss ihre Kinder beim Ex-Mann in den USA lassen, um das Geld zu verdienen, mit dem sie ihnen hoffentlich eine Zukunft bieten kann.

 

Märchenhafte Rückblenden

 

Ihre bewegte Vergangenheit wird eingedampft auf eine Episode aus den Dreharbeiten zu „Der Zauberer von Oz“, die illustriert, welchen Gängelungen eine Schauspielerin im Studiosystem der 1930er Jahre ausgesetzt war. Garland war 17 und wurde für die Rolle mit Zöpfchen und Korsett auf noch jünger getrimmt. Vor allem aber mit einer Radikaldiät aus Filterkaffee und Amphetaminen: Die Drogensucht begleitete sie ihr Leben lang. 1969 sollte sie mit 47 Jahren daran sterben.

 

Die Rückblenden, die in „Judy“ alle Schieflagen in Garlands späterem Leben erklären sollen, sind jedoch so märchenhaft inszeniert, als wäre das einstige Hollywood nie real gewesen. Und auch, als seien derartige Machtverhältnisse heute kein Thema mehr. Der Kunstgriff, ein Leben von seinem Ende her zu erzählen, ist bewährter Biopic-Standard; in dieser Hinsicht bietet „Judy“ solide verarbeitete Ware von der Stange.

 

Schnute als Allzweckwaffe

 

Der britische Regisseur Rupert Goold ist eigentlich im Theater zu Hause; „Judy“ ist sein zweiter Kinofilm. Das Drehbuch hat Tom Edge von einem Bühnenstück über Garland adaptiert, dem Musical „End Of The Rainbow“. Doch der Film gehört einzig und allein Renée Zellweger. Ihr Schauspiel bleibt nicht zuletzt dank ihrer Übertreibungen in Erinnerung. Sie legt ihre Judy Garland als Bündel aus Ticks und Überaffektiertheit an, als gekrümmten Hungerhaken in edlen Stoffen.

 

Hintergrund

 

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Wenn Zellweger ihren Mund zur Schnute verkrampft, wird er zur Allzweckwaffe: für Garlands Misstrauen, ihre Freude, Ratlosigkeit, Wut und die Sekunden vor dem nächsten Tränenausbruch. Das ist effektiv, schrammt aber manchmal hart an der Grenze zur Karikatur entlang; vor allem, wenn es um ihr Privatleben geht. Bei ihren Bühnenauftritten funktioniert das besser – ob sie nun betrunken übers Parkett stolpert, das Publikum beschimpft oder sich zu Sternstunden emporschwingt, angetrieben von einer Mischung aus Lampenfieber und Selbstmitleid.

 

Zurechtgestutzt auf Oscar-Ambitionen

 

Wie in Musikbiografien mittlerweile obligatorisch, hat Zellweger die Lieder selbst eingesungen – auch wenn an Garlands Interpretationen kein Herankommen ist. Zellweger flüstert, schmachtet und schreit regelrecht nach ihrem zweiten Oscar. Ihre Chancen stehen gut. Dafür, dass Zellweger zeigt, wie die Filmindustrie ihr Menschenmaterial verheizt, könnte sie mit deren höchsten Weihen belohnt werden – ein schizophrener Zynismus.

 

Garland hatte ein Biopic über ihr Leben im Grunde selbst schon gedreht: „I Could Go On Singing“ (1963) war ihr letzter Spielfilm, kein großer Erfolg. Sie spielte darin eine Sängerin, deren Ruhm verblasst ist und die für einige Konzerte nach London kommt. Sie möchte dort einfach nur mit ihrem Sohn zusammen sein, muss ihn aber schließlich loslassen. Was aus dem Stoff dieses Lebens noch alles an todtraurigem Glamour zu holen wäre, deutet nicht zuletzt die Szene mit dem „Get Happy“-Rührei an. Letztlich ist „Judy“ aber auf Zellweger und ihre Oscar-Ambitionen zurechtgestutzt worden.