Eric Steel

Minjan

Herschel (Christopher McCann), David (Samuel H. Levine) und Josef (Ron Rifkin). Foto: Edition Salzgeber

(VoD-Start: 1.2.21) Jüdisch-orthodoxes Coming-out im Brooklyn der 1980er Jahre: Regisseur Eric Steel erzählt in seinem behutsam und wortkarg inszenierten Coming-of-Age-Drama vom Heranwachsen unter Holocaust-Überlebenden.

Brighton Beach, 1987. Dem 17-jährigen David (Samuel H. Levine), Sohn jüdischer Einwanderer aus der Sowjetunion, geht es wie vielen Jugendlichen: Seine Eltern verstehen nicht, wie er tickt. Schon gar nicht sein Vater, ein ehemaliger Boxtrainer; seine Mutter versucht zumindest, mit ihrem Sohn im Gespräch zu bleiben, doch kommt damit nicht weit. Als David mit einem Mädchen anbändelt, deren Vater als Autohändler ein gutes Auskommen hat, löst das Enthusiasmus bei ihr aus: Das wäre doch mal eine Perspektive für den Jungen!

 

Info

 

Minjan

 

Regie: Eric Steel,

118 Min., USA 2020;

mit: Samuel H. Levine, Ron Rifkin, Christopher McCann

 

Weitere Informationen zum Film

 

Der allerdings vergräbt sich lieber hinter Büchern, aktuell hinter denen des schwulen afroamerikanischen Autors James Baldwin. Außerdem schaut David viel lieber jungen Männern nach als Töchtern aus gutem Haus – was im orthodoxen Milieu, in dem die Familie lebt, zum größeren Problem werden könnte als Davids fehlendes Interesse am Geldverdienen.

 

Wohnen für den Minjan

 

Einen guten Draht hat David lediglich zu seinem Großvater Josef (Ron Rifkin). Der ist nach dem Tod seiner Frau auf der Suche nach einer günstigeren Bleibe, die er in einer Wohnanlage für jüdische Senioren zu finden hofft. Die Warteliste dort ist lang, doch der Zufall spielt ihm – und auch David – eine gute Gelegenheit zu.

Offizieller Filmtrailer


 

Langeweile in der Jeschiwa

 

Es werden nämlich zwei neue männliche Bewohner gesucht – auf dass der Minjan komplettiert wird. Dieser Begriff bezeichnet im orthodoxen Judentum eine Gebetsgemeinschaft von mindestens zehn Männern, die zusammenkommen müssen, damit ein Gottesdienst abgehalten werden kann. Josef bekommt die Wohnung, weil sein Enkel als zehnter Mann zur Verfügung steht.

 

Offenbar willigt David in das Arrangement ein, damit er fortan bei seinem feinsinnigen Großvater wohnen kann. Die Sinnhaftigkeit von Religion scheint David nicht grundsätzlich anzuzweifeln. Seine Stunden in der Talmudschule, der Jeschiwa, sitzt er jedoch mit offensichtlichem Desinteresse ab.

 

Cruising in der Bibliothek

 

Selten wirkte New York so farbentsättigt wie in dieser ruhig erzählten, spröde inszenierten Coming-of-Age-Geschichte. Wie David sich ins Erwachsenenleben vorantastet und neue Welten erschließt – etwa, wenn er die örtliche Bibliothek fürs Cruising entdeckt – inszeniert der Regisseur Eric Steel so beiläufig, als wäre der Zuschauer ein zufälliger Beobachter. Seinem Spielfilmdebüt ist anzumerken, dass er bisher dokumentarisch gearbeitet hat.

 

Für seine bekannteste Arbeit, „The Bridge“ (2006), hat Steel ein Jahr lang mit Kameras die Golden Gate Bridge in San Francisco beobachtet, die als Ort für Selbstmörder berühmt-berüchtigt ist. Diese Aufnahmen werden von Interviews mit Freunden und Hinterbliebenen flankiert. Sein lakonischer, beinahe unbeteiligter Blick auf dieses brisante Thema sorgten für kontroverse Diskussionen.

 

Coming-out in Brighton Beach

 

Mehr als ein Jahrzehnt lang hat Steel darauf hingearbeitet, die gleichnamige Kurzgeschichte des kanadischen Schriftstellers und Filmemachers David Bezmozgis zu adaptieren. Die Rechte für die Verfilmung erteilte ihm Bezmozgis nur unter der Bedingung, dass Steel der Geschichte seinen eigenen Dreh gibt. In der Vorlage ist die Hauptfigur heterosexuell; Steel aber schrieb die Erfahrungen seines Coming-outs ins Drehbuch.

 

Zudem verlegte er die Handlung von Toronto nach Brighton Beach, ein russisch-jüdisch geprägtes Viertel in Brooklyn: Im New York der 1980er Jahre sorgte die Aids-Epidemie für schwere Verheerungen in der schwulen community. Dabei hat Steels Adaption reichlich lose Enden. Statt die inneren Konflikte der Figuren zu dramatisieren, klingt vieles allenfalls leise an. Diese Balance von Andeutung und Konkretisierung trägt den Film jedoch über weite Strecken; vor allem in der zweiten Hälfte entwickelt die Geschichte trotz fehlender äußerer Dynamik einen eigenen Sog.

 

Kriegstraumata und Aids

 

Bisweilen sorgt für Frustration, dass im Film so wenig kommuniziert wird. Werden mehr als ein paar Worte gesprochen, erzählt zumeist ein alter Mensch von seinen Kriegstraumata, oder es werden religiöse Texte rezitiert. Zudem irritiert, wie wenig jugendlich Davids Figur erscheint. So nuanciert die Mimik des Hauptdarstellers Samuel H. Levine auch ist: Der 1996 geborene Schauspieler wirkt wie ein Mittzwanziger, der er auch ist. Davids Unbedarftheit nimmt man ihm nur bedingt ab.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Menashe“ – Drama innerhalb ultraorthodoxer jüdischer Gemeinde in New York von Joshua Z. Weinstein

 

und hier einen Bericht über den Film „Get: Der Prozess der Viviane Amsalem“ – Scheidungsdrama einer orthodoxen Jüdin von Ronit & Shlomi Elkabetz

 

und hier einen Beitrag über den Film „Fill the Void – An ihrer Stelle“ – über die Rolle der Frau bei orthodoxen Juden in Israel von Rama Burshtein

 

Eine Stärke dieses undramatisch in Szene gesetzten Dramas ist, dass schlaglichtartig und doch nebenbei ganz verschiedene Milieus gestreift werden. Allgegenwärtig ist die Shoa – und wie die Generation der Überlebenden mit diesem Trauma umgeht. Der Barkeeper, mit dem David erste sexuelle Erfahrungen macht, führt an seiner Küchenwand eine Liste von Bekannten, die an Aids erkrankt oder gestorben sind; er reagiert auf Davids neugierige Nachfragen höchst irritiert. Glücklicherweise widersteht Steel der Versuchung, die in der Geschichte angelegte Analogie zwischen Holocaust- und Aids-Überlebenden weiter auszuerzählen.

 

Diebe, Ehebrecher, Homosexuelle

 

Unerwartete Vorbilder findet David in seinen neuen Nachbarn Itzik (Mark Margolis) und Herschel (Christopher McCann). Seit dem Tod ihrer Ehefrauen teilen die beiden mehr als nur die Wohnung. Als Itzik stirbt und Herschel infolgedessen die Kündigung droht, da er nicht der offizielle Mieter war, zeigt David ein Engagement, das ihn selbst vielleicht am meisten erstaunt. Und die Frage, die sich durch den Film zieht – ob es in der orthodoxen community einen Platz für ihn gibt – beantwortet der Rabbi lapidar und pragmatisch: „Diebe, Ehebrecher, Homosexuelle. Ich nehme sie alle. Ohne sie hätten wir niemals unseren Minjan.“

 

Seit 1.2.21 im Salzgeber Club