Théo Court

White on White (Blanco en Blanco)

Die Haushälterin Aurora (Lola Rubio) und eine seltsame Gestalt namens Propietario (Lars Rudolph). Foto: Mubi

(MUBI-Start: 30.6.21) Erotik und Grausamkeit am Ende der Welt: Théo Court erzählt von einem Fotografen, der auf Feuerland strandet und dort in einen Genozid verstrickt wird. Sein stilisiertes Historiendrama ist auch eine Reflexion über die Macht der Bilder und die Schuld des Betrachters.

Sorgsam arrangiert der alternde Fotograf Pedro (Alfredo Castro) die angehende Braut vor der Kamera. Das Köpfchen bitte noch etwas neigen, das Händchen noch etwas drehen und das Kleid etwas mehr herunterziehen, so dass die Schultern frei liegen: ein junges Mädchen an der Schwelle zum Erwachsensein, noch ganz kindliche Unschuld im weißen Kleid – aber im männlichen Blick ist sie schon zum Objekt sexueller Begierde geworden.

 

Info

 

White on White (Blanco en Blanco)

 

Regie: Théo Court,

100 Min., Spanien/ Chile 2019;

mit: Alfredo Castro, Lars Rudolph, Lola Rubio

 

Weitere Informationen zum Film

 

Der Bräutigam und Auftraggeber des Bildes, der Pedro in die Einöde Feuerlands bestellt hat, bleibt derweil abwesend. Dieser Mr. Porter ist der ungreifbare, gleichzeitig alles sehende Gott dieser windumtosten Insel an der Südspitze des südamerikanischen Kontinentes. Und überdies ist er eine strafende Instanz, wie Pedro bald erfahren wird, als er die Grenzen des Schicklichen übertritt.

 

Weiße Herrschaft

 

Latifundistas – die lateinamerikanischen Großgrundbesitzer – verfügten Ende des 19. Jahrhunderts über nahezu allumfassende Macht. Die damals auf dem Kontinent etablierten Machtstrukturen prägen bis heute ein System, unter dem enorme soziale Ungerechtigkeit die Regel ist. Als weißer Mann steht der Fotograf weit oben in der sozialen Hierarchie. In dieser rauen Männerwelt sind die Verhältnisse eindeutig: Der Mann dominiert die Frau, der Erwachsene das Kind, der Weiße den Indigenen.

Offizieller Filmtrailer OmU


 

Die Grobheit der Anderen

 

Pedro, von Alfredo Castro mit stiller Brillianz verkörpert, bleibt ein Fremder. Er fügt sich nur widerwillig in diese archaische Männergesellschaft ein. Die Grobheit der anderen ist ihm, dem kultivierten und künstlerisch ambitionierten, ein Gräuel. Aber weil Mr. Porter ihm seinen Lohn vorenthält, steckt er fest im patagonischen Nirgendwo. Pedro beginnt seine Umgebung zu fotografieren.

 

Regisseur Théo Court lässt das Bild auf der Leinwand zwischen dem breiten Format der Kinokamera und dem engeren des Fotoapparates springen – und fängt so Pedros Blick in seinen Aufnahmen ein. „White on White“ wirkt mit seinen langen, sorgsam komponierten und meist statischen Einstellungen insgesamt sehr fotografisch. Sein Erzähltempo ist ruhig und gefasst wie seine Bilder; trotz der Weite der kargen Landschaft herrscht eine beklemmende Atmosphäre, mit verzerrten Streicherklängen zurückhaltend untermalt.

 

Fotograf der Grausamkeiten

 

Das Überleben in der rauen Natur hat die Herzen der Menschen hart werden lassen. Das wird zu Beginn nur angedeutet, im Verlauf der Geschichte aber mehr und mehr zum eigentlichen Thema des Films: das Gerede über die Wilden im Süden, die Prämien für ihre Ohren, wenn sie abgeschnitten und geliefert werden, das sexuelle Bedrängen indigener Frauen. Pedro soll im Bild festhalten, wie „Geschichte gemacht wird“: die Geschichte der Ausrottung der dort seit Jahrtausenden lebenden Bevölkerung durch weiße Schafzüchter und Goldsucher im 19. Jahrhundert.

Hintergrund

 

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Mit besonderem Eifer tat sich in diesen Grausamkeiten der aus Rumänien stammende Abenteurer und Unternehmer Julius Popper hervor. Er ließ seine Leute gezielt Jagd auf die Selk’nam/Ona machen. Es gibt etliche historische Fotos, die seine Schergen zeigen, wie sie mit den Leichen ermordeter Einheimischer posieren. Diese Fotografien bilden den Ausgangspunkt für „White on White“, wie der chileno-spanische Regisseur Court im Interview mit der Zeitschrift „El mundo“ erzählt.

 

Im Bild: Indigene und ihre Mörder

 

Am Ende wird Pedro sein Foto von den toten Indigenen und ihren Mördern mit genau derselben künstlerischen Sorgfalt arrangieren wie am Anfang das Bildnis der jungen Braut. Sein Blick und damit auch derjenige der Zuschauer hat dann längst seine Unschuld verloren – die er vielleicht niemals gehabt hat. Eindringlich zeigt Court in seinem 2019 auf den Filmfestspielen in Venedig ausgezeichnetem Film: Der vermeintlich neutrale Blick der Kamera war schon immer ein Mythos.

 

VoD-Start: 30.6. bei Mubi