
Der diskrete Alleinherrscher: Seit zwei Jahrzehnten drückt Bidsina Iwanischwili dem Leben in Georgien seinen Stempel auf. Der 1956 geborene Sohn eines Kleinbauern studierte in Tiflis und Moskau, bevor er bei den Privatisierungen im Russland der 1990er Jahre schwerreich wurde. Mit IT-Technik, Banken, Eisenbergbau und Chemie häufte er ein riesiges Vermögen an. Es wird auf sechs bis acht Milliarden US-Dollar geschätzt; das entspricht einem Drittel von Georgiens BIP. Dabei sagt man ihm, im Gegensatz zu den meisten postsowjetischen Oligarchen, keine Korruptionsskandale oder rücksichtsloses Geschäftsgebaren nach.
Info
Die Zähmung der Bäume –
Taming the Garden
Regie: Salomé Jashi,
92 Min., Georgien/ Schweiz/ Deutschland 2021;
Wohltäter privatisiert Öffentlichkeit
Iwanischwilis Ausnahmestellung als Krösus von Georgien wird schon im Stadtbild von Tiflis deutlich: Unübersehbar thront sein futuristischer, 50 Millionen Dollar teurer Wohn- und Geschäftskomplex auf einem Hügel über der Altstadt. Popularität erwarb er sich aber als großzügiger Mäzen. Ob Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Infrastruktur, Bildungs- und Kultureinrichtungen: In vielen Bereichen hat seine „Cartu Stiftung“ kostspielige Verbesserungen finanziert – und damit Aufgaben übernommen, die der chronisch klamme georgische Staat nicht bewältigen kann. Der Wohltäter privatisiert die öffentliche Sphäre.
Offizieller Filmtrailer
Auf schwimmenden Inseln übers Meer
Wie ein aufgeklärter absolutistischer Regent verhält sich Iwanischwili auch bei seinem jüngsten Herzensprojekt, dem „Dendrologischen Garten“ von Shekvetili an der Schwarzmeerküste. Seit 2017 lässt er landesweit ausgewachsene Bäume verschiedener Arten ausgraben und zu seinem Park verfrachten, wo sie wieder eingepflanzt werden. Ihre vorigen Besitzer werden mit bis zu 10.000 Euro entschädigt. Der Transport bringt erhebliche Eingriffe in die Landschaft mit sich: Dafür werden Betonpisten angelegt, störende Bäume am Wegesrand gestutzt oder gefällt, zeitweilig Stromleitungen oder Bahntrassen unterbrochen.
Von all dem erfährt man in Salomé Jashis Dokumentarfilm – fast nichts. Die georgische Regisseurin verweigert jeden Kommentar oder Kontext. Stattdessen schwelgt die Kamera in statischen Einstellungen auf Baumstämmen und -wipfeln, Grabungs- und Verankerungsarbeiten. Oder sie verfolgt minutenlang, wie mächtige Baumriesen auf Sattelschleppern und schwimmenden Inseln im Zeitlupentempo über Land und Meer bewegt werden. Iwanischwilis Name fällt nur wenige Male, wenn Dörfler plaudernd über seine Absichten spekulieren.
Suggestion eines Umwelt-Verbrechens
Mitgehörte Gespräche der Bauarbeiter untereinander tragen genauso wenig zum Verständnis der Vorgänge bei. Dabei könnten sie gewiss erklären, wie man die heikle Aufgabe meistert, ausladende Bäume mit weit verzweigtem Wurzelwerk von A nach B zu bringen, ohne dass sie Schaden nehmen. Daran ist Regisseurin Jashi jedoch nicht interessiert. Ihr liegt offenkundig nur daran, den bizarren Anblick von Bäumen in Bewegung aus malerischen Sichtachsen auszuschlachten. Um damit zu suggerieren, der Tycoon begehe ein Umweltverbrechen.
Hintergrund
Lesen Sie hier eine Rezension des Films "El Olivo - Der Olivenbaum" – ökologisches Feelgood-Roadmovie von Icíar Bollaín
und hier eine Besprechung des Films "Das geheime Leben der Bäume" – Essay-Film über Peter Wohllebens Bestseller von Jörg Adolph + Jan Haft
und hier einen Bericht über den Film "Vor dem Frühling" – Polit-Thriller über den Sturz von Georgiens erstem Präsidenten von George Ovashvili
und hier ein Beitrag über den Film "Die Maisinsel" – idyllische Fluss-Robinsonade in Georgien von George Ovashvili.
Demokratie mutiert zu Plutokratie
Zudem legen frühere Initiativen nahe, dass seine Baum-Sammlung kein Spleen ist, sondern er sich nachhaltig für Naturschutz engagiert. Seine „Cartu Stiftung“ hat mehrere Botanische Gärten und Nationalparks in Georgien instand gesetzt und aufgeforstet. Dennoch bleibt ein Unbehagen: Georgiens instabile, doch halbwegs funktionierende Demokratie wird dadurch ausgehöhlt, dass der wohlhabendste Bürger ihre Geschicke nach Gutdünken bestimmt.
Dass Staaten zu Plutokratien mutieren, ist nicht auf Entwicklungs- oder Schwellenländer beschränkt: Ohne seine Milliarden wäre Donald Trump kaum US-Präsident geworden. Jeff Bezos, Elon Musk oder Mark Zuckerberg könnten es leicht werden, indem sie alle relevanten Medien und Werbeplattformen aufkaufen. Zum Gemeinwesen im Privatbesitz hat Regisseurin Jashi nichts zu sagen: Ihr Film verharrt in der Borkenkäfer-Perspektive.