Aki Kaurismäki

Le Havre

Idrissa (Blondin Miguel) und Marcel Marx (André Wilms) verabschieden sich; Foto: Pandora Filmverleih

(Kinostart: 8.9.) Zu schön, um wahr zu sein: Der finnische Großmeister der Lakonie lässt einen afrikanischen Flüchtling in der französischen Hafenstadt stranden. Alle helfen ihm, damit er weiterkommt – ein zauberhaft zeitloses Sozialmärchen.

Ein Wiedersehen mit alten Bekannten, die man so noch nie erlebt hat: Marcel Marx (André Wilms), der Held des Kaurismäki-Klassikers «Das Leben der Bohème», ist aus Paris nach Le Havre gezogen. Anstatt wortgewaltig an künftigen Meisterwerken zu feilen, verdingt er sich als Schuhputzer. Ansonsten verbringt er mit seiner geliebten Arletty (Kati Outinen) beschauliche Tage, die einander gleichen wie ein Weinglas dem anderen.

 

Info

Le Havre

 

Regie: Aki Kaurismäki, 93 min., Finnland/ Frankreich/ Deutschland 2010;
mit: André Wilms, Kati Outinen, Jean-Pierre Darroussin

 

Offizielle Website

Bis ihm der Zufall den afrikanischen Flüchtlingsjungen Idrissa vor die Füße spült; der ist auf Seereise nach London im Ärmelkanal abgedriftet. Mit wunderbarer Selbstverständlichkeit tut Marcel alles, um ihn ans Ziel zu bringen. Der Zeitpunkt ist günstig: Arletty kommt mit Krebs ins Krankenhaus – derweil ist daheim ein Schlafplatz frei.

 

Und alle helfen mit: nicht nur Freunde und Nachbarn im Hafenviertel, sondern auch Kommissar Monet (Jean-Pierre Darroussin). Er zieht alle kriminalistischen Register, um den Jungen aufzuspüren und zugleich seinen Auftrag zu sabotieren. Soviel Güte belohnt himmlische Gnade: Schlagartig wird Arletty geheilt.

 

Offizieller Video-Trailer

 



 

Im Paralleluniversum des finnischen Regisseurs bleibt alles anders. Erneut wirkt der Schauplatz wie aus der Gegenwart gefallen. In den ärmlichen Interieurs und schmalen Gassen der spröden Hafenstadt scheint sich seit einem halben Jahrhundert nichts verändert zu haben.

 

Die Zeitreise vollendet Kaurismäki mit seiner unnachahmlichen Lakonie: In statischen Szenenfolgen treten die Darsteller gefasst auf und wieder ab. Sobald es gefühlvoll zugeht, säuseln Geigen dezent aus dem Off, als wäre es ein Melodram von Marcel Carné oder René Clair aus der goldenen Ära des französischen Kinos in den 1940/50er Jahren.

 

Extrem stilisiert, aber nicht konstruiert

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Die zeitlose Idylle des Kleine-Leute-Glücks integriert ganz zwanglos das Immigranten-Drama, das über sie hereinbricht: Dem gestrandeten Jungen wird weitergeholfen – ohne Fragen nach dem Warum oder Wozu. So einfach menschlich ist das; von Missgunst oder Fremdenhass keine Spur.

 

Dieses extrem stilisierte Sozialmärchen mutet keine Sekunde lang konstruiert an. Mit lauter schrägen Wendungen schildert es selbstlose Solidarität als das Natürlichste der Welt. Das ist Kaurismäkis Kunst: als Vision zu schön, um wahr zu sein.


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