Corneliu Porumboiu

Police, adjective

Die Einsamkeit des Streifenpolizisten: Cristi (Dragos Bucur) bei seiner stundenlangen Überwachungs-Routine. Foto: Peripher Filmverleih

(Kinostart: 12.1.) Sprachphilosophie mit Streifenpolizisten: Sinnfragen eines jungen Ermittlers beantwortet sein Vorgesetzter mit Wörterbuch-Definitionen. Regisseur Porumboiu zeichnet ein subtiles Sittenbild vom postkommunistischen Rumänien.

Was ist eigentlich aus der Securitate geworden? Die rumänische Staatssicherheit galt als die skrupelloseste und brutalste unter allen Geheimdiensten im Ostblock: Sie soll von 1948 bis 1965 rund 200.000 Menschen umgebracht haben. Unter Staats- und Parteichef Nicolae Ceauşescu war die Securitate weniger blutrünstig, kontrollierte aber Rumänien total.

 

Info

Police, adjective

 

Regie: Corneliu Porumboiu, 113 min., Rumänien 2009;
mit: Dragos Bucur, Vlad Ivanov, Irina Saulescu

 

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Welche Traumata sie der Bevölkerung zufügte, zeigt das Gesamtwerk von Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller. Auch nach dem Systemwechsel durchsetzten Securitate-Seilschaften Politik und Verwaltung. Erst im Jahr 2000 wurde die rumänische Gauck-Behörde CNSAS gegründet; seit 2005 wird die Aufarbeitung der Vergangenheit vorangetrieben.

 

Nach der Schule kiffen

 

Das ist «Police, adjective» anfangs nicht anzumerken: In diesem Kleinstadt-Krimi geht es um Drogenhandel en miniature. Der junge Polizist Cristi (Dragos Bucur) beschattet einige Schüler, die nach dem Unterricht Haschisch rauchen. Seine Vorgesetzten verlangen, dass er sie als Dealer dingfest macht, obwohl es offensichtlich nur um ein paar Krümel Dope geht.


Offizieller Film-Trailer, englisch untertitelt


 

Berichte über reines Nichts

 

Cristi erledigt seine Ermittlungen gewissenhaft, und die Kamera folgt ihm auf Schritt und Tritt. Er liest Kippen von der Straße auf und lässt sie auf THC untersuchen, bespitzelt stundenlang die Wohnungen der Verdächtigen, quetscht seinen V-Mann aus und schreibt ellenlange Protokolle, die vor Banalitäten strotzen. Wer je eine Stasi-Akte eingesehen hat, kennt diese pseudo-präzisen Berichte über das reine Nichts.

 

Naturgemäß beschleichen Cristi Zweifel an seinem Auftrag: In den meisten EU-Ländern wird das Rauchen von Joints de facto toleriert; er will Teenager nicht wegen Lappalien in den Knast bringen. Doch Polizei-Offizier Anghelache (Vlad Ivanov) zeigt sich unbarmherzig und fordert Cristi zum Streitgespräch über sein Berufsethos heraus. Der ist darin nicht ungeübt: Daheim diskutiert er öfter mit seiner Frau Anca (Irina Saulescu), einer Lehrerin, über Feinheiten rumänischer Grammatik und Orthographie.

 

Nur Neureiche fahren Auto

 

Anghelache bevorzugt hingegen Frontal-Unterricht: Er lässt Cristi seitenlang Definitionen aus dem Wörterbuch vorlesen. Conclusio: Die Polizei muss den Gesetzen buchstabengetreu Geltung verschaffen – Ende der Debatte. Diese Schlüssel-Szene wäre vor 1989 vermutlich ähnlich abgelaufen. Nur hätte Cristi kanonische Passagen aus Klassikern des Marxismus-Leninismus oder den Schriften von Conducator Ceauşescu zitieren müssen.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine kultiversum-Besprechung des rumänisch-ungarischen Films „Bibliothèque Pascal“ von Szabolcs Hajdu

 

und hier einen Bericht zur Ausstellung „Wenn die Geschichte zweimal anklopft“ über rumänische Kunst der 1980/90er Jahre in der Galeria Plan B, Berlin.


Seine Pointe präsentiert Regisseur Porumboiu sehr subtil. Wie die meisten Filme des hoch gelobten rumänischen Neo-Realismus kommt auch «Police, adjective» unspektakulär daher: Der monotone Alltag kleiner Leute wird geduldig begleitet. Im Fall von Cristi sind es immer gleiche Gänge zwischen Wohnung, Amtsstube und Beobachtungs-Posten, auf denen er ausharren muss. Auto fahren nur Neureiche.

 

Heilige Texte auf Altkirchen-Slawisch

 

Allmählich bemerkt der Zuschauer, dass er einer kafkaesken Parabel zusieht. Bröckelnde Betonmauern, schäbige Häuserzeilen und Straßen voller Schlaglöcher sind Kulissen eines Spiegelkabinetts, in denen Vertreter der Staatsmacht alberne Verschwörungstheorien aushecken und unbedarft über goldene Zukunfts-Aussichten schwafeln. So rechtfertigen sie ihre absurde Tätigkeit.

 

Fast 90 Prozent ihrer Landsleute bekennen sich zur rumänisch-orthodoxen Kirche. In deren Ritus kommt es auf den Wortlaut heiliger Texte an – nicht auf ihren Sinn. Den können die Gläubigen nicht verstehen: Sie sind in Altkirchen-Slawisch abgefasst.


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