Victor Kossakovsky

¡Vivan las Antipodas!

Spieglein, Spieglein in der Landschaft: Oben argentinische Pampa, unten die Silhouette von Schanghai. Foto: Farbfilm Verleih

(Kinostart: 23.2.) Vier Mal um die ganze Welt: Dokumentarfilmer Kossakovsky hat an acht einander gegenüberliegenden Orten der Erde gedreht. Aus Postkarten-Motiven montiert er einen Schwindel erregenden Bilderbogen.

Von einer «Reise zum Mittelpunkt der Erde» träumte schon 1864 Jules Verne. Im Folgejahr wollte sich «Alice im Wunderland» durch den gesamten Globus bohren: «Lustige Vorstellung, auf der anderen Seite rauszukommen, und alle Leute würden auf dem Kopf gehen». Da war Alice etwas auf den Kopf gefallen: Bereits 350 Jahre zuvor hatte der erste Weltumsegler Magellan entdeckt, dass auf der gegenüberliegenden Erdseite keine Kopffüßler wohnen.

 

Info

¡Vivan las Antipodas!

 

Regie: Victor Kossakovsky, 108 Minuten, Deutschland 2011

 

Weitere Informationen

Dennoch faszinieren die Antipoden, weil zwei Drittel der Erdoberfläche von Wasser bedeckt sind: Nur an wenigen Stellen käme man nach 12.756 Kilometern trockenen Fußes an. An vier dieser Festland-Antipoden, also acht Schauplätzen, hat Victor Kossakovsky gefilmt. Haben sich seine vielen Langstreckenflüge gelohnt?

 

Kaum bewohnbarer Planet

 

Man sieht vor allem: Die Erde ist ein kaum bewohnbarer Planet. Nur in Schanghai wimmeln erwartbar Menschenmassen. Am anderen Ende des Durchmessers in der argentinischen Pampa unterhalten sich zwei einsame Brücken-Wärter mit wilden Geschichten und wüsten Spekulationen: Sie besitzen kein Radio und sind abgeschnitten vom Rest der Welt.


Offizieller Film-Trailer


 

Von Lava-Feldern zur Elefanten-Haut

 

Inmitten einer majestätischen Natur-Kulisse: Die fängt der russische Dokumentarfilmer farbenprächtig ein – wie auch am Ufer des Baikal-Sees, vor Anden-Gipfeln in Süd-Chile, bei glühenden Lava-Strömen des Vulkans Kilauea auf Hawaii oder in der Sandwüste von Botswana. In diesen Einöden liegen wenige Einsiedler-Höfe verstreut; Personen treten nur als murmelnde Staffage-Figuren auf.

 

Um diese isolierten Gestalten miteinander in Beziehung zu setzen, bemüht Kossakovsky nahe liegende Analogien: Zerklüftete Lava-Felder überblendet er mit faltiger Elefanten-Haut, weidende Schafe in Sibirien mit ihren Artgenossen in Neuseeland. Wenn die Tierwelt nicht ausreicht, krümmen Linsen den Horizont in Fischaugen-Optik.

 

Im Zickzack-Kurs ohne Narrativ

 

Oder die Kamera schwenkt in die Vertikale und landet scheinbar am Gegenpol. Diese Kipp- und Spiegel-Bilder wirken auf Dauer arg manieriert. Zumal der Regisseur seine Antipoden im Zickzack-Kurs abgrast: Bald weiß der Zuschauer nicht mehr, wo ihm der Kopf steht.

 

Dem Bilderbogen fehlt schlicht ein Narrativ: Wie und warum kommt man von A nach B? Wie es vor drei Jahrzehnten der vergleichbare Film «Koyaanisquatsi» bot: Unkommentierte Landschafts-Aufnahmen zeigten die allmähliche Zerstörung von Natur durch Eingriffe des Menschen – die Anschauung verstärkte anschwellende minimal music von Philipp Glass.

 

Hawaii-Gitarren in Botswana

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

Dagegen untermalt Kossakovsky seine Szenen mit Musik von den Antipoden: Chilenen hüten Gänse zu russischen Volksweisen, Botswana-Bewohner stapfen zu hawaiianischen Slide-Gitarren durch den Sand.

 

Ein sinnfreier culture clash, der an Dia-Shows von Weltenbummlern in Mehrzweckhallen erinnert: Herrlich beliebige Postkarten-Motive werden von bombastischen Klang-Teppichen unterlegt. Das mag gegen Fernweh helfen, doch im Kino bleibt diese Erdumkreisung flach.


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