Isabella Rossellini

Late Bloomers

Herumtollen wie die jungen Hunde: Mary (Isabella Rossellini) und Adam (William Hurt) vergnügen sich im Gras. Foto: Movienet

(Kinostart: 6.9.) Betulicher Beziehungsfilm über ein älteres Paar, das sein Ehe-Leben neu definieren muss: Regisseurin Julie Gavras lässt kein Klischee aus – ihr Drehbuch können auch Isabella Rossellini und William Hurt nicht retten.

Die Halb-Italienerin Mary (Isabella Rossellini) und ihr Mann Adam (William Hurt) leben in London, haben drei erwachsene Kinder, sind beide um die 60 – und unmerklich älter geworden. Das wird Mary bewusst, als ein Kollege ihn bei einer Preisverleihung für sein Lebenswerk als Architekt mit den Worten lobt: «Ihr Mann gehört einer sterbenden Gattung an».

 

Info

Late Bloomers

 

Regie: Julie Gavras, 90 min., Frankreich 2010
mit: Isabella Rossellini, William Hurt, Doreen Mantle

 

Website zum Film

Mary reagiert sofort: Sie kauft ein Senioren-Bett, dazu ein Telefon mit großen, beleuchteten Tasten und lässt das Badezimmer vorsorglich altersgerecht umbauen. Zwar bestätigt ihr Arzt, sie sei kerngesund – dennoch beginnt sie mit Aqua-Gymnastik und will sich ehrenamtlich betätigen.

 

Lederjacke anstelle von Woll-Pullover

 

Damit überfordert sie ihren Mann. Er will nicht wahrhaben, dass seine besten Jahre vorbei sein könnten: Ausgerechnet jetzt wird er beauftragt, ein Senioren-Heim zu entwerfen. Adam sucht die Nähe zu jungen Kollegen, die ihn bewundern; dabei tauscht er Hemd und Woll-Pullover gegen Kapuzen-Sweatshirt und Lederjacke.


Offizieller Film-Trailer


 

Rollen von Eltern + Kindern kehren sich um

 

Dann lässt er sich auf eine Affäre mit einer Mitarbeiterin ein, die jünger als seine Tochter ist – zudem zieht er aus. Auch Mary sucht Bestätigung durch einen jüngeren Liebhaber: Die Ehe der beiden steht auf der Kippe.

 

Was ihre Kinder Benjamin, Giulia und James auf den Plan ruft: Sie müssen akzeptieren, dass sich die Rollen von Eltern und Kindern langsam umkehren. Früher oder später werden Mary und Adam ihre Hilfe brauchen. Bis Marys Mutter Nora (Doreen Mantle) stirbt: Die Multikulti-Familie erkennt die Stärke ihres Zusammenhalts; ein neuer Anfang scheint möglich.

 

Blasse Figuren + konstruierte Konflikte

 

Regisseurin Julie Gavras – die Tochter des griechischen Regisseurs Constantin Costa-Gavras – tippt alle gängigen Klischees über das Altern kurz an, ohne Gefühle oder Selbstwahrnehmung von Senioren zu vermitteln: Ihrem Film fehlt Originalität, Rhythmus und Dichte.

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Und wenn wir alle zusammenziehen?“ von Stéphane Robelin über eine Rentner-WG mit Jane Fonda

 

und hier einen Beitrag über den Film „Huhn mit Pflaumen“ von Marjane Satrapi mit Isabella Rossellini

 

und hier eine Kritik des Films „Die Einsamkeit der Primzahlen“ von Saverio Constanzo mit Isabella Rossellini.

Seicht plätschert die Geschichte vor sich hin. Zwei hochkarätige Schauspieler wie Isabella Rossellini und Oscar-Preisträger William Hurt können das holprige Drehbuch nicht retten – zu blass sind die Figuren, zu konstruiert die Konflikte.

 

Jammern auf hohem Niveau

 

Mary als frühere Lehrerin und Adam als erfolgreicher Architekt leben in Wohlstand und Gesundheit. Reale Probleme wie Krankheit, Einsamkeit und Alters-Armut, unter denen viele Senioren leiden, betreffen sie nicht: Jammern auf hohem Niveau.

 

Wobei Isabella Rossellini eine gute Figur abgibt: Sie sieht fabelhaft aus, und man liebt sie für ihre Natürlichkeit und ihr uneitles Altern – nicht selbstverständlich für eine Schauspielerin ihrer Generation. Es ist wohltuend, einer 60-Jährigen im Film zuzuschauen, die tatsächlich wie eine Frau mit 60 Jahren aussieht und dabei Witz und Sinnlichkeit ausstrahlt.

 

Temporeiche 82-Jährige

 

So wird sie als Person zu dem Rollen-Vorbild, das ihrer Figur Mary fehlt. Am meisten überzeugt aber ausgerechnet Doreen Mantle als ihre Mutter: Die 82-Jährige ist ein erfrischender Lichtblick – und spielt mit spritzigem Tempo jüngere Kollegen an die Wand.


Diesen Artikel drucken