Margarethe von Trotta

Denken ohne Geländer

Margarethe von Trotta. Foto: ohe

Der Film «Hannah Arendt» konzentriert sich auf die Thesen der Philosophin zum Eichmann-Prozess. Im Interview spricht Regisseurin von Trotta über biographische Parallelen bei ihr und Arendt sowie drei Varianten von Denken und Verführung.

Frau von Trotta, wie kamen Sie auf die Idee, einen Film über Hannah Arendt zu drehen?

 

Für meinen Film «Rosenstraße» von 2003 über deutsche Frauen, die 1943 durch Proteste ihre jüdischen Männer aus dem NS-Gefängnis herausholen, habe ich sehr viel über jüdische Geschichte gelesen. Darunter war auch das Buch von Hannah Arendt über den Eichmann-Prozess. Darin haben mich vor allem die Kapitel interessiert, in denen sie beschreibt, wie einzelne europäische Länder mit den Juden umgegangen sind: ob sie an die Nazis ausgeliefert wurden oder nicht.

 

Info

Hannah Arendt

 

Regie: Margarethe von Trotta
113 min., Deutschland/ Frankreich 2012; 
mit: Barbara Sukowa, 
Axel Milberg, Janet McTeer

 

Website zum Film

Danach forderte mich ein Freund auf, einen Film über Hannah Arendt zu drehen. Ich sprang nicht sofort darauf an, sondern zögerte: Ich fragte meine Drehbuch-Autorin Pamela Katz, die das Script zu «Rosenstraße» geschrieben hatte, und sie war von der Idee begeistert. Dann haben mich der Freund und Pamela in die Mangel genommen, bis ich einlenkte.

 

Runterfallen in die Wirklichkeit

 

Welche Seite von Hannah Arendt hat sie mehr interessiert: die Philosophin oder die politische Denkerin, die sich intensiv mit dem Judentum beschäftigt?

 

Hannah Arendt kam von der akademischen Philosophie. Erst durch ihre Flucht, das Ausgesetztsein als Emigrantin und die Begegnung mit ihrem späteren Mann Heinrich Blücher, der Anarchist und Mitglied des kommunistischen Spartakus-Bundes gewesen war, hat sie ihre Augen für die Welt geöffnet – sie ist sozusagen runtergefallen in die Wirklichkeit.


Auszüge des Interviews mit Margarethe von Trotta


Lange Zeit staatenlos

 

Aus der Diskrepanz zwischen ihrem idealistischen Denken und dieser finsteren Realität hat sie sich langsam hinausbewegt. Trotzdem hat sie die Philosophie nie ganz aufgegeben; ihre letzten Bücher waren wieder mehr philosophisch ausgerichtet. Für mich waren vor allem zwei Zitate von ihr wichtig: «Ich will verstehen» und das «Denken ohne Geländer».

 

Außerdem gab es biographische Entsprechungen: Sie war lange Zeit staatenlos, ich war es auch bis zu meiner ersten Ehe. Dieses Fremdsein hat sie mit den Worten beschrieben: «Wir sind zu seltsamen Gestalten geworden, zu neuen Menschenwesen: Von unseren Feinden wurden wir in Konzentrationslager gesteckt, von unseren Freunden in Internierungslager.»

 

Ihre Heimatlosigkeit, in der sie nur noch die deutsche Sprache und Kultur als Heimat empfand, konnte ich nachvollziehen – solche biographischen Überschneidungen geben mir die Energie, um mich für jemanden zu interessieren.

 

Ähnlichkeit lenkt Zuschauer ab

 

Für manche Ko-Produzenten war Barbara Sukowa als Darstellerin der Hannah Arendt nicht die erste Wahl. Warum?

 

Das verstehe ich auch nicht, aber viele Leute sind fantasielos. Sie fragen: Sukowa ist blond und blauäugig – wie kann sie eine Jüdin spielen? Dabei hat sie bereits als Rosa Luxemburg bewiesen, dass sie es kann – sogar mit blauen Augen.

 

Ich denke umgekehrt: Wenn ein Schauspieler seiner Figur sehr ähnlich sieht, werden die Zuschauer eher abgelenkt. Sie taxieren dann die ganze Zeit, ob er seiner Figur wirklich gleicht oder nicht. Behauptet man dagegen einfach: Dieser Mensch verkörpert jetzt diese Figur, dann öffnet sich das Publikum viel leichter für seine Argumente – und darum geht es mir.

 

Zeigen, was denken bedeutet

 

Wie kamen Sie auf die Idee, den Film auf die drei oder vier Jahre der Eichmann-Kontroverse zu konzentrieren?

 

Ganz allmählich. Anfangs haben wir völlig konventionell versucht, uns das gesamte Leben der Hauptfigur einzuverleiben. Das wäre aber ein Ritt über den Bodensee geworden; von einer Station zur nächsten, ohne die Zeit, ein Thema vertiefen zu können und zu zeigen, was es eigentlich bedeutet, zu denken.

 

Ihre Freundin Mary McCarthy hat Arendts Denk-Haltung schön beschrieben: Sie lag auf der Couch, aber mit offenen Augen; dabei durfte man sie nicht ansprechen. Diese Szene kommt im Film mehrmals vor. Aus dieser Ruhe heraus wurde sie zu einer sehr energischen Kämpferin.

 

Für einen Film braucht man Gegner

 

Ein Kern-Element ihre Totalitarismus-Theorie kommt im Film nicht vor: die Parallelen zwischen Nationalsozialismus und Stalinismus als Herrschafts-Formen, die sich von allen anderen unterscheiden.

 

Man kann keinen Film über ein Buch drehen. Für einen Film braucht man einen Gegner: Auf der einen Seite steht Arendt, auf der anderen Eichmann. Er ist ein völlig mittelmäßiger Mensch, der keinen richtigen Satz formulieren kann. Sie sieht ihn an, und er weiß nicht, dass sie an seinem Beispiel den Begriff «Banalität des Bösen» formulieren wird, der für immer mit seinem Namen verbunden sein wird. Hätte er es gewusst, wäre er vielleicht sogar stolz darauf gewesen. Sie kämpft mit ihm als Gegner, weil sie ihn erfassen und beschreiben muss.

 

Dazwischen steht Heidegger – ihr «heimlicher König des Denkens», wie sie ihn genannt hat: Er konnte zwar denken, ist aber trotzdem dem Nationalsozialismus anheim gefallen. Das sind drei Varianten, die der Film aufzeigt: Gedankenlosigkeit; das verführte Denken und ein Denken, dass sich nicht verführen lässt.

 

Arendts Buch erst 2002 in Israel veröffentlicht

 

Der Film zeigt Israel kritisch; etwa in der Szene, in der Hannah Arendt vom israelischen Geheimdienst eingeschüchtert wird. Wie wird er dort aufgenommen?

 

Hintergrund

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Hannah Arendt

Das weiß ich noch nicht. Auf einem Frauenfestival erhielt er sehr positive Reaktionen, aber landesweit wird er erst im April gezeigt; dann erwarte ich einige Gegenstimmen. Arendts Buch über «Eichmann in Jerusalem» ist in Israel erst 2002 veröffentlicht worden, also 40 Jahre, nachdem sie es verfasst hat. Andererseits haben sich mehrere israelische Filmförder-Einrichtungen an der Produktion beteiligt.

 

Wenn Sie Hannah Arendt eine Frage stellen könnten, wie würde sie lauten?

 

Ob sie mit mir und diesem Film leben kann. Ich würde mir gerne von ihr sagen lassen: Ja, Du hast mich verstanden.


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