Edwin

Die Nacht der Giraffe

Lana (Ladya Cheryl) wächst im Zoo auf. Foto: Neue Visionen Filmverleih
(Kinostart: 17.1.) Die Welt als Tierpark: Ein Mädchen wächst im Zoo von Jakarta auf und gerät als Frau in den Großstadt-Dschungel. Der träumerische Bilderbogen des indonesischen Regisseurs Edwin täuscht leicht über seine Realitätsnähe hinweg.

Kindheit im künstlichen Paradies: Der Zoo von Indonesiens Hauptstadt Jakarta ist so weitläufig und mit üppigem Grün bepflanzt, als sei er unberührter Urwald. Und zugleich kindgerecht ausstaffiert mit bonbonbunten Plastiktieren als Tretbooten und Achterbahn-Waggons wie ein Fantasialand-Freizeitpark.

 

Info

Die Nacht der Giraffe

 

Regie: Edwin
96 min., Indonesien/ Deutschland 2012; 

mit: Ladya Cheryl, Nicholas Saputra, Adije Nur Ahmad

 

englische Website zum Film

Hier wächst Lana (Ladya Cheryl) auf, nachdem ihr Vater sie als Kleinkind dort ausgesetzt hatte. Von Tierpflegern umsorgt wie deren eigentliche Zöglinge, hat sie Jungtiger und -bären als Spielkameraden wie Mowgli in einem domestizierten Dschungelbuch. Allerdings nur mit Blickkontakt; anfassen darf sie die Käfiginsassen kaum.

 

Biologie-Begriffe für alle

 

Also beobachtet Lana die Tiere genauso ausdauernd wie die Besucher, die sie herumführt. Beide Spezies beschreibt sie mit demselben biologischen Fachvokabular, mit dem der Film in Zwischentiteln die Phasen ihrer Entwicklung kommentiert: Menschen sind auch nur flügellose Zweibeiner.


Offizieller Filmtrailer


 

Impressionen aus dem Mikrokosmos

 

Was den Reiz, das Verhalten aller Kreaturen zu studieren, nicht mindert. Im Gegenteil: In seinem zweiten Spielfilm lässt der 34-jährige indonesische Regisseur Edwin seiner Faszination für den eigentümlichen Mikrokosmos eines Zoos freien Lauf. 

 

Mit malerischen Impressionen in ruhigen Einstellungen: Ein Regenschauer streicht staubige Elefantenhaut dunkelgrau an. Tropfen wedeln Nilpferde im See mit ihren kleinen Ohren beiseite. Die Giraffe, Lanas Lieblingstier, angelt sich mit unfassbar langer Zunge die saftigsten Grashalme. 

 

Versprechen von Freiheit und Abenteuer

 

Trotz Gedränges auf den Spazierwegen herrscht träumerische Beschaulichkeit – eine exterritoriale Oase mitten in der Metropole. Abends, wenn Tiere, Pfleger und heimliche Bewohner unter sich sind, tauchen Blaufilter das Terrain in die surreale Atmosphäre einer Märchenwelt.

 

Bevor die lose Szenenfolge in ein animiertes Foto-Album für Tierfreunde ausufert, wie der englische Verleihtitel «Postcards From The Zoo» ironisch suggeriert, dringt die Außenwelt in Lanas eingehegtes Dasein ein. In Gestalt eines Magiers (Nicholas Saputra), der als Cowboy kostümiert auftritt: die Inkarnation des Versprechens von Freiheit und Abenteuer.

 

Massage-Salon als Menschen-Zoo

 

Wortkarg lässt er Leuchtkugeln aus dem Nichts auftauchen oder Feuerbälle in der Luft schweben; seine Taschenspieler-Tricks berühren Lanas Sehnsüchte. Verliebt folgt sie ihm nach draußen, verkleidet sich als Squaw und assistiert ihm bei Show-Nummern. Bis der Zaubermeister so abrupt verschwindet, wie er gekommen ist.

 

Lana strandet im Massage-Salon und wird in die Kunst eingewiesen, Männer mit geschickten Handgriffen zu befriedigen. Das Bordell ist gleichfalls eine artifizielle Welt, die sich um Schaulust und kreatürliches Verhalten dreht. Dennoch wirkte die Parallelsetzung als Menschen-Zoo arg konstruiert, würde sie nicht präzise den Werdegang vieler junger Frauen in Südostasien beschreiben.

 

Bauch der Giraffe berühren

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.


Lesen Sie hier einen Beitrag zum Debüt-Film  “Beasts Of The Southern Wild” von Benh Zeitlin über surreale Welt-Erfahrungen eines Kindes in den Sümpfen des Missisippi-Deltas


sowie hier eine Besprechung der Gruppen-Ausstellung “Asia: Looking South” mit fünf indonesischen Künstlern in der Galerie ARNDT, Berlin.

Sie wachsen in ländlicher Abgeschiedenheit auf, werden von trügerischem Glanz in die Großstadt gelockt und dort Nachschub für die Sex-Industrie. Auch wenn sie den Weg zurück finden wie Lana am Ende in den Zoo, sind sie dort nicht mehr zuhause. Diese Entfremdung zeigt der Film so diskret wie eindrücklich als Totale.

 

Besucher-Scharen strömen umher, buntes Treiben wie eh und je – und es dauert eine Weile, bis man im Gewimmel die regungslose Heldin ausmacht. In der Nacht erfüllt sie sich jedoch einen alten Herzenswunsch: Nun ist sie groß genug, um den Bauch der Giraffe zu berühren.

 

Strom exotischer Eindrücke

 

Seine Coming of age-Parabel führt Regisseur Edwin als makellos fotografierten Bilderbogen vor, dessen optische Opulenz leicht über seine Realitätsnähe hinwegtäuscht. Dieser Strom exotischer Eindrücke, gespeist von Tier-Symbolik einer fremden Mythologie, hat etwas schlafwandlerisch Schwebendes. Doch reines Wohlfühl-Kino ist der Film nicht – dazu enthält er zuviel schnöde Wirklichkeit, auch wenn er sie asiatisch dezent inszeniert.


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