Stefan Schwietert

Balkan Melodie

Musik-Ethnologen als frühe Grenzgänger. Foto: Ventura Film

(Kinostart: 7.2.) Seit den 1950er Jahren erforscht das Schweizer Ehepaar Cellier die Klänge des Balkans. Stefan Schwietert dokumentiert die Pionierleistung der unerschrockenen Musikliebhaber auf den Spuren ihrer damaligen Reisen.

Musik vom Balkan erfreut sich großer Beliebtheit: Mit Technobeats unterlegt, ist sie zum Synonym für energetische, blechblasbefeuerte Party-Musik geworden. Die Doku von Regisseur Stefan Schwietert führt zurück in eine Zeit, als in Westeuropa diese Musik hinter dem «Eisernen Vorhang» noch nahezu unbekannt war.

 

Info

Balkan Melodie

 

Regie: Stefan Schwietert
92 min., Deutschland/ Bulgarien/Schweiz 2011; 

mit: Marcel und Catherine Cellier, Gheorghe Zamfir,
Le Mystère des Voix Bulgares

 

Website zum Film

«Balkan Melodie» folgt den Spuren des Ehepaars Marcel und Catherine Cellier aus der Schweiz. Ihre Liebe zur Volksmusik in Osteuropa machte die Celliers zu Pionieren: Ab 1950 bereisten sie 40 Jahre lang mit dem Auto die Gegenden zwischen Ostsee und Schwarzem Meer und lauschten ungewohnten Klängen von Radio Sofia, Radio Bukarest und Radio Skopje. Super-8-Aufnahmen und Fotos, die dabei entstanden, liefern visuelle Anschauung zu ihren Erzählungen voller warmer Erinnerungen.

 

5000 Tonband-Aufnahmen

 

Von seinen Reisen brachte Marcel Cellier einen wahren Schatz mit, der auf 5000 Tonbändern gespeichert ist. Seine Aufnahmen von traditioneller, ländlicher Musik und Roma-Melodien machte er mit Radiosendungen dem Publikum im Westen bekannt. 1968 «entdeckte» er den rumänischen Panflöten-Virtuosen Gheorghe Zamfir, wurde dessen Manager und produzierte seine erste Schallplatte. Sie verkaufte sich eineinhalb Millionen mal.


Offizieller Filmtrailer


 

Zwischen Idealismus und Ausbeutung

 

Auf der ersten Station der Film-Reise Richtung Osten begegnen wir Zamfir in Bukarest. Der einstige Plattenmillionär, dessen Panflöte Soundtracks von Filmen wie «Es war einmal in Amerika» oder «Kill Bill» veredelte, ist heute Musiklehrer – unnachgiebig und unermüdlich vermittelt er seine reine Lehre. Auf die Celliers ist er nicht mehr gut zu sprechen.

 

«Zamfir wurde gierig», bedauert Cellier im Film und rechnet vor, dass er selbst von seinem 40-prozentigen Gewinn-Anteil die Produktionskosten bezahlen musste. Wobei er als Vizepräsident einer Bergbau-Gesellschaft finanziell unabhängig war. Die Episode wirft ein Licht auf ein Dauerproblem westlicher Produzenten, die musikalische Schätze in anderen Weltregionen heben: Wo verläuft die Grenze zwischen Idealismus und Ausbeutung?

 

Volksmusik-Verstaatlichung

 

Fakt ist: Wenn von nun an Celliers Name auf einem Platten-Label stand, hatte das Gewicht – und das Paar war längst nicht am Ende seiner Reise. Auf deren Spuren schlägt der Film ein angenehm  gemessenes Tempo an. Jede Station wird musikalisch eingeleitet, dann folgt ein Porträt der Musiker in ihrem heutigen Umfeld mit Rekurs auf die Zeit, bevor die Celliers ins Spiel kamen.

 

Wo sie auftauchten, kam es zur Begegnung zweier Systeme: Die Reisenden aus dem kapitalistischen Ausland trafen auf ein für sie unverständliches Dasein im Kommunismus. Für die damalige «Verstaatlichung» ihrer Volksmusik liefern drei Musiker in der rumänischen Region Maramuresch einen Beleg.

 

TV-Chor aus Bulgarien

 

Der Staat kollektivierte nicht nur die Landwirtschaft, sondern auch die Volksmusik: Der traditionelle Volkstanz «Hora», der vorher Privatfeiern bis in die frühen Morgenstunden animierte, sollte nun in der Mehrzweckhalle als Formations-Tanz von 50 identisch gekleideten Akteuren stattfinden.     

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau
bei Film-Zeit.


Lesen Sie hier einen Beitrag zum Film  “Das Lied des Lebens” von Irene Langemann, ein berührendes Porträt des Komponisten 
Bernhard König


sowie hier eine Kritik zu “Flamenco, Flamenco
von Carlos Saura, mit  dem Alt-Meister der Gitarre: 
Paco de Lucía

 

und hier eine kultiversum-Empfehlung zum Film
Passione!“ von John Tuturro über das 
Musikleben in Neapel

Doch an der nächsten Station wird deutlich, dass Kollektivierung die Kreativität nicht unbedingt erstickte, sondern nur neu kanalisierte: Die Frauenstimmen des bulgarischen Fernseh-Chors veröffentlichte Cellier 1975 unter dem Namen «Le Mystère des Voix Bulgares» auf einem gleichnamigen Album. Durch eine re-issue in den 1980er Jahren wurden sie weltberühmt: Ihre «avantgardistische Volksmusik» inspirierte westliche Popmusiker von George Harrison bis Kate Bush. 

 

Internationaler Markt

 

Dank seines hervorragenden Rufes hat der Chor das Ende des Kommunismus überlebt – im Gegensatz zu vielen anderen Institutionen, die das Volksmusik-Erbe in Osteuropa erhielten und Musikern ein Auskommen boten. Mit Nostalgie blickt Aurelio Ionita, Chef der rumänischen Gypsy-Pop-Band «Mahala Rai Banda», auf die 1980er Jahre zurück: Heute muss ein Musiker als Unternehmer sein Produkt auf dem internationalen Markt positionieren. 

 

So konfrontiert der Film auf ruhige Weise ohne Erklärungen aus dem Off mit guten Fragen: Was ist «ursprünglich», was «authentisch»? War früher alles besser oder eher schlechter? Und ist Musik nicht eine Kunstform, die sich aus diesen Widersprüchen immer neu erfinden kann?


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