Rønning + Sandberg

Kon-Tiki

Mit Enterhaken gegen Raubfische: Die Crew-Mitglieder Torstein (Jakob Oftebro) und Knut (Tobias Santelmann) wehren einen Hai-Angriff ab. Foto: DCM Filmverleih

(Kinostart: 21.3.) Die große Überfahrt: Mit einem Floß zeigte Thor Heyerdahl 1947, dass Pazifik-Inseln von Amerika aus besiedelt wurden. Nun ist seine legendäre Seereise als klassisches Abenteuer-Epos ohne übertriebenes Pathos verfilmt worden.

Die Pazifik-Überquerung der Kon-Tiki 1947 ist eine der großen Erfolgs-Geschichten des 20. Jahrhunderts; erstaunlich, dass sie erst jetzt als Spielfilm ins Kino kommt. Doch eine Verfilmung gibt es längst: Thor Heyerdahl selbst erhielt 1951 für Aufnahmen, die er auf dem Floß gemacht hatte, den Oscar für den besten Dokumentarfilm.

 

Info

Kon-Tiki

 

Regie: Joachim Rønning + Espen Sandberg, 113 min., Norwegen/Großbritannien 2012;
mit Pål Sverre Hagen, Jakob Oftebro, Gustav Skarsgård

 

Website zum Film

Zudem wurde sein Reisebericht in fast 70 Sprachen übersetzt und verkaufte sich 50 Millionen Mal. Damit war für Heyerdahl alles gesagt. Erst als er Geld für weitere Expeditionen brauchte, die er bis zu seinem Tod 2002 unermüdlich durchführte, gab er den Stoff zur dramaturgischen Bearbeitung frei.

 

Norwegens teuerster Film

 

Nun bringen ihn Joachim Rønning und Espen Sandberg auf die Leinwand – mit der teuersten norwegischen Filmproduktion, die es je gab. Das Regisseur-Duo ist auf heimatliche Helden-Taten spezialisiert: In «Max Manus» porträtierten sie 2008 einen Widerstandskämpfer gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg.


Offizieller Film-Trailer


 

Niemand glaubt Heyerdahl

 

Auch in «Kon-Tiki» kratzen sie nicht am Lack von Norwegens Nationalheiligtum; dazu böte Heyerdahls Vita auch wenig Anlass. Stattdessen folgt der Film dem klassischen Strickmuster eines Abenteuer-Epos: per aspera ad astra.

 

Dem jungen Forscher, der 1937/8 auf der Südsee-Insel Fatu Hiva lebt, erzählt ein Einheimischer von der mythischen Herkunft seines Volkes aus dem Osten. Das widerspricht dem damaligen Stand der Wissenschaft: Man nimmt an, dass Polynesien von Südostasien aus besiedelt wurde. Heyerdahl findet Stein-Statuen und Feldfrüchte, die denen in Südamerika ähneln. Doch niemand glaubt diese Theorie; seine Aufsätze bleiben ungedruckt.

 

Perus Präsident finanziert Expedition

 

So verfällt er auf die Idee, experimentell zu beweisen, dass er Recht hat. Er lässt aus 13 Meter langen Balsaholz-Stämmen mit traditionellen Methoden ein Floß bauen, das er auf den Namen des Inka-Sonnengottes tauft. Es wird allein von Querhölzern und Hanfseilen zusammengehalten und verfügt dabei über Mast, Steuer und Schutzhütte. Das einzige moderne Utensil ist ein Funkgerät.

 

Perus Präsident José Luis Bustamante gefällt die Vorstellung, Vorfahren seiner Landsleute hätten die Südsee erobert; er finanziert die Expedition. Bei seiner fünfköpfigen Crew verlässt sich Heyerdahl auf norwegische Freunde und Bekannte; nur einer kann segeln. Zwei wissen wenigstens mit einem Funkgerät umzugehen.

 

80 Minuten in der Wasserwüste

 

Diese Landratten stechen im Februar 1947 von der peruanischen Küste aus in See; ihr Gefährt erweist sich als quasi manövrierunfähig. Strömungen und Winde treiben es erst die Küste entlang, dann auf den offenen Ozean hinaus in Richtung Galapagos-Inseln. Nach 101 Tagen erreicht Kon-Tiki das Raroia-Atoll im Tuamotu-Archipel – unweit von den Marquesas-Inseln, wo Heyerdahl seine Theorie entwickelte.

 

Diese Pazifik-Überfahrt war gewagt, aber vor allem langwierig. Doch der Film umschifft souverän die verhängnisvollste Klippe: Mehr als 80 Minuten lang zeigt er fünf eher wortkarge Norweger auf engstem Raum in einer unendlichen Wasserwüste, ohne zu langweilen.

 

Sonnenverbrannte Wikinger mit Vollbärten

 

Hintergrund

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit.

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des 3D-Films „Life of Pi“ von Ang Lee über einen „Schiffbruch mit Tiger

 

und hier einen Beitrag über den Film „“Beasts Of The Southern Wild” von Benh Zeitlin über den Hurrikan “Katrina” aus Kinder-Sicht

 

und hier eine Rezension der Ausstellung „Maori – Die ersten Bewohner Neuseelands“ im Linden-Museum, Stuttgart.

Die Gefahren einer Seereise in der Nussschale – Stürme, Hai-Attacken, Boots-Schäden und Lagerkoller – kommen dramaturgisch wohldosiert, aber nicht übermäßig vor: Keiner der sechs Flößer wird zum Übermenschen hochstilisiert. Allenfalls verweilt die Kamera etwas lange auf ihren sonnenverbrannten Wikinger-Gesichtern, die wilde Vollbärte schmücken: Sie sagen halt so wenig.

 

Und die Regisseure verschweigen nicht das Geheimnis von Heyerdahls Berühmtheit. Der 33-jährige Anthropologe und Ethnologe mochte als Kapitän ein Anfänger sein; in Sachen PR war er ein Naturtalent. Schon das Auslaufen im peruanischen Pazifik-Hafen Callao inszenierte er als Volksfest.

 

Heyerdahl war Nichtschwimmer

 

Danach blieb die ganze Welt auf dem Laufenden: Bei jedem Funkkontakt gab er Position der Kon-Tiki und Lageberichte durch, die er unermüdlich schrieb. Karten, welchen Kurs das Floß nahm, erschienen auf der Titelseite der «New York Times». Den größten Sieg feierte Heyerdahl aber über sich selbst: Er war eigentlich wasserscheu und konnte nicht schwimmen.


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