Irrfan Khan

Lunchbox

Mit ihren Kochkünsten möchte Ila (Nimrat Kaur) ihrer Ehe mehr Würze verleihen. Foto: © AKFPL

(Kinostart: 21.11.) Liebe geht durch den Magen: Mit einem falsch ausgelieferten Lunchpaket beginnt die Brieffreundschaft zwischen Fremden. Regisseur Ritesh Batra porträtiert Metropolen-Bewohner in Mumbai zart ironisch ohne Bollywood-Übertreibungen.

„Manchmal fährt der falsche Zug zum richtigen Bahnhof“, lautet eine indische Alltagsweisheit, die in diesem Film mehrfach wiederholt wird. Die Redensart passt sowohl metaphorisch als auch ganz konkret: Die Handlung wird dadurch ausgelöst, dass eine „Lunchbox“ nicht das geplante Ziel erreicht.

 

Info

 

Lunchbox

 

Regie: Ritesh Batra,

105 Min., Indien 2013;

mit: Irrfan Khan, Nimrat Kaur, Mawazuddin Siddiqui

 

Website zum Film

 

Diese Konstruktionen aus ineinander gesteckten Blechdosen, die man hierzulande „Henkelmann“ nennt, werden auf dem indischen Subkontinent dazu verwendet, um mehrteilige Menüs für den Außerhaus-Verzehr zu transportieren.

 

Dabbawallas bringen Lunchpakete

 

Die Metropole Bombay/Mumbai ist unter anderem für ihr ausgeklügeltes Logistik-System des Lunchpaket-Transports bekannt. Millionen von Hausfrauen lassen täglich ihren arbeitenden Männern und anderen Angehörigen frisch gekochtes Essen durch so genannte Dabbawallas an den Arbeitsplatz bringen.


Offizieller Filmtrailer


 

Kochen für die Gatten-Liebe

 

Eine dieser Frauen ist Ila (Nimrat Kaur), Mutter einer Tochter im Grundschulalter und Ehefrau eines viel beschäftigten Angestellten, der für seine Frau kaum noch Augen hat. Ila hofft, die Zuneigung ihres Mannes zurück zu gewinnen, indem sie besonders gut für ihn kocht.

 

Gemeinsam mit einer alten Nachbarin, die während des gesamten Films nicht zu sehen ist und mit der Ila nur durch das offene Küchenfenster spricht, knobelt sie neue, raffinierte Rezepte aus. Anschließend übergibt sie die fertigen Köstlichkeiten dem Dabbawallah und wartet mit klopfendem Herzen darauf, ob die Dosen leer zurückkommen.

 

Menu-Kritik mit Zettel-Wirtschaft

 

Eines Tages erreicht die Lunchbox nicht ihren Mann, sondern landet stattdessen auf dem Tisch eines älteren Angestellten,: Saajan Fernandes (Irrfan Khan) ist nach dem Tod seiner Frau zum mürrischen Eigenbrötler geworden und steht nun kurz vor der Frühpensionierung. Er verspeist alles mit Genuss, um danach dem Restaurant mitzuteilen, das ihn täglich mit seinem Mittagessen beliefert, man möge fortan bitte immer so gut kochen.

 

Ila hat zwar gemerkt, dass ihre Lunchbox falsch ausgeliefert wurde, ist aber geschmeichelt, dass der Unbekannte alles verzehrt hat. Sie legt der nächsten Lieferung einen Zettel bei und möchte wissen, ob es geschmeckt hat. Zu salzig sei es gewesen, antwortet Saajan. Ila pariert das mit einem beherzten Griff in die Chili-Dose.

 

Private Dosenzettel-Beziehung

 

Allmählich wird die Lunchbox zur Letterbox. Mit täglichen Zettel-Botschaften vertrauen die junge Frau und der ältere Mann sich zunehmend private Dinge an. Ihr Bewusstsein, einen Vertrauten zu haben, wirkt sich auch auf ihr Verhältnis zur Umwelt aus. Natürlich bleibt es nicht aus, dass beide ihre Dosenzettel-Beziehung immer stärker romantisieren. Aber kann das gut gehen?

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie hier eine Besprechung des Films „Life Of Pi – Schiffbruch mit Tiger“  – von Ang Lee mit Irrfan Kahn

 

und hier einen Bericht über den Film „Mitternachtskinder“  – grandiose Verfilmung von Salman Rushdies Indien-Epos von Deepa Mehta

 

und hier eine Rezension des Films „Englisch für Anfänger“  – indische Multikulti- + Emanzipations-Komödie von Gauri Shinde

 

Regisseur Ritesh Batra stammt aus Mumbai, hat in New York Film studiert und legt mit „Lunchbox“ sein Spielfilm-Debüt vor. Die Grundidee entwickelte er bei der Recherche über die Dabbawallas für einen Dokumentar-Film. In „Lunchbox“ rückt die Dabbawalla-Szene in den Hintergrund; sie gibt gleichsam die Kulisse ab für eine psychologisch fein ausbalancierte Geschichte über Menschen in der Großstadt.

 

Untadelige Verzweiflung statt Grimassen

 

Dass die Figuren so glaubwürdig erscheinen, ist auch das Verdienst ausgezeichneter Schauspieler. Nimrat Kaur gibt als Ila ihrer äußerlich untadeligen Haltung einen gerade noch spürbaren Hauch echter existenzieller Verzweiflung; Irrfan Khan – im Westen aus „Life of Pi“ (2012) von Ang Lee bekannt – gerät nie in die Versuchung, seine Figur eines ältlichen Frührentners überzuchargieren.

 

Die einzige Figur, die ihren Part bollywoodesk übertreiben darf, ist sein junger Kollege Shaikh, den Mawazuddin Siddiqui mit Dauergrinsen und Augenaufreißen spielt. Sein Grimassenschneiden wird in einer Schlüsselszene als schlechtes Theater entlarvt, das nur dazu dienen soll, die wahren Verletzungen der dahinter stehenden Person zu verbergen.

 

Großer Appetit auf indische Küche

 

Der ganze Film steckt voller solcher unauffällig bedeutsamer Wendungen. Regisseur Batra beherrscht vollendet das Spiel mit Andeutungen und falschen Erwartungen, betreibt es aber  kunstvoll zurückhaltend und mit ganz zarter Ironie. Das macht sein kleines, feines Großstadt-Drama zum großen cineastischen Genuss, der nur ein einziges Manko hat: Man bekommt furchtbaren Appetit auf indische Küche. Aber man sollte eh nie hungrig ins Kino gehen.


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