Abdellatif Kechiche

Blau ist eine warme Farbe (La vie d`Adèle)

Adèle (Adèle Exarchopoulos) und Emma (Léa Seydoux). Foto: Alamode Film

(Kinostart: 19.12.) Autorenfilm-Skandalerfolg des Jahres: Der Cannes-Gewinner 2013 von Regisseur Kechiche wird für seine authentische lesbische Liebesgeschichte gelobt; manche stört viel expliziter Sex. Dahinter steht ein klassischer Bildungsroman.

Für den Regisseur Abdellatif Kechiche, Franzose mit tunesischen Wurzeln, dürfte dieses Jahr das bisher erfolgreichste seines Lebens sein. Sein Film „Blau ist eine warme Farbe“ erhielt Preise ohne Unterlass, angefangen von der Goldenen Palme in Cannes bis zum Europäischen Filmpreis; Kritiker und Publikum sind begeistert.

 

Info

 

Blau ist eine warme Farbe (La vie d`Adèle)

 

Regie: Abdellatif Kechiche

179 Min., Frankreich 2012

mit: Léa Seydoux, Adéle Exarchopoulos, Salim Kechiouche

 

Website zum Film

 

Mit ihren Klassenkameraden liest Adèle (Adèle Exarchopoulos) in der Schule Marivaux‘ „La Vie de Marianne“; wer genau hinhört, weiß sofort, wie das Schicksal der Hauptfigur verlaufen wird. Adèle ist 17 und liebt klassische französische Literatur.

 

In der Schulpause Jungs auschecken

 

Ansonsten ist sie ein ganz normaler Teenager, redet mit ihren Freundinnen über alles im Pausenhof und checkt dabei die Jungs aus. Mit dem gut aussehenden Thomas geht sie auch aus und später ins Bett. Das macht man eben so.


Offizieller Filmtrailer


 

Beziehung bis zum bitteren Ende

 

Als Adèle aber die unkonventionelle Emma (Léa Seydoux) kennen lernt, ist plötzlich alles anders. Emma ist Künstlerin, verwirrend direkt und hat knallblaue Haare. Beide werden ein Paar und erleben alle Höhen und Tiefen einer Beziehung, bis zum bitteren Ende.

 

So weit, so konventionell: Dieser Film ist schließlich nicht die erste lesbische Liebesgeschichte auf der Leinwand. Doch Kechiche macht mehr daraus als ein bloßes Beziehungsdrama. Der französische Originaltitel „La Vie de Adèle, Chapitre 1 & 2“ stellt klar, dass der Regisseur sich von Literatur inspirieren ließ – wie schon in seinem Film „L’Esquive” (2003), in dem Vorstadt-Schüler versuchen, ein Drama von Marivaux aufzuführen.

 

Schule als Zäsur + Vorschau

 

Zudem diente Kechiche der Comic „Le Bleu est une couleur chaude“ von Julie Maroh als Vorlage: Tatsächlich unterteilt er seinen Film in mehrere Kapitel. Immer wieder sieht man Adele im Unterricht: zunächst als Schülerin bei Diskussionen über Literatur, später als angehende Lehrerin im Praktikum.

 

Diese Szenen sind Zäsur und zugleich Vorschau auf das kommende Geschehen, ganz wie im klassischen Bildungs-Roman. Und so geht auch Adèle naiv in die Welt hinaus, um mit der Zeit zu reifen. Wie in Kechiches früheren Filmen, zuletzt „Couscous mit Fisch“ (2007), prallen zwei sehr unterschiedliche Welten aufeinander.

 

Beim Essen über beste Austern reden

 

Da ist die brave, kleinbürgerliche Familie von Adèle, die Lehrerin werden will, um einen soliden Beruf zu haben; aber auch, um die Horizonte, die ihr die Schule eröffnet hat, vielleicht einmal anderen weiterzugeben. Auf der anderen Seite steht die großbürgerliche Kunststudentin Emma, die sich in ihrem Freundeskreis viele Freiheiten erlauben kann; ihre Eltern debattieren beim Abendessen über die besten Austern.

 

Ihre verschiedene Herkunft ist aber beiden Frauen nicht wichtig. Sie empfinden echte Leidenschaft füreinander, die Kechiche sehr eindrücklich und beinahe naturalistisch inszeniert. Dazu gehören auch lange, explizite Sex-Szenen, die sich organisch in die Geschichte dieser großen, unbedingten Liebe einfügen.

 

X Großaufnahmen von Schmollmund

 

Hintergrund

 

Weitere Rezensionen finden Sie in der Presseschau bei Film-Zeit

 

Lesen Sie ein Interview mit Regisseur Abdellatif Kechiche über seinen Film „Blau ist eine warme Farbe“

 

und hier eine Besprechung des Films „Concussion – Leichte Erschütterung“ – Coming-Out als lesbische Hobbyhure von Stacie Passon

 

und hier einen Beitrag über den Film „Tage am Strand“ – lesbisches Liebesdrama mit Naomi Watts + Robin Wright von Anne Fontaine

 

und hier einen Bericht über den Film „Sharayet – Eine Liebe in Teheran“ – lesbisches Coming-Out im Mullah-Regime von Maryam Keshavarz

 

Rastlos umkreist dabei die Kamera beide Frauen und kann sich kaum an ihren Gesichtern satt sehen, vor allem den Mündern. Das ist zugegebenermaßen ein männlicher Blick; heterosexuellen Frauen könnten die xte Großaufnahme von Adèles Schmollmund oder Gewuschel im Langhaar ein wenig sauer aufstoßen.

 

Dennoch wirkt alles authentisch und ist keineswegs langweilig. Neben der Liebesgeschichte erzählt Kechiche ganz in Autorenfilm-Manier noch etwas über die französische Klassengesellschaft: Adèle wird mit der Künstler-Meute, die Emma um sich schart, nie wirklich warm.

 

Exhibitionistische Unbedingtheit

 

Als die Künstlerin mit ihren Bildern Erfolg und kaum mehr Zeit für die Geliebte hat, tröstet Adèle sich mit einem Kollegen aus der Schule. Ihre Beziehung zerbricht aber nicht wie in alten Romanen an sozialen Differenzen, sondern an ganz normalen Mühen des Alltags, und vielleicht auch an Adèles gedankenloser Unreife.

 

Das spielen die beiden Hauptdarstellerinnen Adèle Exarchopoulos und Léa Seydoux sensationell natürlich und glaubhaft. Beide agieren mit einer fast exhibitionistischen Unbedingtheit, so dass man beinahe glauben mag, sie seien ein echtes Paar.

 

Dafür verlangte Regisseur Kechiche ihnen bei den Dreharbeiten auch einiges ab, bis zur völligen Erschöpfung. Die kommt dagegen beim Zuschauer trotz drei Stunden Laufzeit nie auf;  am Ende hofft man, irgendwann werde ein weiteres Kapitel aus Adèles Leben erzählt werden.


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