Abdellatif Kechiche

Die heutige Jugend ist beeindruckend

Regisseur Abdellatif Kechiche beim Festival von Cannes 2013, wo sein Film die Goldene Palme gewann. Fotoquelle: Wikimedia.org

Mit „Blau ist eine warme Farbe“ über zwei junge Lesben gewann Abdellatif Kechiche die Goldene Palme in Cannes. Der gebürtige Tunesier kam als Kind nach Frankreich; ein Interview über die späte sexuelle Revolution und seine Bewunderung für Mitterrand.

Monsieur Kechiche, Ihr Film „Blau ist eine warme Farbe“ basiert auf einem Comic. Wie sind Sie darauf gekommen?

 

Ursprünglich wollte ich einen Film über eine engagierte Lehrerin drehen, aber aus dem Entwurf ist nie ein fertiges Drehbuch geworden. Schließlich bekam ich einen Comic in die Hand, der einerseits von der Liebe zweier Frauen erzählt, andererseits eine der beiden Frauen in den Mittelpunkt stellt, die unbedingt Lehrerin werden will. Irgendwie sah ich darin eine Parallele zu meiner geplanten Geschichte und die Chance, sie mit der Comic-Vorlage frei zu verknüpfen.

 

Spielberg will Film seinen Töchtern zeigen

 

Die Liebesszenen der beiden Hauptdarstellerinnen sind sehr freizügig. Können Sie sich erklären, warum es immer noch Aufsehen erregt, wenn im Film Nacktheit ausführlich gezeigt wird?

 

Info

 

Blau ist eine warme Farbe (La vie d`Adèle)

 

Regie: Abdellatif Kechiche

179 Min., Frankreich 2012

mit: Léa Seydoux, Adéle Exarchopoulos, Salim Kechiouche

 

Website zum Film

 

Ich habe nicht den Eindruck, dass angesichts meines Films „Blau ist eine warme Farbe“ nur über Nacktheit gesprochen wird. Weltweit habe ich über meinen Film schon so oft gesprochen, dass ich ihn keineswegs nur auf das Thema der Nacktheit begrenzen kann.

 

Bei den Zuschauern sind eher die Emotionen angekommen, weil sie von Adèle so berührt waren. Auch Steven Spielberg sagte als Jury-Präsident der diesjährigen Filmfestspiele in Cannes, dass er die Liebesgeschichte sehr schön fand und große Lust hätte, sie seinen Töchtern zu zeigen.

 

Wir waren längst nicht so frei in Sachen Sex

 

In Ihrem Film „L’Esquive“ von 2004 haben Sie sich schon einmal mit der Liebe junger Menschen beschäftigt. Fühlen Sie sich von diesem Thema besonders angezogen?

 

Es stimmt schon, dass mich die Jugend interessiert, aber es ist kein Leitfaden, dem ich folge. Allerdings finde ich die heutige Jugend sehr beeindruckend, weil sie sich von meiner eigenen sehr unterscheidet. Wenn ich die heutige mit meiner Jugend vergleiche, ging es zu meiner Zeit sehr viel reaktionärer und intoleranter zu.

 

Wir waren längst nicht so frei, gerade in Sachen Sex. Wir standen der Welt irgendwie hermetisch abgeriegelt gegenüber. Damals hätte ich mir gewünscht, mich in toleranteren Kreisen zu bewegen. Seit den 1980er Jahren hat die Jugend wirklich eine Entwicklung durchgemacht, aber damals war ich leider schon zu alt, um daran teilzuhaben.


Offizieller Film-Trailer von "Blau ist eine warme Farbe"


 

Mitterrand hat Frankreich geöffnet

 

Warum erst seit den 1980er Jahren?

 

Das lag am damaligen französischen Staatschef, dem Sozialisten François Mitterrand. Nachdem er 1981 zum Präsidenten gewählt worden war, hat er das Land wirklich geöffnet. Er hat zum ersten Mal zugelassen, dass Radio und Fernsehen wirklich unabhängig berichten, und dass sich die Presse liberalisiert. Das hing sicherlich damit zusammen, dass Mitterrand selbst ein freier Geist war.

 

Besser nach Deutschland umziehen

 

Das klingt, als wäre Mitterrand für Frankreich wichtiger gewesen als die 1968er-Bewegung.

 

Hintergrund

 

Lesen Sie hier eine Rezension des Films „Blau ist eine warme Farbe

 

und hier eine Besprechung des Films “Concussion – Leichte Erschütterung” – Coming-Out als lesbische Hobbyhure von Stacie Passon

 

und hier einen Beitrag über den Film “Tage am Strand” – lesbisches Liebesdrama mit Naomi Watts + Robin Wright von Anne Fontaine

 

und hier einen Bericht über den Film “Sharayet – Eine Liebe in Teheran” – lesbisches Coming-Out im Mullah-Regime von Maryam Keshavarz

 

Vielleicht gab es 1968 erste Vorläufer, aber in Frankreich fand die sexuelle Revolution zu dieser Zeit noch nicht statt. Da ist in den 1980er Jahre sehr viel mehr passiert, und das lag an der politischen Vision von Mitterrand: Er wollte das Land für Europa öffnen und glaubte sehr an Partnerschaft, besonders an die deutsch-französische. Vielleicht sollte ich bedauern, dass meine Familie damals nicht nach Deutschland gezogen sind.

 

Was auf Kinoleinwand kaum stattfindet

 

Ihr Film „Couscous mit Fisch“ über die Integration von Maghrebinern in die französische Gesellschaft war sehr autobiographisch geprägt. Beschäftigt Sie noch dieses Thema?

 

Wichtig bleibt mir, dass man Leute und Milieus sichtbar macht, die ansonsten auf der Kinoleinwand kaum stattfinden. Darum geht es mir, wenn ich in einem Film von Homosexualität erzähle und in einem anderen von Einwanderung. Letztlich steht aber die Geschichte im Vordergrund, weshalb für mich die autobiographischen Züge in „Couscous mit Fisch“ nicht entscheidend waren.

 

Hommage an Protestkultur der 1960/70er

 

In „Blau ist eine warme Farbe“ gibt es eine kurze Szene mit einer Demonstration, in der eine Gruppe älterer Männer mit Plakaten eine ganz andere Art von Protest praktizieren.

 

Ja, diese Szene ist eine kleine Hommage an Menschen, die schon immer für soziale Gerechtigkeit gekämpft haben. Es ist so gemeint, dass die jetzigen Protestanten weiterführen, wofür andere vor ihnen schon vor langer Zeit auf die Straße gegangen sind. Bei mir hat diese Szene sehr viele Erinnerungen geweckt. In den 1960/70er Jahren waren meine Eltern politisch sehr engagiert, weshalb das für mich auch einen melancholischen Aspekt hat.


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